Im Grunde geht es nicht darum, wie viele Plätze die Musikschulen die gerühmte Musikstadt bieten können. Wenn einer ganzen Generation schon grundlegendes Basis-Wissen fehlt, läuft in einem Kulturland etwas falsch
Die jüngste Meldung, die in Wien zum Thema Musikunterricht lanciert wurde, betraf die Gründung einer eigenen Schule für Roma-Musik. „Bewusst integrativ“, schwärmte unser Bildungs-Ombudsmann, damit nicht nur Sinti und Roma, sondern auch Österreicher sich in „Gipsy Music“ üben können.
Derlei Dinge erfreuen natürlich das Herz des Musikfreunds. Vielleicht trösten sie den einen oder anderen Stadtpolitiker auch darüber hinweg, dass in Sachen sonstiger Musik-Ausbildung hierzulande vor allem ein Dauer-Lamento zu vernehmen ist. Wer gern möchte, dass seinen Kindern eher Mozart näher gebracht wird, stößt rasch an Grenzen; oder steht, besser gesagt, vor verschlossenen Türen.
„Verdoppelung der Lehrplätze an den Wiener Musikschulen“, forderten die Wiener Grünen. „Anrecht auf einen Ausbildungsplatz“, forderte die ÖVP. Da stimmten die Grünen dann dagegen. Aber das sagt mehr über wienerische Politik als über die wahre Befindlichkeit des Musikschulwesens aus. Die SPÖ stimmt im Rathaus prinzipiell gegen alle Anträge, die irgendwie eine Vermehrung des Musikschul-Angebots betreffen. Doch gewinnt man im Dialog mit sämtlichen Kulturpolitikern den Eindruck: Alle Parteien sind sich der Misere bewusst. Aber eine Veränderung herbeizuführen sind alle miteinander zu schwach – und letztendlich auch zu wenig motiviert.
Die Zahlen sprechen, scheint's, eine deutliche Sprache. Seit Jahr und Tag ist aktenkundig, dass es in der Bundeshauptstadt, der weltweit gerühmten „Musikstadt“, hochgerechnet auf die Bevölkerung viel weniger Plätze für Kinder und Jugendliche gibt, die ein Instrument lernen möchten, als in den übrigen Bundesländern. In einigen Bezirken gibt es überhaupt keine Musikschulen.
Auch die Ausgliederung der Musikschulen aus dem Verbund mit dem mittlerweile zur Privatuniversität gewordenen Konservatorium kann nicht über die eklatante Raumnot und den Mangel an Ausbildungsplätzen hinwegtäuschen. Was immer passiert, mehr als den Eindruck kosmetischer Maßnahmen können die Verantwortlichen nicht erwecken.
Mehr und mehr setzt man auf Gruppenunterricht statt Einzelstunden, was im Musikbereich nur pädagogische Theoretiker für förderlich halten. Von einem grundsätzlichen Problem der österreichischen Bildungspolitik lenken alle Diskussionen lediglich ab: Der Kunst- und Musikunterricht in Volks- und Mittelschulen ist über die Jahre marginalisiert und nach unten nivelliert worden. Jedenfalls betrachtet man Musik im „Musikland“ flächendeckend nicht mehr als ein Unterrichtsfach, in dem man sich grundlegende Bildung aneignen könnte.
Deshalb fehlt einer ganzen Generation bereits grundlegendes Basis-Wissen. Solange man Beethoven nicht für so selbstverständlich „abprüfbar“ hält wie Napoleon, läuft in einem Kulturland etwas falsch.
Wer nicht in der Schule erfährt, dass es die „Eroica“ gibt, wer nicht Hörerfahrungen mit Klassik macht, Schauerfahrungen mit Velazquez und Brueghel, Leseerfahrungen mit Stifter oder Eichendorff, dem geht fürs Leben etwas ab, das ihm kein Zusatzunterricht irgendwo in ausgelagerten Bildungseinrichtungen vermitteln kann, weil Hans nimmer lernt, was Hänschen nicht erfahren hat.
Der Run auf die Musikschulen ist in Wahrheit eine Ersatzhandlung von Eltern, die spüren, dass man ihren Kindern etwas vorenthält, von dem sie selbst meist nur noch instinktiv wissen: „Da muss etwas gewesen sein.“ ?