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Irakische Lektionen für Libyen

Irakische Lektionen fuer Libyen
(c) AP (Alexandre Meneghini)
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In Tripolis sind Hektik, Nervosität und Unsicherheit der Sorge um die alltägliche Versorgung gewichen. Vor allem Wasser und Benzin sind knapp, dafür gibt es ein Übermaß an Waffen. Man will aus den Erfahrungen des Irak lernen, damit sie nicht losgehen.

Orthografisch nicht ganz korrekt und in einem Mischmasch aus Englisch, Arabisch und Deutsch. Aber die Botschaft ist klar. „No more Kaddafie hier“ hat jemand auf ein blaues Pappschild in großen Buchstaben gemalt, das am eisernen Eingangstor vom Hafen in Tripolis hängt. Am Checkpoint stehen nur wenige bewaffnete Rebellen. Von der Hektik und Nervosität der vergangenen Woche ist nichts mehr zu spüren. Obwohl der Hafen zurzeit der wichtigste Versorgungsweg für die Hauptstadt ist. Man fühlt sich sicher.

Größte Nachschubprobleme bereiten derzeit Wasser und Benzin. Die zwei Grenzübergänge nach Tunesien, Ras Dschedir und Dehiba, reichen nicht aus, um eine Großstadt mit zwei Millionen Einwohnern zu versorgen.

Gaddafi-Loyalisten haben Tripolis vom Trinkwasser abgeschnitten, gleich an drei verschiedenen Orten: in Sirte, dem Heimatort des Ex-Diktators, der von Rebellentruppen umstellt ist und eine weitere Woche Zeit hat, über das Aufgabe-Ultimatum des Nationalen Übergangsrats (NTC) nachzudenken; in Bani Walid, einem kleinen Ort, etwa 100 Kilometer südlich der Hauptstadt, den Anhänger des alten Regimes noch immer besetzt halten. Im 600 Kilometer entfernten Hassuna soll die Pumpstation zwar mittlerweile in der Hand der Rebellen sein, aber die Techniker können dort aus Sicherheitsgründen noch nicht arbeiten.

Wasser aus Malta. Am Hafenkai liegt das Schiff „Giugiulesti“. „Die Mannschaft ist aus der Türkei“, erklärt der erste Offizier Egin Ösbek, „das Schiff aus der Republik Moldau und unsere Ladung aus Malta.“ Zwei Gabelstapler fahren emsig hin und her, um Paletten mit Wasser aus dem Schiffsbauch auf wartende Lkw zu laden. „Das sind insgesamt 500 Tonnen Wasser in Einliterflaschen“, liest der 30-jährige Offizier aus der Ladeliste vor. „Dann haben wir noch 40 Tonnen Mehl, fünf Tonnen Nudeln, 15 Tonnen Medikamente, 19 Tonnen medizinische Geräte. Alles vom World Food Programme der UNO gemanagt.“

„Aus drei verschiedenen Ländern“, mischt sich Amin Abuschela ein, der auf seiner Brust einen Rebellenstern in Rot-Grün-Schwarz trägt. Er läuft in den Laderaum: „Hier Medizin aus den USA, da hinten die Kartons aus Italien. Das Wasser kommt aus Malta.“ Der Libyer lebt seit 24 Jahren in Malta und kümmert sich dort um Hilfslieferungen in seine Heimat. „Natürlich freiwillig und ohne Bezahlung.“ Abuschela denkt jetzt darüber nach, zurück in seine Heimat zu kommen. Ähnlich geht es Mohammed Trabelsi, einem Arzt, der normalerweise in Großbritannien arbeitet. Er war in die Nafusa-Berge gekommen, um verwundete Rebellen zu behandeln. „Wenn der Nationale Übergangsrat sein Versprechen einer Demokratie wahr macht, komme ich zurück.“

In der Hafenbehörde arbeitet am Freitag niemand. „Was wollen Sie, heute ist Feiertag“, sagt ein Mann in blauer Uniform unfreundlich. „Kommen Sie an einem anderen Tag wieder.“ Sein Chef, der Hafendirektor, hatte am vergangen Dienstag noch wesentlich freundlicher Auskunft gegeben. „Wir haben große Probleme. Es fehlen Arbeiter und vor allem Lotsen.“ Ein Schiff des Roten Kreuzes musste deshalb ohne Ortskenntnisse einlaufen.

Besser als Gaddafi. Für den ersten Tanker, der 30 Tonnen Benzin brachte, konnte aber ein Lotse gefunden werden. Sechs weitere Tanker sind angekündigt. Der Treibstoff wird in Tripolis sehnsüchtig erwartet. Bisher kam Benzin aus Tunesien in blauen Kanistern. Der Liter kostete rund sieben Dinar (3,50 Euro). Nachdem einige Tankstellen von der neuen Regierung in Tripolis beliefert wurden, sank der Preis. Dafür mussten die Autofahrer bis zu sechs Stunden warten, um den Tank zu füllen. Und das bei 40 Grad im Schatten.

„Ob Gaddafi-Anhänger oder nicht“, sagt Hafendirektor Ahmed al Omran. „Ich möchte, dass alle Mitarbeiter zurückkommen. Wir wollen die Vergangenheit vergessen. Lasst uns besser sein als das alte Regime, das die Menschen nicht respektiert und mit Füßen getreten hat. Nur so kommt Libyen wirklich vorwärts.“ Sehr bald soll der Hafen auf voller Kapazität laufen. Bisher sind es nur 13 Prozent.

Mathematikprofessor Mohammed Bali wohnt gleich neben der Universität von Tripolis. Während der Gaddafi-Ära erstellte er Statistiken für den Staat: über Arbeitslosigkeit, Bevölkerungswachstum oder Zahl von Immigranten. „Der Nationale Übergangsrat ist in einer schwierigen Lage. Aber der NTC meistert die Situation bisher glänzend“, behauptet der Akademiker. „In verblüffend kurzer Zeit wurde Sicherheit hergestellt, die Elektrizität funktioniert wieder. In Sachen Wasser und Benzin tun sie ihr Bestes. Banken sind geöffnet, an einigen Geldautomaten bekommt man Geld. Krankenhäuser haben Medikamente und die Polizei ist zurück.“ Je schneller der NTC Normalität herstellen könnte, desto größer die Sympathien der Bevölkerung. „Das ist dann der entscheidende Sieg.“

Bali, der seinen Doktortitel in Kalifornien gemacht hat, findet den Fahrplan des NTC für eine demokratische Gesellschaft fantastisch. „Wahlen, Parlament und Meinungsfreiheit. Was will man mehr nach 42 Jahren Diktatur?“, erklärt der Mathematiker begeistert.

In westlichen Staaten wurde die Ernennung von Abdelhakim Belhadsch zum Kommandanten des Militärrats von Tripolis nicht gern gesehen. Er ist der ehemalige Emir der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG), die 1995 von Afghanistan-Veteranen gegründet wurde und den Sturz Gaddafis zum Ziel hatte. Seit 2001 steht die Gruppe auf der Terrorliste der UNO. Bis 2009 war sie Teil des Terrornetzwerks al-Qaida im Maghreb (AQIM). Nach der Eroberung der Gaddafi-Residenz Bab al-Asisa soll Belhadsch gerufen haben: „Das wurde mir gegeben, wie einst dem Propheten Mekka geschenkt wurde.“

Professor Bali hat keine Angst, dass Libyen ein islamistischer Staat werden könnte. „Die Islamisten sind lange nicht so stark“, sagt er kurz und überzeugt. Die Ernennung Belhadsch zum Kommandanten sei kein Fehler, sondern ein kluger Schritt des NTC. „Sie haben auch einen ehemaligen Gaddafi-Mann, Albarrani Shkal, zum Sicherheitschef von Tripolis gemacht.“

Man müsse eben möglichst alle Fraktionen integrieren. „Sonst besteht die Gefahr, dass in Libyen irakische Verhältnisse entstehen.“ Nach der Entmachtung Saddam Husseins 2003 war die Regierungspartei verboten und die Armee aufgelöst worden. Die vom politischen und vom gesellschaftlichen Prozess Ausgeschlossen gründeten Milizen, um gegen die neue Ordnung zu kämpfen.

„Die Lehre aus dem Irak ist: Wir können nur gemeinsam etwas erreichen. Niemand darf ausgeschlossen werden“, resümiert Bali. Ausgenommen die, die Blut an ihren Händen hätten.

Und noch eine wichtige Lektion, die den Libyern bevorsteht: sie müssen lernen, richtig zu arbeiten. „Jeder will der Chef sein und selbst nichts tun“, sagt der 52-jährige Professor. Rund 2,5 Millionen Gastarbeiter waren unter Gaddafi beschäftigt: Ägypter als Bäcker und Fischer, Afrikaner und Asiaten meistens im Bau- oder im Dienstleistungssektor. Und das bei einer Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent, so der Statistiker des alten libyschen Staates.

Tonnenweise Waffen. Irakische Verhältnisse, mit rivalisierenden politischen und islamistischen Milizen, kämen einer Katastrophe gleich. „In Libyen gibt mindestens zehnmal so viele Waffen wie im Irak“, sagt Peter Bouckaert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, „vielleicht auch 100-mal so viele.“ Tonnenweise wurden Munitionskisten und Waffen von den Rebellen aus den Kasernen der libyschen Armee abtransportiert, noch nicht ausgeräumte Depots werden bewacht.

Alle Waffen sollen eingesammelt werden. „Wenn sich die Lage vollkommen stabilisiert“, sagt Innenminister Ahmed Darrat, „müssen die Waffen abgegeben werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)