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Filmfestspiele Venedig: Jubel und Grinsen für Clooney

(c) AP (Joel Ryan)
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Politik korrumpiert, das lehrte am Mittwochabend der Eröffnungsfilm „The Ides of March“ von und mit George Clooney. Doch wie steht es damit hinter den Festivalkulissen?

Mit der heurigen Auswahl des Filmfestivals Venedig, versichert Direktor Marco Müller, sei ihm endlich gelungen, das Kino in seiner Vielfalt so abzubilden, wie er sich das vorstelle. Bei dem gewieften Taktiker Müller weiß man freilich nie genau, was man von seinen Ansagen halten soll: Sein Gespür für Film ist ebenso bekannt wie seine Bereitschaft, Opponenten über den Tisch zu ziehen. Und momentan steht viel auf dem Spiel: Müller hat in den letzten Jahren Venedig zum künstlerischen Ereignis unter den Großfestivals aufgebaut, während Berlin alle artistische Glaubwürdigkeit verspielt hat. (Und Cannes? Es begnügt sich damit, Cannes zu bleiben.)

 

Wechsel nach Rom?

Pro forma steht das Ende der Ära Müller bevor: Sein Vertrag läuft aus. Aber während in den Vorjahren die Gerüchteküche brodelte, ist es ausgerechnet heuer merkwürdig ruhig. Gewiss, Müller hatte schon nach Venedig 2010 verkündet, er wolle sich wieder aufs Produzieren von Filmen verlegen. Kurz darauf wurde aber lanciert, er werde nach Japan gehen oder gar – maledetto! – zum neuen Erzrivalen, dem jungen, protzigen Festival von Rom. Aber das könnte auch ein frecher Bluff sein: Denn in Venedig hat Müller schon ein Spitzenfestival – wären da nicht die leidige Einbindung in die Biennale und die damit einhergehenden politischen Kompromisse...

Wie mag sich Müller also ins Fäustchen gelacht haben, als er den Eröffnungsfilm festlegte. Ein vorprogrammierter Heimsieg: George Clooney, der beliebteste Espressowerber des Erdballs, aber insbesondere Italiens (schließlich hat er ein Häuschen am Comer See), ist immer ein Garant für Begeisterung am Lido. Da schmelzen selbst die Müllers Kunstallüren oft gar nicht so gewogenen italienischen Gazetten dahin: Giorgissimo! Starkraft, Schönheit und Hollywood-Entertainment! Müller weiß eben, womit er sein Festival massentauglich ausbalancieren muss.

Insofern macht es wohl wenig aus, dass Clooneys Film eigentlich recht nichtssagend ist, auch wenn er bedeutungsvoll The Ides of March heißt. Clooney selbst spielt in einer Nebenrolle einen US-Präsidentschaftskandidaten im Vorwahlkampf, der integer für seinen liberalen Standpunkte einsteht. Die Hauptfigur gibt – recht überzeugend – Jungstar Ryan Gosling als aufstrebender Manager in dessen Wahlkampfteam. Doch gegnerische Intrigen, wahlkämpferische Lügen und sexuelle Affären lassen alle Ideale schnell dahinschmelzen. Man lernt: Politik korrumpiert. Das ist durchwegs gut gespielt (insbesondere von Philip Seymour Hoffman und Paul Giamatti als Wahlkampfleiter in gegnerischen Lagern) und kompetent inszeniert, aber klischeehaft geschrieben: Tiefere Einsichten gibt es nicht.

Wenig Wunder, dass das Pressekorps mit hängenden Häuptern aus der Vorführung am Mittwochvormittag kam. Aber spätestens bei Clooneys Ankunft und Fototermin in Venedig herrschte schon wieder Jubel. Und Müller konnte sich wohl ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen: Denn Clooneys oberflächlich-zynischer Film über Zynismus in der Politik ist genau das, was der Festivaldirektor zum Filz in der korrumpierten italienischen Berlusconi-Welt loswerden will.

Was das Spektakel anbelangt, liefert der erste, wenn auch in einer Nebenschiene versteckte Höhepunkt des Festivals, einen hintersinnigen Kommentar: In Crazy Horse richtet der Doyen des Dokumentarfilms, US-Veteran Frederick Wiseman, seinen Blick auf das berühmte Pariser Varieté. Einen Film über die „Projektion des Begehrens“ nennt er seine Dokumentation, und Crazy Horse findet interessante Wege, eine choreografierte (Fast-)Nacktrevue als Kunst zu begreifen – wenn auch nicht so rückhaltlos wie ein sehr französischer „künstlerischer Leiter“, der „Le Crazy“ als Teil einer hehren, von ihm obsessiv verfolgten Ahnenreihe sieht: „Saint Laurent, Marlene Dietrich, Helmut Newton.“

 

Madonna und Horrorhasen

Wie im Crazy Horse geht es bei Filmfestivals wie Venedig um das Verhältnis zwischen künstlerisch-intellektuellem Anspruch und durchaus vulgären Reizen. So tummelt sich außerhalb der Konkurrenz eine schräge Mischung, von Madonnas zweitem Spielfilm bis zum japanischen Horrorhasen-Angriff in 3-D. Im Wettbewerb hingegen soll die Mischung aus Kunst und Kommerz wie von selbst aufgehen: Clooneys Eröffnungsfilm mag künstlerisch etwas enttäuscht haben, aber bereits in den nächsten Tagen sind ganz große Namen avisiert: Am Donnerstag stellt Roman Polanski Carnage vor, seine Verfilmung des Theatererfolgs „Gott des Gemetzels“, u.a. mit Christoph Waltz und Kate Winslet; am Freitag folgt David Cronenbergs Historiendrama A Dangerous Method über das Verhältnis zwischen Sigmund Freud und C. G. Jung.

Österreicher in Venedig

Im Wettbewerb ist Österreich nur über Umwege vertreten: Oscar-Gewinner Christoph Waltz spielt in Roman Polanskis Theater-verfilmung „Carnage“; David Cronenbergs Freud-Film „A Dangerous Method“ ist teilweise in Wien gedreht worden. Drei Austro-Filme laufen aber im Zweitbewerb „Orizzonti“: Am Freitag hat Michael Glawoggers Dokumentarfilm „Whores' Glory“ Weltpremiere. In der Kurzfilmsektion laufen nächste Woche „Conference“ von Norbert Pfaffenbichler und „Hypercrisis“ von Josef Dabernig. 2010 wurde der Österreicher Peter Tscherkassky Kurzfilm-Sieger bei „Orizzonti“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 1. September 2011)