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Niederlande: Künstlicher Berg in der Nordsee?

(c) Engineers' Bureau DHV
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Die nicht ganz ernst gemeinte Idee eines 2000 Meter hohen künstlichen Berges in der Nordsee samt Skipiste, Almhütte & Co. wird immer mehr zum Selbstläufer. Die Niederländer wollen auch zu Hause Ski fahren.

Im Jahr 1987 hatte die niederländische Popgruppe „The Nits“ mit dem Song „In the Dutch Montains“ einen Riesenhit. Er war ironisch und eine witzige Ode an die Berge in Holland, die es bekanntlich, abgesehen von einem Hügelland im Raum Maastricht im Süden mit dem 323 Meter hohen Vaalserberg als höchste Erhebung, gar nicht gibt. Die Niederlande sind flach wie ein Pfannkuchen und Niederländer eigentlich Flachland-Tiroler. Dennoch hat das Land viele Skivereine, deren Mitglieder meist in Österreich, Süddeutschland oder der Schweiz wedeln (falls sie das können).

Nun wollen die Niederländer aber auch zu Hause Ski fahren können – und zwar auf einem richtigen Berg. Der Ex-Radrennprofi und jetzige Sportjournalist Thijs Zonneveld will ihn bauen lassen: einen Berg, 2000 Meter hoch, mit Skipiste, Gletscher, Almhütte und diversem Aprés-Ski-Zubehör sowie Einkaufszentrum. Einen multifunktionalen Berg stellte sich Zonneveld jüngst in einer Zeitungskolumne vor – und obwohl er beteuert, dass er das nicht ernst gemeint habe, so entwickelt sich die Idee zum Selbstläufer, und immer mehr Experten kommen mit allerhand Vorschlägen zu dessen Bau daher.

 

Anspruchsvoll, aber machbar

Nur, wo kann man einen Berg im am dichtest besiedelten Land Europas anlegen? Natürlich vor der Küste im Meer, etwa vor dem Örtchen mit dem sinnigen Namen Bergen aan Zee. „Theoretisch ist das machbar. Der künstliche Berg braucht einen Sockel mit einem Durchmesser von mindestens zwölf Kilometern sowie ein solides Fundament auf dem Meeresboden“, sagt der Architekt Martin Dubbeling. „Es ist eine technische Herausforderung. Aber Briten und Franzosen haben auch lange davon geträumt, einen Tunnel unter dem Kanal zu bauen. Jetzt ist er da und Schnellzüge rasen durch.“

Das angesehene Ingenieursbüro „DHV“ begann mit dem Rechnen. Man geht davon aus, dass der Berg zehn Kilometer vor Bergen aan Zee entstehen soll und eine „klassische“ Spitze kriegt. Dazu bräuchte man 77 Milliarden Kubikmeter Sand, um den zu gewinnen müssten die riesigen niederländischen Baggerschiffe, die 16.000 m3 Material tragen können, 4,5 Millionen Mal hin und her fahren. Das würde Jahre dauern und wäre sündhaft teuer, denn einen Kubikmeter Sand vom Meeresboden hochzupumpen kostet derzeit drei Euro. Der Kunstberg käme also allein vom Material her auf mehr als 230 Milliarden Euro. Wer hat so viel Geld?

 

Japanischer Vulkan Fuji als Vorbild

Also tüftelt man an einem Kompromiss: Man könnte nur 500 oder 1000 Meter mit Sand aufschütten und den Rest in Form eines Stahlgerüstes draufsetzen. Innen wäre der Berg also teilweise hohl. Kostenberechnungen gibt es noch nicht. Als Vorbild des Berges dient indes nicht das Schweizer Matterhorn oder der Großglockner in Österreich, sondern der Vulkan Fuji in Japan. Wahrscheinlich würde es in den Almhütten auf dem Nordsee-Kunstberg dann Sushi und Sashimi als Brettljause geben.

Wer jetzt denkt „Die spinnen, die Holländer“, der sollte wissen, dass sie es waren, die die künstlichen Inseln mit ganzen Stadtsiedlungen drauf vor der Küste von Dubai im Persischen Golf gebaut haben. Sie haben das Know-how und die Spezialschiffe dafür. Auch bei Rotterdam bauen sie gerade wieder eine neue künstliche Insel in die Nordsee, die ,,Maasvlakte 2,‘‘ einen künstlichen Hafen, an dem Öltanker andocken können.

„Wenn man diesen Berg will, können wir ihn bauen“, behauptet auch Architekt Jasper Bonte. Ein „Mount Holland“ im Meer könnte durchaus zur Touristenattraktion werden, und statt Schuhplattler würde es dort den „Klompen-Tanz“ mit den gleichnamigen holländischen Holzschuhen geben.

Nur jodeln müssen die Holländer noch lernen. Das könnten sie schon jetzt in der Schweiz tun: Der Fremdenverkehrsverband von Arosa (Kanton Graubünden) affichiert in mehreren Städten Hollands demnächst Plakate mit schönen Bergfotos und Slogans wie „Das Original ist besser als jede Kopie“.

Hintergrund

Technisch machbar sei so ein Berg, sagen namhafte holländische Architekten. Für eine „klassische Form“ von 2000 Meter Höhe (am beliebtesten scheint derzeit jene des Mount Fuji in Japan zu sein) müsste man laut ersten Berechnungen rund 77 Milliarden Kubikmeter Sand mit Frachtkähnen herbeikarren und aufschütten. Allein die Materialkosten des Berges im Meer würden diesfalls aber mehr als 230 Milliarden Euro betragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2011)