Öko-Pioniere und Energieriesen liegen im Clinch: Wie soll die Energiewende aussehen, wer wird von ihr profitieren? Die Ideen gehen weit auseinander. Florian Haslauer und Christiane Brunner im Gespräch.
Seit der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima sind sich in der EU scheinbar alle einig: Eine Energiewende muss her. Aber wer wird den Umstieg von Öl und Gas auf saubere Energieträger umsetzen – und wie?
Christiane Brunner: Wenn ich als Grüne die Diskussion auf EU-Ebene verfolge, fürchte ich, dass ein großer Vorteil der Erneuerbaren Energien nicht genutzt wird: Nur sie ermöglichen eine dezentrale Versorgung mit Energie. Das ist aber eine Gefahr für etablierte Konzerne, die ja am liebsten nur Großprojekte nach dem Motto „Windkraft im Norden und Fotovoltaik im Süden“ bauen wollen. Das ist nicht unser Bild von der Energiewende.
Florian Haslauer: Ich glaube nicht, dass wir die Energiewende über dezentrale Versorgung mit Ökoenergie schaffen. Europa kann sich im Jahr 2050 zu maximal 30 Prozent dezentral mit Energie versorgen. Wir brauchen neue Gaskraftwerke, zentrale Großanlagen auch bei Erneuerbaren und entsprechende Leitungen. Das größte Hindernis ist die Akzeptanz in der Bevölkerung.
Brunner: Ich komme aus Güssing(energieautarke Gemeinde, Anm.). Natürlich gibt es auch dort Leute, die das Windrad nicht vor der Nase haben wollen. Im Grunde ist die Akzeptanz in der Bevölkerung aber hoch, wenn sie eingebunden wird. Viele Menschen sind bereit, für Ökostrom mehr zu bezahlen.
Das müssen sie auch – nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Novelle des Ökostromgesetzes, die den jährlichen Förderzuwachs für Ökostromanbieter mehr als verdoppelt. Ist dieses Fördersystem noch zeitgemäß?
Haslauer: Das System der nationalstaatlichen Förderungen ist nicht optimal. Es wäre besser, einen Teil der Fördermittel für Ökostrom auf europäischer Ebene zu konzentrieren und gezielt für Großprojekte einzusetzen. Dann rittern die besten Standorte um das vorhandene Geld. Das ist der effizienteste Weg, um die Technologien zur Marktreife zu bringen. Die Energiewende wird teurer, als wir heute denken. Da ist es legitim zu fordern, dass die Mittel da landen, wo sie am meisten bringen.
Brunner: Die Frage nach den Kosten der Energiewende stellt sich nicht. Der Betrag, den Haushalte und Firmen für Ökostrom aufwenden müssen, ist gering. Das neue Ökostromgesetz ist ein Lichtblick für die Branche.
Haslauer: Die Kosten machen mir auch weniger Sorgen als die Finanzierung. Wir können ja nicht sagen: Für die Energiewende müssen die Staaten bezahlen. Wenn sich das System schnell ändern soll, brauchen wir attraktive Projekte mit einer gewissen Größe und finanzstarke Unternehmen mit gutem Rating. Schaffen wir es nicht, Kapital von Investoren zu mobilisieren, müssen wir mehr Steuergeld zuschießen. Und dann wird es sehr teuer.
Frau Brunner, was spricht denn dagegen, alternative Energieträger zuerst da einzusetzen, wo die Bedingungen am besten sind? Das würde die erwünschte Energiewende doch nur beschleunigen.
Brunner: Es ist klar, dass Firmen investieren müssen. Ich möchte die Energiewende aber nicht nur Großkonzernen wie E.on und Co. überlassen. Die Öko-Pioniere haben sehr gute und harte Arbeit geleistet. Jetzt, wo es interessant wird, drängen die Großen hinein und wollen Kasse machen. Es ist klar, dass es da eine Zusammenarbeit geben wird müssen, aber die Kleinen dürfen nicht überrumpelt werden.
Die „Großen“ machen sich für teure Großprojekte stark, stehen damit aber selbst vor großen Problemen. Denn was bringt es, Mega-Windparks in der Nordsee zu fördern, solange es keine Leitungen gibt, um den Strom zu den Verbrauchern zu bringen? Denn bis umstrittene Leitungen gebaut sind, vergehen bekanntlich oft Jahrzehnte.
Haslauer: Wenn Europa die Netze nicht ausbaut, um die neuen Kraftwerke zu verknüpfen, schaffen wir die Energiewende nicht. Aber wir brauchen die Leitungen nicht sofort. Ich muss den Solarstrom nicht sofort von Kreta nach Norddeutschland schicken. Es ist trotzdem sinnvoll, zuerst dort zu bauen, wo ich mit gleichen Mitteln mehr Leistung installieren kann.
Brunner: Es wird Leitungen geben müssen. Das traue ich mich auch als Grüne zu sagen. Das ist aber alles kein Argument gegen nationale Förderung.
Herr Haslauer, in einer aktuellen Studie fordern Sie, Österreich solle sein Geld lieber in Energieeffizienz stecken, statt den Ausbau von Ökostrom zu fördern...
Haslauer: Wir haben begrenzte Mittel. Auch aus der Sicht des Klimaschutzes ist es besser, das Geld für Energieeffizienz auszugeben als etwa für den Ausbau der Fotovoltaik. Beim Ökostrom sollte Österreich vorrangig Wasser und Wind fördern und bei Fotovoltaik abwarten, bis die Technologie näher an der Wirtschaftlichkeit ist. Wenn ich unbeschränkte Mittel hätte, würde ich natürlich alles fördern.
Brunner: Da bin ich anderer Meinung. Natürlich ist Energieeffizienz wichtig. Wir brauchen beides – und dafür anderes nicht: Es wird so viel Steuergeld für klimaschädliche Projekte wie den Straßenbau ausgegeben. Ich würde lieber energieeffiziente Waschmaschinen und Fotovoltaikanlagen fördern, dafür sparen wir uns die eine oder andere Pipeline oder Autobahn. Wir müssen jetzt Anreize setzen, um die Technologie weiterzubringen und Arbeitsplätze in Österreich zu schaffen. Die heimischen Solarfirmen hatten die letzten Jahre keinen Heimmarkt.
Deutschland hingegen hat die Fotovoltaik mit enormen Summen gefördert, auch mit dem Ziel, eine Solarindustrie aufzubauen...
Haslauer: Die Argumentation, über Förderungen Arbeitsplätze zu schaffen, passt vielleicht für Deutschland, aber nicht für Österreich. Noch ist ja nicht einmal geklärt, ob der deutsche Boom nicht letztlich chinesischen Firmen zugute kommen wird. Aber der deutsche Markt ist wenigstens groß genug, um etwas zu bewegen. Österreich ist zu klein, um über Einspeisetarife Arbeitsplätze zu schaffen. Heimische Zulieferer wie Fronius profitieren vom Wachstum in Deutschland und Südeuropa. Österreich sollte warten, bis Fotovoltaik wirtschaftlich konkurrenzfähig ist. Dann geht der Boom von selbst los.
Brunner: Aber bis dahin haben andere Länder die Technologie weiterentwickelt und ihre Jungen in dieser Zukunftsbranche ausgebildet.
Haslauer: Die Ausbildung ist ein Punkt. Im Moment entstehen in der Fotovoltaikbranche aber in erster Linie Installateurjobs. Direkter als über Einspeisetarife könnte die Ausbildung durch die Finanzierung eines Energieclusters gefördert werden. Die wirklich guten Arbeitsplätze schaffen die heimischen Exportunternehmen im Zulieferbereich.
Brunner: Wenn ich daran denke, dass Österreich vom Umweltmusterland zum Klimaschlusslicht der EU wurde, ist diese Haltung mehr als kurzsichtig.
Mangelnder Klimaschutz ist tatsächlich ein Thema, und zwar ein kostspieliges. Schließlich muss die Republik hunderte Millionen Euro für CO2-Zertifikate ausgeben, da sie ihre selbst gesteckten Ziele weit verfehlt.
Haslauer: Gegen die Darstellung Österreichs als Klimaschlusslicht wehre ich mich. Österreich hat sich selbst extrem hohe Ziele gesetzt. Es stimmt, dass dann lange nichts passiert ist. Gemessen an der CO2-Intensität, also am CO2-Ausstoß pro Euro Wirtschaftsleistung, ist Österreich hinter Schweden und Frankreich aber EU-weit an dritter Stelle.
Brunner: Das Problem waren nicht zu hohe Ziele, sondern dass wir in die komplett falsche Richtung gelaufen sind. Statt bei geplanten minus 13 Prozent Emissionen liegen wir heute bei plus elf Prozent. Und die CO2-Intensität hilft leider wenig, solange der tatsächliche Ausstoß weiter steigt. Ich bin der Meinung, dass quantitatives Wirtschaftswachstum gestoppt werden muss. Wir sind in einem begrenzten System, da kann es kein grenzenloses Wachstum geben.
Florian Haslauer
ist Vize-Präsident der Beratungsgruppe A.T. Kearney in Österreich. Der studierte Wirtschaftsingenieur leitet unter anderem die europäische Beratungsgruppe für die Energie- und Versorgungswirtschaft.
Christiane Brunner
wurde in der energieautarken Gemeinde Güssing im Burgenland geboren. Nach dem Studium der Umweltsystem-wissenschaften übernahm sie die Funktion der Energiesprecherin der Grünen im Nationalrat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)