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Vergiftete Glaser: Als Venedigs Spiegel-Monopol brach

SpiegelMonopol Spiegelarbeiter vergiftete
(c) AP (JACQUES BRINON)
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Im 17. Jahrhundert warb Frankreich mit aggressiven Mitteln venezianische Spiegelarbeiter ab. Etliche Abtrünnige bezahlten das mit ihrem Leben.

Mitte des 17. Jahrhunderts befand sich Frankreich in einer tiefen wirtschaftlichen Depression. In den Jahren 1660 und 1662 kam es zudem zu Missernten, die die Landwirtschaft - die 80 Prozent des BIP ausmachte - schwer trafen. Es war die Zeit von König Ludwig XIV. und seines Finanzministers Jean-Baptiste Colbert (1619-1683). Dieser vertrat eine neue Art von Wirtschaftspolitik, die als Colbertismus - auf dem der Merkantilismus basierte - in die Wirtschaftsgeschichte eingehen sollte.

Colbert war der Überzeugung, dass eine stärkere Position Frankreichs nur dadurch zu erzielen sei, dass anderen Ländern der Anteil am Weltmarkt streitig gemacht werde. Um die Staatskassen zu füllen, sah er die Zukunft nicht länger in der Landwirtschaft, sondern in einer gestärkten Industrie. Dafür wurden einheimische Manufakturen eingerichtet, um das Land von Importen unabhängig zu machen.

Von Bettlern, Kinder- und Galeerenarbeitern

Diese Fabriken hatten einen hohen Personalbedarf, was Colbert erfinderisch machte:

  • Französische Facharbeiter durften nicht auswandern - anderenfalls drohten ihnen drastische Strafen.
  • Gleichzeitig warb er die besten Köpfe aus Italien, England und Holland für die eigenen Fabriken an.
  • Französische Städte wurden gezwungen, Unternehmensgründungen zu animieren.
  • Todesstrafen wurden in Galeerenstrafen umgewandelt - so konnten die Kriminellen zumindest Arbeit leisten.
  • Bettler wurden entweder in Arbeitshäuser gesteckt oder privaten Firmen als Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt.
  • Kinderarbeit wurde einerseits durch entsprechende Prämienzahlungen an die Eltern sowie andererseits die Vermietung von Kindern an Fabriken durch Waisenhäuser vorangetrieben.

Des weiteren wurden 17 Feiertage abgeschafft.

Aggressive Anwerbung von Fachkräften

Am Beispiel der Spiegelindustrie zeigt sich, wie aggressiv die Industriepolitik unter Colbert vorangetrieben wurde. Nur die Handelsmacht Venedig kannte bislang das Geheimnis der Spiegelherstellung - Spiegel waren daher ein teures Gut. Um 1300 war es Glasbläsern das erste Mal gelungen, Spiegel aus Glas herzustellen. Die Insel Murano bei Venedig, auf der die Arbeiter streng abgeschirmt lebten, wurde zum Hort des Geheimnisses der Spiegelherstellung. Das wollte Colbert, dessen König von einem prachtvollen Spiegelsaal für sein Schloss in Versailles träumte, unbedingt lüften.

In einer Nacht- und Nebelaktion wurden venezianische Spiegelarbeiter auf gut bewaffnete französische Schiffe gebracht. Zwar wurden ihnen hohe Löhne gezahlt, allerdings mussten sie sich zu Verträgen knebeln lassen, die sie vier Jahre an die französischen Manufakturen banden. Um die Arbeiter im Land zu halten, ließ sich Colbert einiges einfallen. Ledige Arbeiter wurden mit Französinnen verheiratet - 25.000 Ecus als Hochzeitsgeschenk winkten. Auch für Arbeiter, die ihre Familien zurücklassen mussten, wurden Wege gefunden. Obwohl die Familien streng bewacht wurden, gelang es, diese nach Frankreich zu schleusen.

"Verbrecherische Glaser" wurden vergiftet

Venedig versuchte natürlich, die geflohenen "verbrecherischen Glaser" wieder zurück zu holen. Als diese Versuche scheiterten, griff man zu extremeren Maßnahmen: Die Arbeitsflüchtlinge wurden vergiftet. Schließlich kehrten die eingeschüchterten Überlebenden nach Venedig zurück, nachdem ihnen Straffreiheit zugesichert wurde.

Aber auch Frankreich legte nicht länger Wert auf den Aufenthalt der Arbeiter aus Venedig, denn das Ziel war erreicht: Die Franzosen hatten das Geheimnis der Spiegelherstellung gelüftet.

Voltaire: "So schöne Spiegel wie in Venedig"

Die Schlösser von Versailles und Fontainbleau wurden ebenso wie der Louvre mit den Spiegeln der königlichen französischen Manufaktur ausgetattet. "Man begann ab 1666 so schöne Spiegel herzustellen wie in Venedig, das ganz Europa belieferte, und in Kürze war ihre Größe und Schönheit ohnegleichen", schrieb darüber Voltaire.

Die Franzosen machten sich nun daran, ihr Wissen zu erweitern. Sie erfanden neue Werkzeuge und Verfahren. So wurde eine neue Technologie entwickelt, bei der geschmolzenes Glas auf einem Gießtisch gegossen und gewalzt wurde. Dies ermöglichte erst die Herstellung sehr großer Spiegel.

Spiegel wertvoller als Rubens-Gemälde

Dies rief schon bald Deutsche, Spanier und Engländer auf den Plan. Nun wachten also die Franzosen über die Geheimnisse der Spiegelproduktion. Facharbeiter, die ins Ausland gehen wollten, wurden vom Staat überwacht und mit Galeerenstrafen bedroht.

In der Hinterlassenschaft von Jean-Baptiste Colbert soll sich übrigens ein venezianischer Spiegel (115 x 65 cm) befunden haben. Der Spiegel wurde für fast dreimal soviel verkauft wie ein Rubens-Gemälde aus der gleichen Hinterlassenschaft.