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Kein Rezept für stärkere Kooperation

(c) BMVIT/APA-Fotoservice/Pichler (Birgit Pichler)
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Wissenschaft und Wirtschaft sollen nach dem Willen der Politik stärker zusammenarbeiten. Allerdings: Niemand hat genaue Vorstellungen, wie das gehen soll. Immerhin lieferten Experten Anregungen.

Die Bundesregierung ist angesichts der Budgetkonsolidierung zurzeit nicht gewillt, die Forschungsbudgets massiv auszuweiten. Wie das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) berechnet hat, entsteht bis zum Jahr 2015 eine Finanzierungslücke in Höhe von 922 Millionen Euro. Die Forschungspolitik will dadurch gegensteuern, dass die Wirtschaft ihren Anteil an den Forschungsausgaben ausweiten solle. Dieser Grundsatz ist in der Forschungsstrategie der Regierung festgehalten – und unter diesem Leitgedanken standen auch die Beratungen bei den heurigen Alpbacher Technologiegesprächen.

Sowohl von Infrastrukturministerin Doris Bures (SP) als auch von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (VP) kamen wiederholt flammende Appelle, dass die Kooperation zwischen Akademia, Wirtschaft und öffentlicher Hand intensiviert werden müsse. Konkrete Rezepte, wie das gelingen kann, waren aber von der Politik so gut wie keine zu hören.

Immerhin lieferten Experten Anregungen: Zentral für eine engere Kooperationen von Wirtschaft und Wissenschaft – als „starke Brücke in die Zukunft“ – sei der Wissenstransfer, sagte Lingroup-Geschäftsführer Johannes Landgraf. Dafür brauche man unter anderem Mut zu einer fast „symbiotischen Beziehung“, in der sich die zwei Organisationen „stark aufeinander ausrichten“.

 

Freiwillige Selbstverpflichtung

Benötigt werde dafür nicht selten ein „Lotse“. Also etwa ein Wissenschaftler, der seine Arbeit von der Uni mit unternehmerischem Denken direkt in die Firmen und dortige Erkenntnisse wieder zurücktrage, sagte Heinz Trasch, Vorstandsvorsitzender der Steinbeis Stiftung für Wirtschaftsförderung in Stuttgart. Auch eine räumliche Nähe der Institutionen (und eine somit erleichterte Kommunikation) sei für Innovationen förderlich, waren sich die Experten einig. Nicht zuletzt deshalb, weil derjenige, der neues Wissen generiere, oft gar nicht wisse, wie man es verwerten könne, so Trasch.

Konkretes für die österreichische Praxis war bei diesen Debatten aber Mangelware. Als kleinen Anreiz präsentierte Töchterle in Alpbach einen neuen Preis – den „Phönix“ –, der erfolgreiche Firmengründungen aus Universitäten heraus prämiert.

Auch Bures setzte ein kleines Zeichen: Sie unterschrieb gemeinsam mit elf wichtigen Industrieunternehmen die Deklaration „Innovationsland Österreich“ zur „Förderung rot-weiß-roter Innovationen“. Die Firmen – unter ihnen Magna, AVL, AT&S, Doppelmayr, KTM, Lenzing oder TTTech – verpflichten sich darin freiwillig, ihre Forschungsausgaben bis zum Jahr 2015 um mindestens 20 Prozent zu steigern. Der Bund will begleitend die Programme der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) um zehn Prozent anheben. Bures hofft, dass die Deklaration beispielgebend wirkt und dass sich ihr weitere Unternehmen, insbesondere KMU, anschließen.

So positiv das auch klingt: Die unterzeichnenden Unternehmen würden ihre Forschung ohnehin steigern – ob mit oder ohne Deklaration. Denn sie tun das aus reinem Selbstzweck bzw. als Überlebensstrategie. Laut einer Wifo-Studie, die am Rande der Technologiegespräche vorgestellt wurde, performen Unternehmen mit höheren Forschungsausgaben nämlich deutlich besser als solche, die nur geringe oder keine Innovationsaktivitäten zeigen.

 

Forschung als Krisenhilfe

Und: Die forschenden Firmen sind viel besser durch die Wirtschaftskrise gekommen. Der Abbau der Beschäftigung fiel bei den aktiven Unternehmen deutlich geringer aus – in dieser Gruppe übertrifft die Beschäftigung nun bereits wieder das Vorkrisenniveau. Auch die Umsätze entwickelten sich bei forschenden Firmen besser, Gleiches gilt für die Exportquote.

Der Sukkus der Wifo-Experten: Der positive Zusammenhang zwischen Forschungsausgaben und höherer Beschäftigung bzw. Umsatz hat sich vor, während und nach der Krise nicht verändert.

Der aktuelle Stillstand der Forschungspolitik zeigt sich auch darin, dass die Umsetzung der FTI-Strategie – die heuer im Frühling mit großer Verspätung beschlossen wurde – nur sehr schleppend anläuft. Erst dieser Tage hat sich die „Task Force“ formiert, die für die Koordination der verschiedenen Ministerien unter Leitung des Bundes- und Vizekanzlers zuständig ist. Einigkeit herrscht immerhin darüber, dass die Humanresourcen höchste Priorität haben. „Wir brauchen die klügsten Köpfe“, sagte Bures. „Wir brauchen eine Erhöhung der Absolventenzahl“, so Töchterle. Die Wirtschaft sieht das genauso: Immer öfter werden Klagen laut, dass der Nachwuchs an gut ausgebildetem Talenten ausbleibt.

Von einer „Roadmap“ und einem Finanzierungspfad zur Umsetzung der Forschungsstrategie – die vom Forschungsrat seit Langem eingefordert werden – ist weit und breit nichts zu sehen. Dass sich daran rasch etwas ändert, ist nicht zu erwarten. Auch wenn in den nächsten Tagen, so war in Alpbach zu hören, das Finanzministerium Budgetgespräche mit den Ministerien für Wissenschaft und Infrastruktur aufnehmen wird.

Auf einen Blick

Die Forschungsausgaben in Österreich liegen bei 8,2 Milliarden Euro. Davon kommen 38,7 Prozent von der öffentlichen Hand, 44,6 Prozent von Unternehmen, der Rest aus dem Ausland. Die Forschungsquote stagniert bei 2,79 Prozent des BIPs. Ziel der Regierung ist eine Steigerung auf 3,76 Prozent im Jahr 2020. Auf dem Weg dorthin fehlen Milliardenbeträge.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2011)