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Deutschland: Gefährlich, aber lange nicht am Zenit

Bundestrainer Joachim Löw kündigte ein Mittelfeld mit Özil und Götze an. Wenigstens das blieb den Österreichern erspart.

Der Verlierer musste in der Arena von Schalke als Erster das Wort ergreifen, aber die zum Teil dürftigen Versuche von Didi Constantini, das Debakel zu erklären, waren rasch abgeschlossen. Die Bühne war dann frei für den Helden des Abends. Wie ein braver Schuljunge saß Mesut Özil da, er verkörperte gleichsam den Anti-Arnautovic, obwohl der 22-Jährige allen Grund dazu gehabt hätte, zumindest über beide Ohren zu strahlen oder ein bisschen dicker aufzutragen. Vor allem, als er die Lobeshymnen wegwischte, da dokumentierte der Legionär von Real Madrid, dass er sich nur als Teil einer Mannschaft, als ein Rädchen im Gesamtgefüge sieht. „Es ist überhaupt nicht wichtig, wer die Tore schießt. Und es spielt für mich auch keine Rolle, wem der Führungstreffer gutgeschrieben wird. Wichtig ist nur, dass wir als Mannschaft das gezeigt haben, was wir können.“

Özil begeisterte als „Schalker Junge“ nicht nur das Gelsenkirchner Publikum, sondern ganz Fußball-Deutschland. Drei Treffer hat er in Wahrheit gegen Österreich erzielt, offiziell und laut Uefa darf Miroslav Klose das 1:0 für sich verbuchen. Der Rekord von Gerd Müller rückt näher und näher. Aber die Zukunft der DFB-Auswahl heißt Özil. Oder Schürrle. Oder Götze. Das macht auch den Präsidenten Theo Zwanziger stolz. „Diese Mannschaft bereitet pure Freude.“

Als erste europäische Mannschaft hat Deutschland das EM-Ticket für 2012 gelöst, die Auswahl eilt von Sieg zu Sieg. Alles eine Frage der richtigen Entwicklung. Der eindeutige Sieg über Österreich aber wurde bei aller Freude realistisch eingeschätzt. Vor allem von Bundestrainer Joachim Löw. „Wir haben früher gegen sogenannte kleinere und nur auf Defensive ausgerichtete Gegner hin und wieder Probleme gehabt. Die Österreicher aber haben wir nicht ruhen lassen – wir haben sie nicht atmen lassen. Es ist uns gelungen, die Lehren aus dem Wien-Spiel zu ziehen. Damals sind die Spieler allerdings nach der langer, kräfteraubender Saison am Zahnfleisch gegangen.“

Die Deutschen stellen andere Ansprüche, Rot-Weiß-Rot spielt dabei natürlich überhaupt keine Rolle, von einem Gradmesser kann keine Rede sein. „Wir können glücklich sein“, sagte etwa Sebastian Schweinsteiger. „Aber es war eben nur Österreich.“ Wer so erfolgsverwöhnt ist, träumt von einem Titel. Schon bei der EM 2012 in Polen und in der Ukraine macht man sich zum Mitfavoriten. „Wir sind nicht die Einzigen, die gewinnen wollen. Aber unsere Mannschaft gehört schon auch zu den besten der Welt.“

Joachim Löw, der sich nach dem Triumph in aller Ruhe eine Schale Kaffee gönnte, philosophierte in weiterer Folge über die neue Spielkultur. „Unser Ziel war es, uns fußballerisch zu verbessern. Und das haben wir seit 2008 sicher geschafft. Wir sind in der Breite besser aufgestellt, wir kombinieren, wir zeigen Fleiß, wir agieren mit hoher Intensität.“

Als Bundestrainer ist Löw zu beneiden, immer wieder drängen junge Spieler nach. „Der Konkurrenzkampf treibt die Spieler an. Das wird auch die Spannung hochhalten.“ Vor allem im Mittelfeld hat der ehemalige Tirol- und Austria-Betreuer alle Möglichkeiten. Und er kündigte an, dass der Tag kommen werde, an dem Özil gemeinsam mit Götze zaubern wird. Der Gegner kann einem fast heute schon leidtun. Am Dienstag im Test in Danzig gegen Polen wird Löw jedenfalls Mesut Özil zunächst einmal schonen. „Bis zur EM haben wir die Möglichkeit, noch einiges auszuprobieren. Die werden wir nützen, um zu rochieren. Dann sind wir bei der EM fit.“ Die Konkurrenz darf das getrost als Drohung verstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)