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Amerikas Abgründe - charmante Reise ins Innere des Ich

Amerikas Abgruende charmante Reise
Mission Drift(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Das Young Directors Project präsentiert die grandiose History-Performance "Mission Drift" und die theatrale Selbstbespiegelung "A Game of You".

Amerikas Heiligenschein schwindet. Die US-Truppe Team (Theatre of the Emerging American Moment, sinngemäß: Theater des entscheidenden Moments) zeigt beim Young Directors Project (YDP) der Festspiele im Salzburger „republic“: „Mission Drift“ (frei übersetzt: „Verlorene Mission“). „Die Presse am Sonntag“ durfte die Generalprobe besuchen. Es geht um zentrale US-Mythen: Die Eroberung des Westens, die Rolle der Religion in Gods own country. Gottes Segen wurde bemüht, um die Indianer auszurotten, das Land zu besetzen, auszubeuten. Bis heute muss er herhalten, wenn die Amis ausziehen, um der Welt zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Poetische US-Genesis. Erhellt wird die Geschichte der USA der letzten 400 Jahre. Es beginnt damit, dass in Las Vegas, der Stadt, die das organisierte Verbrechen und die Atombombe schuf, das Mekka der Spieler, in dem sich vieles findet, was Amerika ausmacht, das Mädchen Joan (Amber Gray) eine US-Schöpfungsgeschichte aufblättert: Die Riesen-Brüder Love und Wrestling gerieten in Streit. Love baute auf, Wrestling zerstörte. Love machte das Land urbar, von den Autobahnen bis zu den Wolkenkratzern. Wrestling sorgte für Chaos und Naturkatastrophen. Wrestling, der Fürst dieser Welt, besaß die Erde. Love nahm schließlich die Gestalt des Unternehmers Steve Wynn an, der Las Vegas halbwegs sauberes Geld von der Wall Street beschaffte und der Stadt ihre heutige Gestalt gab.


Erst werden die Zähne inspiziert. Joan verliert ihren Job und gibt sich den Cocktails hin. Sie lernt einen schwarzafrikanischen Indianer mit Cowboy-Hut kennen (Mikaal Sulaiman), der sie nach Montana mitnehmen will, aber sie kann das schaurige Las Vegas nicht verlassen. Dort erzählt ihr eine Miss Atomic in ständig wechselndem Erscheinungsbild (Heather Christian) das Werden der USA anhand des holländischen Pärchens Catalina (Libby King) und Joris (Brian Hastert). Als 14-jährige lernen die Buchhalterin aus einem Puff und der Habenichts einander in Amsterdam kennen. Als Erstes werden Zähne und Geschlechtsteile inspiziert, um herauszufinden, ob der jeweils andere gesundheitlich intakt ist.

Dabei kann man sehen, wie diskret die Amerikaner in diesen Dingen sind, sehr zum Unterschied vom europäischen Theater, das einen lustvollen Hang zum exzessiv Obszönen pflegt, ohne dass dessen Notwendigkeit immer gleich einleuchten würde. Catalina und Joris, Boat People des Jahres 1624, verlieren im Sturm beinahe ihr Leben bei der Überfahrt nach New Amsterdam. Sie wirken bei der Etablierung des späteren New York mit und werden zu richtigen Pionieren, die ihre Heimat mehr und mehr vergessen, westwärts wandern und sich das Land untertan machen, handgreiflich und durch Geschäfte, bis sie ausgepowert im Vegas von heute ankommen.

Der unglaublich poetische und informative, reich- und welthaltige Text wurde vom Team gemeinsam erarbeitet, die 115-Minuten-Performance ist hinreißend lebendig und emotional gespielt und wird begleitet von wunderbarer Musik. „Mission Drift“ ist das Beste, was seit Langem im Off-Theater zu erleben war, ja vielleicht überhaupt im Theater.

Schauplatzwechsel zu einer weiteren YDP-Produktion: „A Game of You“ kommt von der Gruppe „Ontroerend Goed“ aus Gent in die Aula der Uni Salzburg. In 25 Minuten wird der Zuschauer durch ein Labyrinth geleitet, das wohl sein Inneres darstellen soll. Er hört Stimmengewirr, Geschichten, er erzählt von sich selbst und wird mit seinen eigenen Selbstdarstellungen konfrontiert. Diese werden von einem Schauspieler oder einer Schauspielerin wiedergegeben, was ziemlich amüsant ist.

Die meisten Menschen machen sich nicht klar, was sie den lieben langen Tag an Intimitäten von sich preisgeben oder so dahinschwätzen. Im Programmheft wird der komplexe Überbau dieser Kreation dargelegt. Kurz und gut, geht es um einen Blick hinter den Spiegel des Ich, wie präsentieren wir uns? Was projizieren wir in andere? Sind wir gar nur eine Projektion aus Worten, Mutmaßungen? Letztlich bleibt dies ein Flash auf, ein Sketch über ein diffiziles Geheimnis namens Seele.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2011)