Bayreuth weiß nicht mehr, was es mit Wagner anfangen soll. Waren das noch Zeiten, als vom Grünen Hügel Stilrevolutionen ausgingen.
Eine leere Bühne, etwas Fantasie beim Beleuchten – und dann begnadete Singschauspieler, die Geschichten erzählen lassen: beredte Körpersprache, beseelter Gesang. Das etwa war das Idealrezept für Opernregie ab den späten Fünfzigerjahren des abgelaufen Jahrhunderts. Federführend dabei: Wieland Wagner, der seit der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele mit den Werken seines Großvaters ein Exempel nach dem andern statuierte.
Zwei Generationen von Regisseuren, die nicht annähernd Wielands Format hatten, suchten es ihm nachzutun. Man konnte sicher sein, wie ein „Ring des Nibelungen“ ungefähr aussehen würde, in Wien, London, München oder New York. Denn Wielands Ästhetik war maßstabsetzend. Könner wussten damit umzugehen, die minder begabten Inszenierungshandwerker fühlten sich der Verpflichtung enthoben, sich selbst viel überlegen zu müssen.
Das war praktisch, aber für den Fortgang nicht nur der Wagner-Inszenierungsgeschichte fatal, denn den Wieland-Epigonen mangelte es an der Kunst der Personenführung, sodass viele Premieren bald aussahen wie späte Reprisen von Wieland-Inszenierungen, die über die Jahre nicht konsequent betreut worden waren: Ratlose Sänger standen auf der Bühne, die Lichtregie funktionierte nur andeutungsweise – also kontraproduktiv. „Öd ist es um mich her“, hätte nicht nur Florestan mit Recht gesungen.
An das erinnert man sich, wenn man die Diskussionen um den kommenden Bayreuther Jubiläums-„Ring“ verfolgt. 2013 soll der 200.Geburtstag des Festspiel-Gründers zelebriert werden. Man weiß längst, dass die musikalische Einstudierung in den Händen eines der meistumworbenen jungen Dirigenten unserer Zeit liegen soll: der charismatische designierte Münchner Generalmusikdirektor Kirill Petrenko soll seine Bereitschaft signalisiert haben. Man weiß allerdings auch jetzt noch nicht, wer das 16-Stunden-Musikdrama inszenieren wird – eine Monsteraufgabe, mit der längst hätte begonnen werden müssen.
Aber in Bayreuth hat man nach Verhandlungsfehlschlägen mit Regisseuren aus der Filmbranche keinen Plan, umwirbt den ostdeutschen Altrevoluzzer Frank Castorf als Lückenbüßer; und der ziert sich. Eine Dreierlösung mit Hans Neuenfels, Stefan Herheim und ihr selbst bezeichnet Komponistenurenkelin Katharina Wagner als „völligen Quatsch“ – und hat damit zumindest die richtigen Vokabel für ihre momentane Situation als Festspiel-Chefin gefunden.
Wenn sie jetzt nicht rasch noch einen tauglichen Regisseur findet, könnte es leicht sein, dass es sich der stets heikle Petrenko noch überlegt – wir sind in Sachen Stilbildung in Bayreuth sechs Jahrzehnte nach dem Neuanfang durch Wieland Wagner sozusagen am Gegenpol angelangt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2011)