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Auf der Suche nach Chinas Bill Gates

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Hong Kong(c) Seifert
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China will nicht mehr die Werkbank der Welt sein, sondern selbst mit Technik auftrumpfen. Die Internetgeneration drängt voran. China verändert sich, auch wenn das Tempo abnimmt.

Míngtiān guangchang in Shanghai, der „Tomorrow Square“, der Platz der Zukunft, der Platz des Morgen und Übermorgen: In den chromstahlblitzenden Fassaden und Glaspaneelen spiegeln sich glitzernde Neonlichter, der Verkehr rauscht auf der Stadtautobahn, die auf Betonstelzen ruht, vorbei. Mitten auf dem Platz das Marriott-Hotel, untergebracht in einem Wolkenkratzer, der aussieht wie eine Rakete, die jeden Moment in den Himmel aufsteigen könnte.

Die Gebäude: futuristisch. Das Menschengewusel: anarchisch. Der Beat: pulsierend.

Nicht weit von diesem Platz befindet sich Xīn dān wèi („Neue Arbeitseinheit“), ein Ort, an dem junge Entrepreneure und Entwickler einen Schreibtisch und Internetzugang vorfinden, und vor allem auch Kaffee und Gleichgesinnte. Die 30-jährige Chen Xu, eine der Mitbegründerinnen dieses Co-Working-Zentrums, hat am Kings College in London Kreativwirtschaft studiert und dem Autor John Hawkins bei der Neuauflage seines Buches „Creative Economy“ assistiert. Nun hilft sie jungen Unternehmern dabei, erste eigene Schritte zu machen. Denn rund die Hälfte der jungen Programmierer, Designer und Kreativen arbeitet noch bei einer größeren Firma, die eigenen Projekte laufen nebenbei.

Doch der nächste Schritt soll zum Erfolg für die eigene Firma führen. „Die Leute in Shanghai sind es gewöhnt, nicht lange herumzureden, sondern die Dinge in die Hand zu nehmen. Hier ist alles möglich.“ Chen Xu illustriert die Mentalität in der Stadt: „Wenn man in Europa oder den USA Kinder nach ihren Berufswünschen fragt, kommt als Antwort: Feuerwehrmann, Ärztin oder Pilot“, sagt Chen Xu. „Bei uns hingegen sagen viele Kinder: ,Ich will Chef werden.‘ So ist das heutige China.“


Wandel, Wandel, Wandel. China verändert sich. Schon wieder. Immer und immer weiter, auch wenn das Tempo abnimmt. Eben erst hat man sich an den Gedanken gewöhnt, dass China die zweitwichtigste Wirtschaftsmacht hinter den USA ist. Eben erst hat man sich Städtenamen wie Shenzhen eingeprägt, wo die meisten iPhones, Laptops und DVD-Player herkommen, hat von gigantischen Fabriken mit über 100.000 Arbeitern gehört. Von Donguan, der Hauptstadt der Socken, der Bluejeans und der Spielzeugfabriken, und von Chongqing, der größten Stadt der Welt.

Nun steht das Land vor der nächsten Revolution: Die Internetgeneration drängt voran, und das Land will weg vom simplen „made in China“ hin zu Produkten „created in China“ – von der billigen Werkbank und Kopieranstalt der Welt hin zum Versuchslabor für eigene Produkte und Lösungen. Die globalisierte Billigproduktionskarawane, die Massenproduktion von Plastikramsch und simplen T-Shirts zieht ohnehin weiter: nach Vietnam und Bangladesch, auf die Philippinen oder nach Indonesien, dorthin, wo man mittlerweile billiger produziert als im Reich der Mitte.

Chinas Regierungsexperten glauben zu wissen, was zu tun ist, doch das Problem ist die Regierung selbst: „Der Hemmschuh beim Wandel von ,made in China‘ hin zu ,created in China‘ ist zum größten Teil die allmächtige Regierung, die innovative Gedanken und Verfahren behindert. Da gibt es viel zu verbessern“, schreibt Wang Huiyao vom Chinesischen Zentrum für Globalisierung im Sammelband „China in den nächsten 30 Jahren“.

Wang argumentiert, dass es China in der Vergangenheit mit einer rasch wachsenden Bevölkerung („Bevölkerungsdividende“) gelungen sei, den Industriesektor rasch auszubauen. Für die Zukunft komme es aber auf eine „Talentdividende“ an: Doch solange Chinas gut ausgebildete Akademiker keine adäquaten Jobs finden – weil etwa der Servicesektor mit nur 40 Prozent der Gesamtwirtschaft (Österreich: 68 Prozent) unterentwickelt ist – wird sich wenig ändern. Die Jungen finden keine adäquaten Jobs und sind wenig motiviert, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Heilmittel gegen Korruption. Liu Jiren ist Chef von „Neusoft“, einem der größten Softwarehäuser Chinas. Neusoft entwickelt Softwaresysteme für Spitäler, Telekomunternehmen, Elektrizitätsversorger und Anbieter öffentlicher Verkehrsmittel. Der Konzern hat über 15.000 Mitarbeiter, der Standort in der Provinzstadt Dalian erinnert mit seinen altmodischen Häuschen und Gärten an den Campus einer ehrwürdigen englischen Uni und weniger an die Zentrale eines Softwarekonzerns.

Liu glaubt daran, dass Internet und Informationstechnologie China nachhaltig verändern werden: Diese Art von Innovation führe zu mehr Effizienz und Transparenz. Elektronische Verwaltungsabläufe würden die Gelegenheiten für Korruption minimieren, die Mitsprachemöglichkeiten durch Mikro-Blogs wie Weibo.com – eine Art chinesische Version von Twitter.com – „helfen dabei, die Gesellschaft fairer und sauberer zu machen“.

Liu erzählt vom Fall eines kleinen Funktionärs, der mit seiner Luxusuhr am Handgelenk abgelichtet wurde. Als das Bild den Weg ins Internet fand, brach in der Heimatprovinz des Funktionärs ein Sturm der Entrüstung aus: Wie kommt der Mann zu so viel Geld? Der Fall wurde untersucht, man fand Beweise für Korruption, der Mann wurde schließlich verhaftet.

Vielleicht hat Liu recht. Vielleicht hilft das Internet, China transparenter zu machen: Nach dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Ostchina Ende Juli, bei dem 39 Menschen starben, verlangten tausende Blogger Aufklärung. Die Behörden wollten die Unglücksursache vertuschen. Doch dieses Mal war nicht die Unterschicht, Arbeiter und Bauern, Opfer des rasanten Fortschritts, sondern Angehörige der Mittelschicht – nur sie können sich das teure Ticket leisten. Und diese Schicht kann sich übers Internet vernetzen und sich Gehör verschaffen. Die Herrschenden kamen gehörig unter Druck. Schon lange gab es Gerüchte um Korruption in Chinas Eisenbahnsektor.

An der Kampagne der Bürger im Internet kam selbst das staatliche Fernsehen CCTV nicht vorbei, tagelang berichteten die Medien kritisch über das Unglück – bis die Regierung den Journalisten einen Maulkorb umhängte – an den sich freilich auch nicht alle hielten.

Der Wandel Chinas zu einer kreativen Informationsgesellschaft wird für die Führung des autoritären kommunistischen Staates zu einer Herausforderung.Denn die Regierung steckt im Dilemma: Um den nächsten Evolutionsschritt in der wirtschaftlichen Entwicklung zu nehmen, fördert sie die IT-Industrie nach Kräften. Mit der sich damit entwickelnden Informationsgesellschaft züchtet sie gleichzeitig den natürlichen Feind autoritärer Systeme.

Wo es von Professoren wimmelt. Das größte Hightech-Zentrum, das mithilfe der Regierung gebaut wurde, ist Zhongguancun Haidian Hightech-Park, der größte Wissenschaftspark der Welt. Drei der wichtigsten Eliteuniversitäten Chinas sind in unmittelbarer Nachbarschaft, was Hunderte von kleineren und größeren Firmen angelockt hat.

Frau Zhang Xiuying arbeitet in der Verwaltung des Hightech-Parks und erzählt gern den Scherz: Wenn man aus ihrem Büro einen Stein hinunter auf die Straße werfen würde, träfe man entweder einen Topwissenschaftler, einen Entrepreneur oder Erfinder, oder eben einen Professor. Vor 20 Jahren gab es hier nur kleine Firmen, Lenovo war Mitte der 1980er-Jahre eine davon. Seit Lenovo im Jahr 2005 die Computersparte von IBM für 1,75 Milliarden Dollar gekauft hat, ist der Konzern zu einem der drei größten Computerhersteller weltweit aufgestiegen und heute eine der Vorzeigefirmen des Hightech-Parks. Die Zukunftspläne für den Wissenschaftspark sind ambitioniert: In den kommenden 20 Jahren will man zu einem globalen Zentrum für Innovation aufsteigen, meint Frau Zhang.

Su Di hat vielleicht die Gründer des nächsten Lenovo bei sich zu Gast in seinem „Che Ku Ka Fei – Garage Café“. Das Café ist ein Treffpunkt der Techies und Programmierer – und Menschen hinter dicken Hornbrillen, die nie ohne ihren Laptop ein Café betreten würden. „Peking ist nicht das Silicon Valley, hier gibt es keine Garage, in der ein Steve Jobs seinen Apple oder Bill Gates sein Betriebssystem entwickeln könnte. Also sitzen die jungen Entwickler eben hier im Garage Café.“

Su Di hat eine Mission. Er will Entwickler im Café mit potenziellen Geldgebern zusammenbringen. Das funktioniert so: An einem Tisch sitzt etwa Herr Liu Wei von Legend Holdings, dem die jungen Programmierer am iPad stolz ihre neuesten Entwicklungen präsentieren. Wenn Herrn Liu gefällt, was er sieht, wird investiert.

Herbert Chen, Vizedirektor des Wissenschaftsparks, bäckt größere Brötchen und gibt sich dennoch bescheiden. Im Zhongguancun Haidian Science Park werden zwar jedes Jahr 154 Milliarden Dollar erwirtschaftet, erzählt er. Aber das sei weniger als der südkoreanische Elektronikriese LG und der Technologiekonzern Sony gemeinsam umsetzen: „Wir haben also noch ein schönes Stück vor uns.“

Er sagt: „Der einzige Weg, China zu einer Innovationsgesellschaft zu machen, führt über Bildungsreformen.“ Weniger als vier Prozent des Bruttosozialprodukts (Österreich: knapp unter sechs Prozent) werden in China für Bildung ausgegeben. „Wir haben tolle Professoren an den Topuniversitäten, aber in den ländlichen Regionen gibt es kaum gute Schulen. Es dauert noch mindestens 50 Jahre, bis China mit Europa oder den USA mithalten kann“, meint Professor Chen. Denn China hole zwar rasant auf, „aber der Westen bleibt ja nicht stehen und wartet höflich, bis wir sie eingeholt haben“, meint er. Auf dem Land habe sich für das Leben der Menschen zu wenig geändert, „die größte Herausforderung ist es, die Entwicklung stärker anzugleichen“.


Bildung für Arm und Reich? Wenn man eine Eliteschule wie die YK Pao School in Shanghai mit der Dorfschule in San Yuan in der relativ armen Provinz Yunnan im Südwesten des Landes vergleicht, beginnt man zu begreifen, wovon Chen spricht. In der ultramodernen YK Pao School werden die Kinder bilingual unterrichtet, genießen Sportunterricht und haben einen vor Engagement strotzenden Kunstlehrer. Die Schule hat sich Allgemeinbildung, Teamwork und Förderung der Kreativität auf die Fahnen geheftet. Eine tolle Bibliothek, Computer, Musikinstrumente, ein kleiner Schullehrgarten.

Die Kinder stammen aus wohlhabenden Familien. Der Besuch der Schule ist alles andere als billig, 200.000 Yuan-Renminbi beträgt das Schulgeld angeblich. Das wären satte 20.000 Euro – und damit achtzigmal so viel wie das Durchschnittseinkommen in der Provinz Yunnan.

Dort ist Herr Wang Fujun Direktor einer Dorfschule in San Yuan, hat fast 40 Schüler im Klassenzimmer zu bändigen und kann von einem Schulbetrieb wie in der YK Pao School in Shanghai nur träumen. Abgewetzte Schulbänke, baufällige, überfüllte Klassenzimmer. Computer oder moderne Lernbehelfe sucht man hier vergeblich. Ob es je ein Kind aus dieser Schule an eine der Elite-Unis schaffen wird?

Auch das ist das China von heute. Míngtiān guangchang, der „Tomorrow Square“ in Shanghai, ist 2865 Kilometer von hier entfernt. Aber hier in der Provinz lässt das Morgen noch auf sich warten.

Zahlen

40

Prozent des chinesischen Bruttosozialprodukts wird im Dienstleistungssektor erwirtschaftet (in Österreich sind es fast 80 Prozent).

4

Prozent des Bruttosozialprodukts, im Grunde aber weniger, gibt China für die Bildung aus (in Österreich sind es rund sechs Prozent). Die Unterschiede in der Qualität der Bildung zwischen den Großstädten und den Dörfern am Land sind gravierend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2011)