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Religion ohne Priester?

Paul M. Zulehner widerspricht der Säkularisierungsthese. Zwar suchten viele Kirchenmitglieder das Weite, doch werde dies durch die Suche nach ungebun-dener spiritueller Weite und das Anwachsen des Islams ausge-glichen: Religion verschwinde nicht, sie „verbunte“.

Als der Vater des US-amerikanischen Radiomoderators und Senators Al Franken im Sterben lag, bekundete Rabbi Black, zu dessen Synagoge die Familie Franken gehörte, seinen dringenden Wunsch, den schwer kranken Mann zu besuchen.
Da Al Frankens Vater selbst nie darum ge-beten hatte, mit einem Geistlichen über sein bevorstehendes Ableben zu sprechen, lehnte sein Sohn den Wunsch des Rabbiners ab. Kurze Zeit später meldete sich Rabbi Black noch einmal. Wäre es möglich, vorbeizuschauen und die Ehefrau des Sterbenden zu trösten? Da seine Mutter einnervliches Wrack war, stimmte Frankendiesmal zu.

Rabbi Black kam, doch wurde bald klar, dass der Besuch der Mutter nur ein Vorwand gewesen war, doch noch ins Gespräch mit dem sterbenden Vater zu kommen. Franken ging also in dessen Zimmer und teilte ihm mit, Rabbi Black wolle mit ihm reden. „Nun, ich kenne ihn eigentlich gar nicht“, sagte der alte Mann, und mit einem Achselzucken fügte er schließlich hinzu: „Na gut, wenn er glaubt, dass ihm das irgendwie guttun wird.“

Nicht nur amerikanische Juden haben ihren Geistlichen gegenüber offenbar Vorbehalte, sondern auch österreichische Katholiken. Das stellt der Wiener Pastoraltheologe und Religionsforscher Paul M. Zulehner in seiner neuesten religionssoziologischen Studie fest, die den Titel „Verbuntung trägt – Kirchen im weltanschaulichen Plu-ralismus“ trägt. Nur ein Viertel der Katholikinnen und Katholiken in Österreich meint, dass Priester heutzutage ein relativ hohes Ansehen genießen würden, fast die Hälfte dagegen ist der Auffassung, ihr Ansehen sei eher gering. Knapp die Hälfte der Katholiken geht nur noch an hohen Festtagen oder (fast) überhaupt nicht mehr in einen Gottesdienst.

Zulehners Langzeitstudie umfasst einen Zeitraum von 40 Jahren. Das ermöglicht es, Umfrageergebnisse zu vergleichen und historische Entwicklungen zu beschreiben. Gingen 1970 noch 40 Prozent der österreichischen Katholiken in die Sonntagsmesse, so waren es 1980 nur noch 30 Prozent, 1990 noch 27 Prozent, 2000 noch 19 Prozent und 2010 nochmals geringfügig weniger, nämlich 18 Prozent. Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung ist im Untersuchungszeitraum von 94 Prozent auf 67 Prozent gesunken, das ist um 27 Prozentpunkte. In Wienund Salzburg ist der Katholikenanteil inzwischen unter 50 Prozent gefallen.

Die neueste Befragung aus dem Jahre 2010 bietet gegenüber früheren Studien eine substanzielle Ausweitung: Neben Katholiken und Protestanten wurden auch die in Österreich lebenden Muslime und die orthodoxen Christen miterforscht: „Beide Bevölkerungsgruppen sind stark im Wachsen. Die Muslime kommen vorrangig aus dem türkischen Anatolien, die Orthodoxen aus Serbien.“

Die weltanschauliche Lage im gegenwärtigen Österreich ist nach Zulehner durch Pluralismus gekennzeichnet, durch Vielfalt, durch „Verbuntung“, wie er mit gewohnt neologistischem Eifer formuliert. Neben einem „kirchlichen Feld“, in dem die (ser-bisch-)orthodoxe Gemeinschaft stark angewachsen ist, gebe es ein „spirituelles Feld“, in dem Horoskope und Yoga Konjunktur haben, ein „atheisierendes Feld“, in dem der Glaube an Gott verschwunden oder im Schwinden begriffen ist, und ein „muslimisches Feld“, das inzwischen den Wert von 4,2 Prozent überschritten hat und das derzeit (noch) durch einen festen Gottesglauben und durch Kinderreichtum gekennzeichnet ist.

 

Autoritätskritisch und glaubensfern

Zulehner verweist auch auf Umbrüche in den Glaubens- und Wertvorstellungen im österreichischen Islam: Jüngere Muslime der zweiten Generation seien wesentlich autoritätskritischer und glaubensferner als ih- re Eltern. Sie seien aber auch selbstbewusster und anpassungsresistenter: „Es fällt auf, dass in der zweiten Generation zu einer Umgestaltung der mitgebrachten Denk- und Lebensgewohnheiten weniger Bereitschaft besteht denn in der ersten. Die jungen
Muslime fragen, ob nicht in einem kulturellen Dialog beide Seiten lernen sollten: eine Vorstellung, der man integrationspolitisch durchaus etwas abgewinnen kann.“

Das vorliegende Datenmaterial ist zu umfangreich, um es in einer kurzen Rezension umfassend vorzustellen und zu wür-
digen. Viele Erkenntnisse sind aufschlussreich, wichtig und unverzichtbar, gerade auch für alle jene Entscheidungsträger in Politik und Kirchen, die an einem konstruktiven Gespräch der Religionen und Kultu- ren und einem friedlichen Miteinander der Menschen in Österreich interessiert sind. Wer sich kompetent über die aktuelle Lage der Religion in Österreich informieren will, kommt an Zulehners Buch nicht vorbei.

Manche Ergebnisse der Studie sind freilich – wie Paul Zulehner selbst formuliert – „erwartbar“ („Wer Sympathie zur FPÖ oder zum BZÖ hat, ist wesentlich mehr ausländerabweisend als jene, welche die Grünen präferieren“). Einige wenige Dinge erscheinen mir unstimmig und nicht unproblematisch zu sein. So wird festgestellt, dass engagierte Christen besonders solidarisch und altruistisch seien. Doch gleichzeitig zeigt die Studie, dass vor allem Katholiken wesentlich stärker dem Autoritarismus zuneigten als Konfessionslose. Sie seien auch deutlich skeptischer gegenüber Ausländern eingestellt als diese. Je häufiger Katholiken in die Kirche gingen, umso eher würden sie politisch rechts stehen. Wie passt das alles zusammen?

Bedenklich finde ich auch, dass Paul M. Zulehner seine Rollen als Religionssozio-
loge und Religionsforscher einerseits, Theologieprofessor und katholischer Priester andererseits stark vermischt. Das mag manchmal unvermeidlich sein. Wenn man jedoch Menschen, die nicht an eine Auferstehung von den Toten glauben, als (fast schon bemitleidenswerte) Wesen definiert, die „existenziell die Weite“ leugnen und die sich damit abgefunden haben, „dass der Tod stärker ist als die Liebe“, dann ist das eine extrem wertende Formulierung, die ich für religionssoziologisch unzulässig halte.

Zudem ist eine solche Dichotomie von Diesseits- und Jenseitsorientierung real kaumanzutreffen: Man muss nur – wie ich das als Gastprofessor in Spokane, Washington, zur Zeit gut kann – aufmerksam beobachten, wie mühelos tiefgläubige US-amerikanische Christen den sonntäglichen Kirchenbesuch mit einer anschließenden Fahrt zur Shopping Mall zu verbinden wissen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2011)