Abchasien: Wahlen an „Russlands Palmenstrand“

(c) AP (VLADIMIR POPOV)
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Die Bürger der Separatistenrepublik Abchasien küren einen neuen Präsidenten. Georgien sieht darin eine „russische Comedy-Show“. Drei Kandidaten ringen um den Posten des Präsidenten.

Wien/Suchumi. Es ist ein Landstrich am nordöstlichen Rand des Schwarzen Meeres, kleiner als Kärnten, mit 215.000 Einwohnern. Und doch interessieren die heutigen Präsidentenwahlen in Abchasien eine ganze Menge Menschen. Etwa in Georgien, jenem Land, von dem sich Abchasien vor knapp 20 Jahren losgesagt hat; oder in Russland, das sich seitdem als Schutzmacht des De-facto-Staates ausgibt.

Drei Kandidaten ringen nach dem Tod des international nicht anerkannten Präsidenten Sergej Bagapsch um dessen Nachfolge: sein früherer Vize Alexander Ankwab, Ministerpräsident Sergej Schamba und Raul Chadschimba, ein Ex-KGB-Mann und der Wunschkandidat Russlands. Gewählt wird just an jenem Tag, an dem Moskau vor drei Jahren die Unabhängigkeit des Landes anerkannt hat. Nur Venezuela, Nauru und Nicaragua sind Moskau gefolgt. Abchasien ist Schauplatz eines jener „eingefrorenen Konflikte“, die der Zusammenbruch der Sowjetunion hervorbracht hat, und auf die in seltenen Momenten, wie etwa beim Fünf-Tage-Krieg zwischen Russland und Georgien vor drei Jahren, die Weltöffentlichkeit blickt. Seit 1992, als die georgischen Truppen nach dem ersten Abchasien-Krieg als Verlierer abgezogen sind, hat sich viel geändert. 200.000 Georgier sind geflüchtet, heute sind die Mehrheit ethnische Abchasen, viele mit russischem Pass.

Unmut über „Ausverkauf“

Egal, wer die Präsidentenwahl gewinnt, die Zukunft der Separatistenrepublik, die völkerrechtlich noch immer zu Georgien gehört, liegt im Windschatten Russlands. In Moskau redet derzeit niemand von einer Gebietseingliederung des beliebten Feriendomizils der Russen. Und in Abchasien regt sich Unmut über den „Ausverkauf“ der Region an russische Investoren. Anlegen kann sich die Politik aber mit der Schutzmacht nicht: Im Fall einer Konfrontation an der georgisch-abchasischen Grenze wäre Russland zur Stelle. Moskau hat dort nach eigenen Angaben 1300 Soldaten stationiert.

Ein georgischer Diplomat klagte gegenüber der „Presse“, dass die internationale Unterstützung für die Heimholungsbemühungen der Provinz merklich nachgelassen habe, vor allem, seit Barack Obama auf einen Neustart der US-Beziehungen mit Russland setze.

Tiflis betrachtet die Wahlen als illegitime „russische Comedy-Show“. Ein moskaufeindlicher Separatist in Suchumi wäre mittlerweile aber – verglichen mit dem russischen Machtanspruch – das kleinere Übel. Allein: Er ist nicht in Sicht. Was tun? „Wir wollen den Abchasen zeigen, dass man in Georgien besser lebt, dass wir wirtschaftlich attraktiv sind“, sagt der Diplomat. Es dürfte noch länger dauern, bis diese Avancen die Grenze des Kalten Kriegs am Kaukasus überwinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2011)

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