USA: „Dunkles Forschungskapitel der Medizin“

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Vor 65 Jahren führten US-Ärzte in Guatemala bestialische Menschenversuche durch. Sie infizierten sie bewusst mit Geschlechtskrankheiten. Der Präsident hat sich dafür entschuldigt und die Vorgänge klären lassen.

In den Jahren 1946 bis 1948 unternahmen US-Ärzte um John Cutler in Guatemala Experimente an Menschen, die man sich nicht vorstellen mag: Sie infizierten 1300 Personen – Soldaten, Gefängnisinsassen, Behinderte – ohne deren Wissen und Zustimmung mit Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Gonorrhö. Manche von ihnen behandelten sie mit Penicillin. Andere nicht.

Zum Infizieren engagierten sie im einfacheren Fall infizierte Prostituierte und zahlten mit staatlichen Forschungsgeldern, in schwierigen Fällen legten sie selbst Hand an, etwa bei einer geistig Behinderten namens „Berta“. Die wurde mit Syphilis infiziert, und bald „sah es so aus, als würde sie sterben“, notierte Cutler. Dennoch verpasste er ihr noch Gonorrhö, in Augen, Harnröhre, Rektum. Überall floss Blut heraus, vier Tage später war sie tot. So wie mindestens 82 andere Versuchskaninchen.

Mit Syphilis infiziert

Das ist der bisher schauerlichste bekannte Fall. Hintergrund des ganzen Experiments waren die häufigen Infektionen von GIs an den Fronten des Weltkriegs, Cutler wollte testen, ob die rasche bzw. präventive Einnahme von Penicillin den Ausbruch der Krankheiten verhindern kann. Deren Verlauf, vor allem den der Syphilis, hatte er früher schon getestet, in den USA selbst, in Tuskegee, Alabama: Dort ließ er erkrankte schwarze Landarbeiter unbehandelt. 1997 kam es ans Licht, US-Präsident Bill Clinton entschuldigte sich öffentlich bei den Opfern.

Letzten Herbst musste ihm Präsident Barack Obama auch darin folgen und sich bei den Opfern in Guatemala bzw. bei der Regierung entschuldigen: Eine Wisssenschaftshistorikerin hatte die alten und nie publizierten Experimentunterlagen gefunden (auch Fotos waren dabei: Cutlers Frau hatte den Verfall der erkrankten Geschlechtsorgane der Opfer dokumentiert). Obama entschuldigte sich sofort und beauftragte seine Bioethikkommission mit einer detaillierten Dokumentation der Verbrechen. Die ist nun fertig und konstatiert durch ihre Vorsitzende Amy Gutman „ein sehr dunkles Kapitel in der staatlich finanzierten medizinischen Forschung“.

Öffentlich ist der Bericht noch nicht, aber er lässt keinen Zweifel, dass es sich um Verbrechen handelte und dass Cutler das wusste. 1946, als er in Guatemala begann, blickte die Welt mit steigendem Grauen nach Nürnberg: Dort lief der Prozess gegen Ärzte, die bestialische Experimente mit KZ-Gefangenen unternommen hatten. Manche der Angeklagten verantworteten sich damit, dass auch US-Ärzte früher solche Experimente unternommen hätten: 1906 etwa infizierte Richard Strong Gefangene auf den Philippinen mit Cholera (und belohnte sie mit Zigaretten).

„Nürnberg-Kodex“

Über solche Experimente wusste natürlich auch die US-Ärztegesellschaft American Medical Association Bescheid, und sie reagierte auf die Nürnberger Ärzteprozesse mit einem „Nürnberg-Kodex“, der die Rechte von Versuchspersonen sichern sollte. Das tat er auch in den USA, Cutler experimentierte auch dort, an Gefängnisinsassen, er holte ihre Zustimmung ein. Aber im fernen Guatemala tat er es nicht, er hielt den Kreis der Mitwisser schmal und mahnte zu Verschwiegenheit, „ein falsches Wort an eine falsche Person“ könne das gesamte Unternehmen gefährden.

Das gefährdete stattdessen sich selbst, es war methodisch so schlecht angelegt, dass Cutler nie etwas publizierte. Sondern alles einlagerte, 125.000 Dokumente, in den Archiven der Universität Pittsburgh. Dort arbeitete er, hoch geschätzt, er war kein Teufel, engagierte sich viel für die Medizin in Entwicklungsländern und brachte es zu solchem Ruf, dass die Universität Pittsburgh nach seinem Tod 2003 (man weiß nicht, ob der auch mit seinen Experimenten zusammenhing) einmal im Jahr eine Cutler-Gedächtnis-Vorlesung halten ließ. 2008, als der Spuk ans Licht kam, wurde sie eingestellt.

Lexikon

Penicillin hemmt den Aufbau neuer Zellwände bei der Zellteilung. Es wird von Penicillium chrysogenum, einer Art von Schimmelpilzen, produziert und 1928 von dem Briten Alexander Fleming entdeckt, als er fand, dass sich eine Bakterienkultur bei Gegenwart des Pilzes nicht vermehrte. Der Pilz (l.) bzw. seine Sporen sind omnipräsent, etwa auf Lebensmitteln (speziell verschimmelnden), in Boden und Luft, ja tief in Gletschern. [Crulina 98]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2011)

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