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Fußball-Nationalmannschaft: Zehn Jahre Stillstand

FussballNationalmannschaft unendliche Stagnation
Baumgartlinger(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Österreichs Team wird zwar Potenzial bescheinigt, es landet aber seit Jahren höchstens hin und wieder Zufallstreffer. Das stellt Teamchef Didi Constantini ein schlechtes Zeugnis aus.

Österreichs Fußballteamchef Didi Constantini wird auch am Dienstag gegen die Türkei im Happel-Stadion auf der Bank sitzen, auch wenn der 56-Jährige nach der 2:6-Niederlage in Gelsenkirchen gegen eine groß aufspielende deutsche Mannschaft wie am Boden zerstört wirkte. Dass der Klasseunterschied groß ist, das hat man schon vor dem Duell gewusst, das Ausmaß der Hilflosigkeit der ÖFB-Auswahl hat dann dennoch überrascht. Die Schlappe hätte auch noch höher ausfallen können, die Österreicher wurden nicht nur an die Wand gespielt, sondern zu Statisten degradiert.

An solchen Niederlagen haben Spieler oft schwer zu kiefeln, auch bei Trainern hinterlassen sie schmerzhafte Narben. Weil der Gegner mit der österreichischen Mannschaft gemacht hat, was er wollte. Nur wenige europäische Teams lassen so viele Gegentore zu, am jüngsten europäischen Großkampftag kassierte nur San Marino eine noch deutlichere Abfuhr – 0:11 gegen die Niederlande.

Das 2:6-Debakel erinnerte an die Teamchef-Ära von Hans Krankl und an das Jahr 2002. Damals kamen die Österreicher genauso unter die Räder wie jetzt, allerdings in aller Freundschaft. Und die Deutschen befanden sich bereits in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in Korea und Japan. Aber einen Notnagel wie Rolf Landerl gibt es heute im ÖFB-Team nicht mehr, Didi Constantini hat weitaus bessere Spieler zur Verfügung als sein Vorvorgänger.

Fast zehn Jahre sind mittlerweile vergangen, Österreichs Fußball aber hat sich nicht zum Besseren entwickelt. Zumindest, was die Ergebnisse betrifft. Von den vergangenen acht Länderspielen wurden sieben verloren. Die Bilanz von Didi Constantini hat sich mittlerweile auch dramatisch verschlechtert. 22-mal war er in seiner Amtsperiode für das Schicksal des heimischen Fußballs verantwortlich, nur siebenmal durfte dabei gejubelt werden. Auf der Minusseite stehen dreizehn Niederlagen, dazu kommen zwei Unentschieden. Die Tordifferenz lautet 30:42.

Der verjüngten österreichischen Mannschaft wird von allen Seiten großes Potenzial bescheinigt, viele Experten sind der Meinung, Constantini verfüge über ein qualitativ weit besseres Kontingent, als es Josef Hickersberger vor der Euro 2008 vorgefunden hat. Trainer werden an Resultaten gemessen, Hickersberger hat nach dem Heimturnier („Wir haben unser Ziel – den Aufstieg – nicht erreicht!“) die Konsequenzen gezogen, ist in seiner typischen Art und Weise in die Wüste ausgewandert.

Der Tiroler hingegen wird seinen Sessel nicht räumen. Von Rücktritt war auch nach den bitteren Momenten von Gelsenkirchen keine Rede. „Ich werde meinen Vertrag erfüllen“, bekräftigte Didi Constantini. Der Kontrakt läuft noch bis 31. Dezember, danach wird sich der Teamchef bestimmt nach Tirol zurückziehen. Und sich seinen Sommercamps widmen. Aber der ehemalige Fußballprofi weiß natürlich auch, dass man ihn in der derzeitigen Situation auch als Sesselkleber bezeichnen könnte. „Ich habe noch nie freiwillig die Flinte ins Korn geworfen.“ Der übliche Mechanismus ist Constantini nicht fremd. „Wenn du nichts gewinnst, dann wirst du entlassen. Und meine Bilanz ist nicht unbedingt gut.“

Wenn eine Mannschaft viel zu selten das zeigt, was in ihr steckt, muss man sich auf Ursachensuche begeben. Viele Legionäre bringen in der Nationalmannschaft weitaus schlechtere Leistungen als bei ihren Vereinen, die katastrophalen Auftritte kann man nicht immer nur mit einer schlechten Tagesverfassung oder mit Pech erklären. Es ist einzig und allein Aufgabe eines Teamchefs, das Maximum aus einer Elf herauszuholen. Alles andere wäre Augenauswischerei.

Wenn Kapitän Christian Fuchs des Öfteren bei Schalke so versagt wie gegen Deutschland, wird er sein königsblaues Leiberl bald los sein. Wenn sich Emanuel Pogatetz bei Hannover von seinen wankenden Mitspielern so anstecken lässt wie in Gelsenkirchen, wird er sich auch bald auf der Ersatzbank wiederfinden. Aus einem Ekrem Dag wird man schon lange nicht mehr schlau, aber der türkische Vereinsfußball hat offenbar eigene Gesetze. Dass Julian Baumgartlinger bei Mainz im Moment nicht erste Wahl ist, ist nach diesem Spiel mehr als verständlich.

Franz Schiemer wurde nach seiner Genesung mit so gut wie keiner Matchpraxis auf Klose und Co. losgelassen, Daniel Royer glänzte vor allem als taktische Null. Der Neo-Hannoveraner agierte im Stil eines Linksaußen, vergaß dabei völlig auf seine Defensivaufgaben und brachte dabei Außenverteidiger Fuchs erst so richtig in die Bredouille. David Alaba, eines der größten heimischen Talente, ist zwar ein Allrounder, eine Sechs im defensiven Mittelfeld kann er nicht ausfüllen. Wobei es in Europa nicht viele Spieler gibt, die Mesut Özil in Topform bändigen können. Erschwerend kommt dazu, dass Tormann Christian Gratzei erst Bälle zu parieren beginnt, wenn es 0:3 steht.

Teamchef Didi Constantini ist davon überzeugt, dass die Saat irgendwann einmal aufgehen wird. „Ich glaube, dass die Mannschaft Zukunft hat“, sagt der Tiroler. „Wenn man sie beisammenlässt, dann wird etwas weitergehen.“ Er selbst wird das als Teamchef nicht mehr erleben. Sein Nachfolger aber muss sich wieder auf zwei Duelle mit diesen gigantischen Deutschen gefasst machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)