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Gletscherschmelze: Das Ende vom ewigen Eis

Gletscherschmelze Ende ewigen
Nationalpark Hohe Tauern(c) APA (Gindlfoto)
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Die Gletscher schmelzen, der Permafrostboden taut auf: Im Nationalpark Hohe Tauern spürt man die Folgen der Klimaerwärmung. Damit steigt auch das Gefahrenpotenzial im Alpinraum.

Zu hohe Temperaturen können tödlich sein. Vor zehn Jahren, im August 2001, löste sich direkt über dem Gletschersee im Salzburger Obersulzbach auf 2238 Meter Seehöhe, dort, wo die Felswandkulisse erstmals einen freien Blick auf das Gipfelmassiv des Großvenedigers freigibt, eine Steinlawine. Drei Bergsteiger starben. Die Ursache für das Abbrechen der Geröllmassen: Das kompakte Gemisch aus Gestein und Eis als Bindemittel, in dem die Temperatur normalerweise ganzjährig unter dem Gefrierpunkt liegt, war nach Jahrhunderten aufgetaut. Ein lokales Ende des sogenannten Permafrostbodens. Aber nicht das einzige im Nationalpark Hohe Tauern.

Auch 500 Höhenmeter weiter unten, auf der Postalm, ist das Auftauen des Bodens spürbar geworden. Ein ganzer Hang donnerte 2005 ins Tal und zerstörte die Zufahrtsstraße. So mussten in den letzten Jahren um 300.000 Euro Brücken und Wegsicherungen gebaut werden, um die Sturzräume unter den erwärmten Hängen zu umfahren. Für Stauseen, Liftanlagen oder alpine Zugtrassen sind derartige morphologische Veränderungen eine potenzielle Gefahrenquelle. „Man weiß noch zu wenig darüber, wie und wann der Berg reagiert“, sagt Jan-Christoph Otto, Geologe an der Uni Salzburg. Über Tiefenbohrungen, wie sie diesen Sommer beispielsweise auch in der Gipfelregion des Kitzsteinhorns durchgeführt wurden, oder durch intramontane Widerstandsmessungen mit Strom versuchen die Forscher, Datenmaterial für Prognosemodelle zu sammeln. Am gefährlichsten ist es bei Bodentemperaturen von minus ein bis minus zwei Grad: Da ist die Instabilität am größten – so viel ist bekannt.

Augenscheinlicher als das Auftauen von Bodenschichten ist das Abschmelzen der Gletscher darüber. Auch das kann man in Österreichs ältestem (seit 1981) und mit 1836 Quadratkilometer Schutzzone größtem Nationalpark im Dreiländereck zwischen Salzburg, Kärnten und Osttirol beobachten. An mehreren Orten rund um die 3000er-Gipfel der Venedigergruppe forschen Geologen, Geografen und Biologen. Sie arbeiten im größten Freiluftlabor Österreichs.

Geröll statt Eis. Im Innergschlöß, einem bilderbuchartigen Talabschluss auf Osttiroler Seite des Nationalparks, führt eine Forschergruppe rund um Leopold Füreder vom Institut für Ökologie der Uni Innsbruck ihre Untersuchungen durch. Mit Netzen, Filtern und Messbechern ausgestattet werden im eiskalten Gschlößbach Gewässerproben genommen, nach Mückenlarven gesucht und Algenablagerungen und Pflanzbewuchs analysiert. Im Obersulzbachtal auf Salzburger Seite untersuchen Kollegen der Uni Salzburg indes mit Filteranlagen die Erosionsleistung und den Schwebstoffgehalt des Gletscherbachs und kartieren einen See, der sich vor der Gletscherzunge in einer Senke gebildet hat. Diese natürlichen Wasserspeicher sind ein Resultat des wärmebedingten Rückzugs des Eises.

Wo in den 1970er-Jahren noch pralle Gletscher ins Tal züngelten, dominiert heute eine unruhige Landschaft aus spitzen Felsbrocken, lang gezogenen Moränenwällen und abgeschliffenen Gneisplatten. Alles Zeugen einer ehemaligen Vergletscherung. „Als ich vor 40 Jahren das erste Mal da war, mussten wir hier schon die Steigeisen für die Eispassagen montieren“, erinnert sich Ferdinand Rieder. Heute steht der Bergführer zwischen schroffen Steinen und weichen Polsterpflanzen, die ersten Fichten und Lerchen haben schon Wurzeln geschlagen und gar nicht viel weiter unten grasen Kühe. Vom Gletscher keine Spur. „Es ist unglaublich, wie schnell die Vegetation die Natur erobert“, wundert sich Rieder mit nachdenklichem Blick. „Die Gletscher sind ein Element mit Ablaufdatum“, sinniert er.

Allein von den Längen der Gletscher lässt sich aber nicht auf kurzfristige klimatische Veränderungen schließen. „Gletscher als Klimaindikatoren reagieren langsam“, begründet Klimatologe Florian Jugreit. Sie können noch nach unten schieben, obwohl sie oben schon kleiner werden. Deshalb greift man auf Masseberechnungen zurück.

Ende September wird wieder Bilanz gezogen. Kurz bevor erste Schneefälle eine neue Nährphase für die Gletscher einläuten, führen die Glaziologen Bohrungen durch, um den Massehaushalt der „trägen Monster“ (Jugreit) zu berechnen. In den letzten Jahrzehnten kam dabei für die Venedigergruppe, die größte zusammenhängende Gletscherfläche der Ostalpen, meist ein Minus heraus. So verlor der Mullwitzkees seit 2006 jährlich zwischen 1,4 und 4,4 Millionen Kubikmeter an Volumen und damit bis zu 1,2 km2 an Fläche, die Gletscherzunge des Schlatenkees zog sich um mehr als 150 Meter zurück, jene des Umbalkees sogar um fast 450 Meter. Auch der Obersulzbachkees wird Jahr für Jahr kleiner. 320 Meter sind es seit 1998, das Volumen verringerte sich in den vergangenen 150 Jahren von 1,4 Milliarden auf 400 Millionen Kubikmeter. „In hundert Jahren könnte der Gletscher verschwunden sein“, prognostiziert Wolfgang Schöner von der Zentralanstalt für Meterologie und Geodynamik ein absehbares Ende für das „ewige Eis“.

Diese Entwicklung hat teils kuriose Folgen. In fünf Tiroler Gletscherskigebieten spannt man mittlerweile im Sommer riesige Vliesbahnen über den Schnee, um ein Abschmelzen zu verhindern und den Skibetrieb zu retten. Direkt auf dem Berg taucht immer wieder Müll auf, den man früher zwischen Gletschereis und Felswand nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ entsorgt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2011)