Die Rache der Rhinozerosse

(c) ORF (Harald Pokieser)
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Oh Zeiten, oh Sitten: Dreiste Diebe verstümmeln in Europas Museen ausgestopfte Nashörner.

Hand aufs Herz: Gibt es auf dem Erdenrund ein herrlicheres Geschöpf als das Nashorn? Natürlich nicht, denn gleich, ob es die Hand eines gütigen Schöpfers war oder die ungelenkte Zielstrebigkeit der Evolution, ist das Nashorn zweifelsfrei die Krone der Schöpfung, ob in seiner asiatischen oder afrikanischen Ausformung, ob mit einem oder zwei Hörnern. Nicht ohne Grund widmet Woody Allen diesem famosen Vieh die beste Szene seines neuen Films „Midnight in Paris“, nämlich jene, in der er den fantastischen Adrien Brody als Salvador Dalí über das Rhinozeros schwärmen lässt.

Die monumentale Pracht einer Rodin-Skulptur, gepaart mit der Feinfühligkeit eines Eric-Rohmer-Films (Können Sie mit Ihrer Oberlippe Blätter von Akazien rupfen? Wir nicht. Und wir haben uns redlich bemüht.), dazu ein Sozialverhalten (tagsüber im Schatten ruhen oder sich im Schlamm wälzen, abends speisen, Feinde nur erschrecken, nicht auffressen), das man als friedvoller Zeitgenosse unterstützen muss.

Umso trauriger macht uns die Kunde, dass der vor allem in Ostasien weit verbreitete Aberglaube an die aphrodisische Wirkung zerriebener Nashornhörner nun auch zur Störung von deren letzter Ruhe führt. Binnen weniger Wochen wurden die ausgestopften Nashörner in den Museen von Lüttich, Namur und Brüssel von dreisten Dieben enthornt. Gleichartige Fälle aus anderen Ländern sind dokumentiert.

Doch die posthume Rache der Rhinozerosse ist gewiss: Denn im 19. Jahrhundert wurden beim Ausstopfen Unmengen an Arsen verwendet, um Insektenfraß abzuwenden. Wer zu viel davon abbekommt, kriegt zu seinem Potenzproblem sehr schnell noch ganz andere Sorgen.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2011)

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