Jugend und Musik: Vollstress – und auch noch Geige spielen?

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Symbolbild(c) FABRY Clemens
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Viel Kritik an den heimischen Musikschulen: zu wenig Plätze und kaum Nachwuchs für unsere Orchester. Doch der Ansturm auf die Musikschulen hält ungebremst an. Ein Blick auf die Realität – jenseits von Wien.

"Oft werden die Dinge falsch verstanden, glaube ich“, sagt Maria Jenner, designierte Leiterin der MS Perchtoldsdorf. Wer sich vor den Toren Wiens um die musikalische Ausbildung bemüht, erkennt bald, dass zwischen den Herausforderungen, die eine Millionenstadt den Pädagogen bietet, und denen an einzelne Gemeinden der Bundesländer ein eklatanter Unterschied herrscht.
Es stimme zwar, dass auch in einzelnen niederösterreichischen Musikschulen Kinder auf Wartelisten stünden, aber die Situation sei mit Wien nicht vergleichbar. „In der Regel können die Bedürfnisse durchaus befriedigt werden, nicht zuletzt, seit flächendeckend die sogenannte Erwachsenenregelung eingeführt wurde. Die geförderten Plätze in den Schulen sollen für Kinder und Jugendliche da sein. Es ist nicht ganz richtig, wie das in verschiedenen Berichten dargestellt wurde“, erklärt Jenner, „es gibt, wie überall in Österreich, einen gemeinsamen Topf für die 134 Musikschulen des Bundeslandes. Und weil die finanziellen Mittel natürlich nicht unendlich sind, standen viele Kinder auf den Wartelisten. Ziel war es nun, vorrangig Kinder aufzunehmen. Aber es ist nicht so, dass die Erwachsenen rausgeschmissen worden sind. Sie müssen nur ein Drittel des Schulgelds selbst bezahlen. Manchmal springen da aber dann die Gemeinden ein.“
Der Ansturm auf die Musikschulen hält ungebremst an. „Wir könnten dreimal so viele Plätze anbieten und wären wahrscheinlich immer noch überfüllt“, heißt es vonseiten der Musiklehrer. Und damit ist nicht einmal die Wiener Situation gemeint, sondern die in den Bundesländern!

Was die Schule nicht bietet. Hier freilich stellt sich die Frage nach den Gründen: Warum wird das Interesse an einer musikalischen Ausbildung immer größer? Die Frage könnte auch anders gestellt werden: Dienen die Musikschulen als Lückenbüßer? Immer öfter wird vonseiten der Lehrkräfte Kritik laut: Es gebe, heißt es, viele Eltern, die Musikschulen für eine Art Freizeitinstitution halten. Eine Stunde musikalischer Unterhaltung pro Woche – das steht quer zu den wirklichen Aufgaben einer solchen Einrichtung.
Die Musikschulen müssen also ihren Schulcharakter bewahren, ohne deshalb auf die Errungenschaften einer zeitgemäßen Pädagogik zu verzichten. Aufnahmsprüfung, Übertrittsprüfung, Abschlussprüfung – das riecht nach altbackenem Leistungsterror. Wer freilich am Musizieren Freude haben will, wird ohne zu üben, also ohne zähe Arbeitsleistung, nicht weiterkommen. Insofern kann die musikalische Ausbildung eine gute Vorbereitung fürs spätere Berufsleben sein, auch wenn man keine künstlerische Laufbahn einschlagen möchte.
Der Zugang zur Kunstwelt soll freilich so leicht wie möglich gemacht werden. „Niemand will Aufnahmsprüfungen“, sagt Maria Jenner, „schon deshalb nicht, weil sich manche Kinder ja bei einer Prüfung selbst im Weg stehen. Viele sind schüchtern. Man muss ihnen Zeit lassen, ihr Talent zu entfalten. Mit einer Prüfung gleich zu Beginn schreckt man viele ab, die vielleicht wirklich begabt wären.“

Förderung für Freizeitspaß? Andererseits: „Musikschulen brauchen bestimmte Richtlinien, wenn die Steuerzahler in diesem Land entschlossen sind, eine grundlegende Musikausbildung zu finanzieren. Wer sein Instrument nur in der Musikschule angreift, hat wohl keine Berechtigung, mit solchem Aufwand gefördert zu werden.“
„Deshalb bin ich für ein profundes Eintrittsgespräch“, sagt Maria Jenner, „das auch den Eltern klarmacht, was auf das Kind zukommt. Wir sind nicht dazu da, Kindern eine schöne Nachmittagsstunde zu bereiten, auch wenn viele das so sehen.“ Die berüchtigten Wartelisten ließen sich entschieden kürzen, wenn den Eltern von vornherein klar wäre, dass zur Musikausbildung auch die tägliche Übungseinheit daheim gehört.
Hier stellt das enorme Angebot an Betätigungsmöglichkeiten heute ein Grundproblem dar, „das Freizeitangebotswirrwarr“, so Maria Jenner. „Schulkinder haben heutzutage ja keine fünf Minuten, in denen sie sich mit sich selbst beschäftigen. Sie machen zu viel. Und vieles davon gleichzeitig: Schulaufgaben, Facebook, Radiohören, das ereignet sich ja parallel. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Wann soll man da noch üben?“
Wer sich also dazu entschließt, auch noch ein Instrument zu lernen, muss sich im Klaren darüber sein, dass das zusätzlichen Aufwand bedeutet, und zwar in für heutige Verhältnisse enormem Ausmaß. Zu einer gründlichen musikalischen Ausbildung gehören auch noch Nebenfächer: „Gehörtraining, allgemeine Musikkunde und auch ein wenig Harmonielehre, soweit das Kindern zumutbar ist.“ Ein junger Musiker soll nicht im luftleeren Raum agieren. Er soll sich auch praktisch betätigen können; nicht nur solistisch.

Prüfungsstress statt Spaß? Während des Studiums gibt es die gefürchteten Übertrittsprüfungen. Die haben ihren Sinn, nicht nur zwecks Qualitätskontrolle. Maria Jenner: „Übertrittsprüfungen? Man spielt ein kleines Konzert nach vier Jahren Elementarstufe. Das heißt: Man spielt zwei kleine Stücke im Rahmen eines Klassenabends. Und nach der nächsten Stufe dann ein kleines Konzert. Das stellt keine Bedrohung dar. Wenn ein Instrumentalist nie vorspielt, ist es wie eine Eierspeise, die man nicht isst.“ Vor allem aber mindern solche Auftritte das Lampenfieber. Nicht nur deshalb ist die vielfach geäußerte Meinung grundfalsch, Musikmachen dürfe nicht mit Prüfungs- oder Leistungsdruck zu tun haben. Musiklehrer erleben das in der Praxis ganz anders: „In aller Regel gibt es glückliche Gesichter, wenn die Aufgabe bewältigt ist. Wer vor Publikum eine Sonatine gespielt hat, ist stolz und empfindet ein Glücksgefühl. Die beste Belohnung nach einem auch für spätere Zeiten durchaus förderlichen Training, währenddessen man erfährt, dass es Phasen im Leben gibt, in denen man dranbleiben muss. Daneben gibt's weder Facebook noch Radio-Hintergrundberieselung.“
Die Bindung an einen Musiklehrer führt freilich dazu, dass Kinder und Jugendliche in der Musikschule eine Bezugsperson finden, der sie vielleicht einmal mehr anvertrauen als nur ihre Probleme bei der Koordinierung von rechter und linker Hand – oder beim Durchzählen des Zwölfachteltakts. „Es stimmt“, sagt Maria Jenner, „manche kommen mit ihren Problemen, und der Lehrer erfährt manches über die Schule, die Geschwister, die Eltern. Da ist man dann unter Umständen in einer heiklen Position. Aber die jüngeren Kollegen und Kolleginnen können damit schon recht gut umgehen, denn darauf wird man mittlerweile im Studium schon vorbereitet, wenn auch die Ausbildung da vielleicht noch stärker gefragt sein wird.“

Bezug zur Realität. Eine der wichtigsten Vorgaben für die Musikschulen: Sie dürfen sich nicht als Ausbildungsstätte für angehende Berufsmusiker verstehen. „Es geht durchaus um die Heranziehung hervorragend ausgebildeter Laien, die im Fall der Bundesländer dann wirklich ins kulturelle Alltagsleben eingebunden sind. Blasmusik, Chöre, Bands. Wir suchen den guten Kontakt zu den Vereinen“, sagt Maria Jenner, „denn die führen unsere Studenten in die Praxis. So ist die Musikschule nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch Netzwerkpartner für alle kulturellen Anliegen der Gemeinde.“
Das markiert einen weiteren, gewichtigen Unterschied zur Wiener Situation. Die Musikschulen der Bundeshauptstadt haben erst seit Kurzem ihre Bindung ans mittlerweile zur Privatuniversität mutierte Konservatorium gelöst. Aus der historischen Verquickung zwischen einem Elite-Institut und den Musikschulen in den Bezirken ergab sich über die Jahrzehnte auch ein Image, das dem Bekenntnis zum musizierenden Laien querkam.
Michaela Hahn vom Musikschulmanagement des Landes Niederösterreich benennt die Unterschiede: „In Niederösterreich ist die Breitenwirkung sehr groß. Fast jeder dritte Volksschüler ist auch in der Musikschule. Das hat wohl etwas zu tun damit, dass das System – anders als in Wien – von unten her gewachsen ist. Man hat nach 1945 begonnen, zuerst in wenigen Gemeinden. Seit 2000 gibt es ein neues Gesetz, das die Dinge genauer reguliert. Vorher war die eine Schule besonders gut, die andere vielleicht nicht so gut. Seit damals, kann man sagen, steht alles auf Schiene, alle Lehrer haben Dienstverträge. Außerdem fördert das Land über 500 Stunden an den Volksschulen.“
Wobei das viel gepriesene, offenkundig erfolgreiche oberösterreichische Modell auch für das Nachbarbundesland manche Anregung geliefert hat. Allerdings, so Michaela Hahn, wollte man in Niederösterreich die dezentrale Strukturierung nicht aufgeben. „Jede Gemeinde erhält die eigene Musikschule, bekommt ein vom Land gefördertes Stundenkontingent, die Rahmenbedingungen sind für alle gleich, aber der jeweilige Bürgermeister ist verantwortlich. Das sorgt für eine starke Bindung an die Personen im Ort.“

Wo bleiben die Spitzenkräfte?
Die Tatsache, dass frei werdende Stellen in den großen österreichischen Orchestern kaum mehr mit heimischen Musikern besetzt werden könnten, hinterlässt viele Beobachter bei alledem ratlos. „In den alljährlichen Wettbewerben von Prima la Musica“, sagt Michaela Hahn, „können wir verfolgen, auf welch hohem Standard musiziert wird. Aber an den Universitäten werden doch lieber ausländische Studenten aufgenommen. Vor allem in den Fächern Geige und Klavier, wo man ja sehr jung anfangen muss, um mithalten zu können. Da gilt dann doch die alte Regel: Es ist einfacher, jemandem, der schon technisch perfekt zur Aufnahmeprüfung kommt, den letzten Schliff zu geben und vielleicht noch ein bisschen von der wienerischen Spielkultur beizubringen, als ein heimisches Talent, das vielleicht noch nicht so weit ist, entsprechend auszubilden.“
Wobei auch Michaela Hahn zugibt, dass Institutionen wie die Musikschulen Defizite des Regelschulbetriebs abzudecken haben. Wenn in der Volksschule und in den AHS der Kunst- und Musikunterricht auf ein Minimum beschränkt wird und in seiner Bedeutung immer weiter zurückgedrängt wird, dann muss die kreative ästhetische Bildung anderswo wahrgenommen werden. „Es hat wohl auch damit zu tun, dass so viele Interessenten da einen Mangel orten, den sie in der Musikschule abzudecken suchen. Die Leute suchen dieses Angebot“, sagt Hahn: „Wir können ja auch viele befriedigen, aber ob es sinnvoll ist, das auszulagern, bleibt doch fraglich.“
Eventuell ließe sich da auch über sinnvolle Kooperationen nachdenken. Die Musikschulen könnten zu Partnern der Schulen werden.

Musikschule Perchtoldsdorf
Wiener Gasse 17, 2380 Perchtoldsdorf, Tel. 865 43 77-12 oder -11. Die 1982 gegründete Franz-Schmidt-Musikschule trägt den Namen des Komponisten, weil dieser von 1926 bis zu seinem Tod 1939 in Perchtoldsdorf lebte. Vorspielabende, Kurse ab 3 J.

Musikschulen in Zahlen
Niederösterreich: Insgesamt werden 54.000 Schüler an den 134 Musikschulen des Landes von 2250 Lehrern in 34.800 Wochenstunden betreut. Niederösterreich rühmt sich der höchsten Versorgungsdichte mit Musikschulen. Oberösterreich hat allerdings 152 Landesmusikschulen.

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