Sogar zur Sommerzeit verfolgt den Wiener Opernfreund die Staatsoper. Auch wenn er nur "vorausschaut", was im Oktober passieren wird.
Fast hätt ich vergessen zu erzählen, dass ich heuer beim Festival in Aix-en-Provence war. Freiluftveranstaltungen mag ich zwar nicht, aber der Hof des erzbischöflichen Palastes ist ja zum Teil überdacht wie die Salzburger Felsenreitschule. Außerdem ist das Klima in Südfrankreich dem menschlichen Sommerleben ein wenig förderlicher als das unsrige. Man kann die Tour also wagen.
Zumal dann, wenn in Aix, wo man ja gern kooperiert, eine Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper annonciert ist. So war die neue „Traviata“ im heurigen Programm für Wiener Musikfreunde deshalb von Belang, weil sie in den kommenden Jahren mit genau dieser Produktion leben müssen.
In Aix fand nämlich die Premiere der kommenden Wiener Repertoire-„Traviata“ statt. Dass wir Verdis Klassiker neu herausbringen müssen, ist evident. Denn die Otto-Schenk-Produktion von Anfang der Siebzigerjahre war zwar – wie fast alle Schenk-Inszenierungen – eine getreuliche Umsetzung dessen, was in diesem Stück zu geschehen hat.
Aber sie war sichtlich in die Jahre gekommen und wirkte – anders als der etwa ebenso alte, jüngst liebevoll restaurierte „Rosenkavalier“ – nicht wirklich wiederherstellbar.
Also neu. Das ist bei Repertoire-Stücken eine gefährliche Drohung. Erinnern wir uns, was mit „Troubadour“, „Macht des Schicksals“, „Manon Lescaut“ oder jüngst „Macbeth“ passiert ist. Da sind sinnlose Verballhornungen herausgekommen, die ehrlicherweise kein Intendant in den Spielplan nehmen kann, wenn er den genannten Stücken Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte.
Grund genug also, die „Traviata“ Jean-François Sivadiers in Augenschein zu nehmen. Sie wird dem Haus keine Schande machen, so viel steht fest. Zwar spielt sie vor einer Feuermauer und deutet Salons und Boudoirs nur mit Zwischenvorhängen an. Aber es begeben sich in Sachen Personenführung – bei stilistisch brauchbaren Kostümen – nur ganz am Beginn entbehrliche Klamaukeinlagen, ein inszeniertes Vorspiel, Auftritte aus dem Zuschauerraum Marke DDR anno 75. Das ließe sich im Vorfeld der Übernahme mühelos ausmerzen.
Der Rest ist anrührendes Theater, in den entscheidenden, intimen Momenten sogar wirklich exzellent ausgefeilt. Damit es für mich spannend bleibt – es soll ja auch in Wien dann Natalie Dessay als Violetta debütieren – habe ich mir die solide Dessay-Alternative angeschaut: Irina Lungu. Ihr zur Seite steht jener Tenor, der auch im Oktober in Wien singen soll, Charles Castronovo. Wenn er auf seine lyrische Stimme aufpasst und nicht hie und da forciert, dann erfreut er mit exquisiten Melodiebögen und sehr feiner Differenzierung – die das London Symphony Orchestra in Aix durchwegs hat vermissen lassen; aber wir erleben diese „Traviata“ hinfort ja im Haus am Ring.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2011)