Der verrückte Hund des Nahen Ostens

Im „Grünen Buch“ propagierte Gaddafi das Menschenrecht auf öffentliche Äußerung des Wahnsinns. Macht er nun selbst Gebrauch davon?

Jedermann hat das Naturrecht, sich auf jede Art und Weise auszudrücken, selbst wenn er es auf eine irrationale Weise tut, um seine Verrücktheit zu beweisen.“ So steht es gleich zwei Mal im „Grünen Buch“, in dem Muammar al-Gaddafi 1975 seine „Endlösung des Problems des Regierens“ vorstellte, man fühlte sich bei den letzten Videobotschaften des „verrückten Hundes des Nahen Ostens“ (George Bush) gespenstisch daran erinnert. Beziehungsweise man bemerkte es erst jetzt, damals nahm man das „Grüne Buch“ kaum wahr, obwohl sein Verfasser es nicht nur „für alle Libyer“ geschrieben hatte, sondern der Welt den Weg in eine lichte Zukunft weisen wollte. Gaddafi entwickelte darin die „Dritte Theorie“ – jenseits von Kapitalismus und Kommunismus –, er reihte sich mit dem Titel unter die großen Revolutionäre ein, Maos „Rotes Buch“ hatte gerade Hochkonjunktur.

Aber er knüpfte auch an die Stammesführer an – Grün ist die Farbe Libyens und des Islam –, die seit Moses und Mohammed ihrem Gefolge den Weg durch die Wüste wiesen. Gaddafi wollte gleich die ganze Menschheit durch ein steiniges Problem führen, an dem die größten Staatsphilosophen von Rousseau abwärts gescheitert waren, das der direkten Umsetzung des Volkswillens. Parteien, Wahlen, Parlamente? „Diktatur“, „Betrug“, „Abtreibung der Demokratie“! Nur das Volk selbst kann für sich sprechen, und nur es kann dem privaten Wahnsinn Paroli bieten. Dessen öffentliche Äußerung steht jedermann zu, jeder Frau auch, Verbänden und Interessengruppen auch. Die Tabakindustrie etwa dürfe ihre Produkte bewerben, selbst wenn sie die Gesundheit anderer und damit das allgemeine Wohl schädige.

Nur eines dürfen beide nicht, Individuen wie Verbände: Sie dürfen nicht beanspruchen, mit ihren Partikularinteressen für die gesamte Gesellschaft zu sprechen. Deshalb dürfen sie – zentrale Forderung Gadaffis – keine Massenmedien besitzen. Wer dann in den Verlagshäusern und TV-Stationen das Sagen haben soll, bleibt eines der Rätsel des „Grünen Buchs“, sie lösen sich auf im Wohlgefallen des „Volkskongresses“, in dem alle gemeinsam entscheiden, so wie etwa ein Beduinenstamm am Feuer: „Theoretisch ist das die genuine Demokratie“, schließt Gaddafi und findet dann doch eine allerletzte Wendung, die zeigt, dass er alles andere war und ist als verrückt. „Aber in der Realität regieren immer die Starken, d.h. der stärkere Teil in der Gesellschaft ist der, der regiert.“

Der verbrennt nun das „Grüne Buch“ (im Internet steht es noch), es hat auch anderen kein Glück gebracht, lange vor der Tragödie kam eine Farce: 1987/1988 geriet der deutsche Eishockeyklub ECD Iserlohn in so tiefe Finanznot, dass auch er Zuflucht in öffentlichem Wahn suchte – er ließ seine Spieler Trikotwerbung für das „Grüne Buch“ machen. Ein Spiel lang, dann war das Medienecho so grell, dass der Verband die Grünhemden verbot und der ECD Iserlohn bankrottging.

Mails an: juergen.langenbach@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2011)

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