Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Achtung! Die Aging Boomers kommen

Symbolbild
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)
  • Drucken

Technologie für das Wohnen: Ein Alpbacher Arbeitskreis geht auf die besonderen Bedürfnisse älterer Menschen ein – und auf spezifische Lösungen, denn eine Welle Aging Boomers schwappt über unsere Gesellschaft.

Die ersten Jahrgänge der Baby Boomers erreichen nun das Alter von 65 Jahren, jetzt schwappt die massive Welle der Aging Boomers über unsere Gesellschaft. Sumi Helal, Professor an der University of Florida, bemüht dieses Bild als Ausgangspunkt für seine Arbeit, die Entwicklung eines Gate Tech Smart House. In den USA hat der Babyboom zehn, 15 Jahre vor der diesbezüglichen Geburtenwelle in Europa eingesetzt. Helal und sein Team haben an ihrer Universität auch schon vor zehn Jahren mit der Entwicklung eines hochtechnologisierten Hauses begonnen.
Dabei hat man, wie Helal in Alpbach ausführte, keine Facette ausgelassen; in dem ein Dutzend Entwickler umfassenden Team sind Informatiker und Techniker ebenso vertreten wie ein Ökologe oder ein Psychologe. Ausgangspunkt war die Bevölkerungs- und Krankheitsstatistik. Bei zehn Prozent der Amerikaner über 65 wird Alzheimer konstatiert, wobei der Einzelne im Durchschnitt 85 Stunden pro Woche eine Pflegehilfe benötigt. Bei anderen Alterskrankheiten bzw. Behinderungen liegen ähnliche Werte vor. Die Wohnumgebung der Zukunft soll diesen Betroffenen ein erfolgreiches Altern, ein unabhängiges Leben und Wohlbefinden ermöglichen.
Ausgangspunkt ist die Abnahme von Handgriffen – etwa die Zubereitung der Mahlzeiten oder die richtige Zuteilung der benötigten Medikamente – und die Wahrnehmung der betroffenen Person selbst. Man weiß, dass ältere Personen keine Beobachtung zulassen, also wurde von Beginn an auf den Einbau von Kameras verzichtet. Die Begleitung der hilfsbedürftigen Bewohner ermöglichen Sensoren und Bewegungsmelder. Wobei der Großteil der Elektronik unter den speziellen, auch besonders trittsicheren Böden verlegt ist. Wenn man auch in dem neuen Haus, das Helal in Gainesville entwickelt hat, die technologische Ausstattung kaum zur Kenntnis nimmt, so ist dieses letztendlich eine in sich geschlossene Welt.
Besteht bei einer derart umfassenden Hilfe nicht die Gefahr, dass die Bewohner dieses Smart Home mehr und mehr passiv, also noch hilfsbedürftiger werden? Die Frage stellte die im Technologiearbeitskreis anwesende NÖ-Wirtschaftslandesrätin Petra Bohuslav, die Sumi Helal nach Alpbach eingeladen hatte – und der US-Professor konnte die Bedenken auch nicht zerstreuen. „Ja“, antwortet er, „aber es wird eben auch eine essenzielle Hilfe geboten.“
Über die Kostenseite wollte Helal nichts sagen, vielleicht könnte durch eine Altersversicherung der Weg zum altersgerechten Haus geebnet werde. Wenn es auch noch keine Serienproduktion gibt – das Smart House ist fix und fertig.

AIT forscht in Europa-Netzwerk

Für manche im Alpbacher Arbeitskreis überraschend folgten dann Präsentationen aus Österreich mit einem ähnlichen technologischen Standard. So ist das AIT in ein europäisches Forschungsnetzwerk eingebunden, in dem man von ähnlichen Szenarien ausgeht: Viele ältere Personen wollen zu Hause bleiben, und die mobile Pflege kommt billiger als die Betreuung in Altersheimen. Die neuen Technologien konzentrieren sich auf die Meldung von An- und Abwesenheit der erfassten Person, wie bei Helal auf die Essenszubereitung und Medikamenteneinnahme, auf die Wohnungstür (so sie offen bleibt) sowie die Überwachung im Badezimmer und am Kochherd. Die Elektronik schlägt Alarm, wenn ein Wasserhahn nicht zugedreht wird oder der Bewohner zu seiner Normalzeit nicht das Bett verlässt. „Je mehr Sensoren wir einbauen, desto mehr Möglichkeiten gibt es“, sagt Manfred Bammer Leiter des AIT-Geschäftsfeldes Biomedical Systems.
Dabei ist auch das Team um Bammer auf die Befindlichkeiten älterer Personen eingegangen. So hätte der bisherige Notrufknopf zwei Schwächen gezeigt: Erstens könne es vorkommen, dass die betroffene Person nicht mehr in der Lage ist, den Knopf zu betätigen. Zweitens würden manche den Alarm ohne Notlage auslösen, um mit der anderen Seite zur Zerstreuung ein Gespräch zu führen. Die neue Sensoren melden aber von selbst eine Notsituation per Mobiltelefon oder E-Mail nach außen.
Auch das AIT konnte seine Entwicklungen in einem Haus – einem Fertigteilhaus in der Blauen Lagune in Wien-Vösendorf – testen und Interessierten zeigen. Jetzt soll der Einbau in eine Musterwohnung folgen. Ein anderes Forschungsprojekt zielt wiederum auf die Bauarchitektur ab. Ältere Menschen würden, da sie sich ja zumeist in geschlossenen Räumen aufhalten, in ihrer Wohnung mehr Tageslicht benötigen, sagt Peter Holzer, Leiter des Departments Bauen und Umwelt der Donau-Uni Krems. „Denn nur direktes Tageslicht“, so Holzer, „kann z. B. die Synthese des körpereigenen Vitamins D3 anregen.“
Manfred Bammer fordert auch junge Menschen auf, die neuen Technologien zu nutzen. Sie könnten bei einem Wohnungs- oder Hausneubau Vorsorge treffen, vorerst die Sensoren für die Energieeffizienz oder Alarmanlage nutzen und im Alter leicht umrüsten.

Auf einen Blick

Trendig in das Alter. Einer der Arbeitskreise der Alpbacher Technologiegespräche war dem Thema „Einfach – funktionell – trendig? Technologische Lösungen für Alt und Jung“ gewidmet. In der Diskussion ging es vor allem um das Alter. Laut demografischer Prognose wird der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre – 2009 lag er bei 17 Prozent – bis 2050 auf 28 Prozent steigen.