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Das fahle Licht des Niedergangs

Die Beleuchtungstechnik illuminiert auch die Geschichte: Als der Kapitalismus wild war, glühte die Birne, nun macht sie auch ihn blass.

 

Europa wankt und gerät aus den Fugen, zusammengehalten wird es nur noch von einem fahlen Licht, dem der Energiesparbirne, es passt gut zur Stimmung an den Börsen, man wähnt sich in einer Leichenhalle bzw. auf einem Begräbnis dritter Klasse. Man ist auch auf einem, verstorben ist ausgerechnet die Lichtgestalt, die die wildeste Zeit des Kapitalismus illuminierte: 1893 wurde in Chicago der 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas mit einer Weltausstellung gefeiert, im Zentrum stand die „Great Hall of Electricity“. Um ihre Ausstattung wurde hart gekämpft, Edison wollte in ihr – und in der Welt – sein Produkt durchsetzen, den Gleichstrom, Westinghouse und Tesla hielten mit Wechselstrom dagegen. Sie erhielten den Zuschlag und verwandelten die Halle mit 130.000 Glühbirnen in eine „City of Light“.

Edison durfte sich trösten: Die Glühbirne hatte er erfunden, vielleicht auch nicht, es ist umstritten, in jedem Fall fuhr er die Profite für das Produkt ein (US-Patent Nr. 223898), das später auch zum Symbol für Geistesblitze wurde: Daniel Düsentrieb, dem Genie von Entenhausen, ging oft ein Licht in Form einer Glühbirne auf, auch seinem Roboter („Helferlein“) gab er die bauchige Gestalt. Man lachte gerne darüber im milden Glühlicht, das an das des Feuers erinnerte und wie es auch wärmte, manches Klo am Gang in Wiener Mietshäusern wurde so beheizt.

Aber dann kam der Fortschritt – gibt es noch Klos am Gang? –, und dann kam die Revolution: 2005 rief Fidel Castro als Erster weltweit zum Sturm auf die Glühbirne, bald folgte der Klassen- bzw. Systemfeind, 2007 die USA, dann die EU (Ökodesign-Richtlinie 2005/32/EG, umgesetzt ab 2009 durch EG-Verordnung 244/2009).

Seitdem geht es voran – Birne ab, von Watt zu Watt! –, aber nicht jedem Auge behagt das neue Licht, es, das Auge, ist schließlich sonnenhaft oder hat sich zumindest in langer Evolution an ihr Strahlen angepasst. Und von dessen Klarheit ist der Sparschein so weit entfernt, dass man schon ganz genau hinsehen muss. Vor allem, wenn es um die Details geht: Vom gesamten Energiebedarf deckt Elektrizität um die 20 Prozent. Davon geht ein Viertel dorthin, wo die nun bedrohten Arten der Glühbirne Licht und Liebe spenden, in die Haushalte, macht vom ganzen Energiekuchen fünf Prozent. Aber in Haushalten wird auch gewaschen und gekocht, manche heizen sogar mit Strom. In die Beleuchtung gehen elf Prozent, macht 0,55 Prozent vom Kuchen.

Zieht man noch Neonröhren und Ähnliches ab, und rechnet man endlich dagegen, dass selbst die geilste und geizigste Sparlampe keinen Strom erzeugt, dann ist man beim Effekt der Staatsaktion fast in Größenordnungen, mit denen Hahnemann – in seiner homöopathischen Medizin – die Gesundheit von Individuen retten wollte. Nun soll die Verdünnung auf 0,55 Prozent des Energieproblems die ganze Erde vor dem Hitzetod bewahren. Aber viele schwören schließlich auch auf Hahnemann.

 

Mail: juergen.langenbach@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2011)