Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Nahost: Israels "Marsch der Millionen"

Nahost Israels Marsch Millionen
(c) EPA (OLIVER WEIKEN)
  • Drucken

Die Protestbewegung schrumpft zu einem Grüppchen. Die Demonstranten ändern daher ihre Taktik. Nächster Schritt: "Die zehn Plagen". Doch man ist uneins, ob mit der Regierung verhandelt werden solle, oder nicht.

Die Luft ist raus aus Israels Zeltstadtbewegung. Nur noch rund 15.000 Demonstranten zogen am Samstagabend durch die Straßen von Tel Aviv. „Hope“, stand auf einem ihrer Schilder und: „Wir sind noch da.“

Mit Durchhalteparolen und dem Versprechen „Wir werden gewinnen“ versuchte Studentenführer Itzik Schmuli, die Überreste der Bewegung bei der Stange zu halten. „Niemand hat gesagt, der Weg sei leicht“, sagte er, „aber am Ende erwartet uns ein gerechterer Staat“. Und zum ersten Mal stieg auch Noam Schalit, Vater des seit fünf Jahren im Gazastreifen vermissten Soldaten Gilad Schalit, der am Sonntag seinen 25. Geburtstag beging, auf die Bühne der sozialen Protestbewegung.

Die Bewegung, die Anfang des Monats über 300.000 Menschen landesweit auf die Straße brachte, schrumpft derweil zu einer Gruppe von Hartnäckigen. Die Forderungen werden radikaler und richten sich klarer gegen die Regierung. „Die Antwort auf Privatisierung? Regierungswende!“, riefen Demonstranten am Samstagabend. Eine Rednerin warnte davor, die „gesellschaftliche Entwicklungen über die Sicherheitsfragen in Vergessenheit geraten zu lassen“. In den vergangenen zwei Wochen waren Demonstrationen infolge der Anschläge und des Raketenbeschusses im Süden des Landes weitgehend ausgeblieben.

 

Noch steht die Zeltstadt

Noch steht die Zeltstadt am Rothschild-Boulevard, nur die Bewohner haben sich fast alle wieder zurückgezogen in ihre vermutlich kleinen, aber doch klimatisierten Wohnungen. Es wäre „ehrlicher, die Zelte zu räumen“, schreibt der linke Kolumnist Gideon Levy in „Haaretz“. Soweit ist die Bewegung aber noch nicht. „Kann sein, dass die Zelte irgendwann überflüssig werden und wir andere Foren finden“, sagt Uriel Ras, Sprecher der Protestcamper am Boulevard. Vorläufig konzentriere man sich auf die Demonstration am kommenden Samstag, an dem der „Marsch der Millionen“ geplant ist. Parallel dazu soll es die Aktion der „zehn Plagen“ geben, in Anlehnung an die in der Bibel angeführten Naturereignisse, mit denen Gott Ägypten strafte, bis der Pharao endlich die Israeliten ziehen ließ. Zu den neuzeitlichen Plagen gehört etwa ein Boykottaufruf gegen Kartelle: „Unsere Aktionen sollen zeigen, wer in diesem Staat unser Geld einsteckt“, sagt Ras. Das milliardenschwere Unternehmen „Tshuva“ steht als erstes auf der Liste.

 

Protestcamper uneins

Uneins sind sich die Camper darüber, ob man mit der Regierung verhandeln solle oder nicht. Dafni Leef, Initiatorin des Zeltprotestes gegen die hohen Mieten, forderte den Rücktritt der von Premier Benjamin Netanjahu eigens berufenen Kommission. Nicht das Expertenteam unter der Leitung von Prof. Manuel Trajtenberg solle ihrer Meinung nach Lösungen finden, sondern die Knesset. Demgegenüber zeigt sich der Verband der Studenten eher zu Verhandlungen mit der Regierung bereit. „Ihr müsst uns zuhören“, appellierte Studentenführer Schmuli an die Politiker. „Wir wollen in diesem Land leben“, sagte er und forderte, dass neben „nationaler Sicherheit auch soziale Sicherheit“ gegeben sein müsse.

Davon, dass die Bewegung einfach auseinandergehen könnte, ohne Veränderung und ohne Spuren zu hinterlassen, will niemand etwas hören. „Das Rad ist nicht mehr zurückzudrehen“, sagt Zeltstadtsprecher Ras. Spätestens bei den nächsten Wahlen werde sich zeigen, welche Partei Antworten auf die soziale Misere parat halte.

 

„Jedes Kind kennt unsere Parole“

„Jedes Kind kennt heute unsere Parole: Das Volk will soziale Gerechtigkeit“, sagt Ras. Die Politikwissenschafts-Dozentin Tirza Hechter, die aus Solidarität mit der Protestbewegung am Samstagabend zur Demonstration gekommen ist, glaubt indes, dass die entscheidenden Veränderungen längst passiert sind: „Die Leute haben verstanden, was eine Zivilgesellschaft ist“, sagt sie. Es werde zu Erfolgen und Misserfolgen kommen, glaubt die Politologin, aber „es wird weitergehen“.

Auf einen Blick

Protestcamper. Die israelische Protestbewegung bröckelt, die Zahl der Demonstrationsteilnehmer sinkt deutlich ab. Also ändern die Demonstranten nun ihre Taktik und versuchen es mit Boykottaufrufen gegen Monopole und Kartelle. Indes sind sich die Demonstranten aber uneins, ob sie mit der israelischen Regierung verhandeln sollen oder nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2011)