Festival in Grafenegg: Zu Gast bei Rudolf Buchbinder, servierte das Pittsburgh Orchestra unter Manfred Honeck ungewohnt Schroffes. Und die Wiener Philharmoniker spielten Werke, die sie sonst nie zum Besten geben.
Bei Prachtwetter spielten die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst am Samstag im Wolkenturm Schubert und Dvorak. Dem populären Namen zum Trotz war das kein typisches „Philharmonisches“: Das Programm dürfte auch für viele der Musiker Neuland gewesen sein.
Dabei scheint der Beginn mit Dvoraks Fünfter, kaum je gespielt, mit seinem bukolischen Klarinettenduo geradezu aus der Naturkulisse herauszuwachsen. Leidenschaft und Dramatik spart der Komponist sich für den stürmischen Finalsatz auf – und dabei stand keineswegs Brahms' Dritte (in derselben Tonart) Pate – sie entstand fast ein Jahrzehnt später!
Das Orchester, bei Dvorak hingebungsvoll und oft geradezu tänzerisch-beschwingt, agierte auch zuvor bei Schuberts „Tod und das Mädchen“ eminent klangschön und mit jener Akkuratesse, die nötig ist, wenn 16 Primgeiger eines Sinnes exekutieren müssen, was im Original einem Solisten zugedacht ist.
Gustav Mahler hat das chorische Arrangement des Streichquartetts skizziert. Vielleicht hätte sich bei weniger technisch indizierter Vorsicht mehr Feuer aus mancher Geste schlagen lassen. Doch fungierte die ungewöhnliche Schubertiade auch als Demonstrationsobjekt der philharmonischen Streicherkultur.
„Verdammtes“ im Walzertakt
Mahler pur hatte man in Grafenegg bereits am Abend zuvor serviert. Einen „verdammten Satz“ nannte der Komponist in einem Brief an seine Frau Alma den zentralen Satz seiner Fünften. Gewaltige Klangentladungen, verknüpft mit subtil-melodischen Momenten, paraphrasieren in diesem weit ausladenden Scherzo die österreichische Walzer- und Ländlertradition. Vor allem das stetig nach vorwärts Drängende dieses Symphoniesatzes wusste Manfred Honeck mit seinem Pittsburgh Symphony Orchestra deutlich zu machen. Überhaupt konzentrierte er sich in seiner – zuweilen sehr lautstarken – Deutung auf die Hervorhebung der grellen Momente, tat auch im „Adagietto“ alles, um auch nur den Anschein von Sentimentalität zu vermeiden. Womit die poetischen Momente zu kurz kamen.
Das Grelle, Bizarre liegt Honecks Musikern auch weitaus mehr als die innigen Momente dieses Werks. Nach wie vor dominieren die Bläser, namentlich das virtuose Blech, den Klang der Pittsburgh Symphony, selbst wenn an diesem heftig akklamierten Abend im Grafenegger Auditorium nicht alle Soloeinsätze gleich brillant glückten.
Bei den Streichern, die unter Honecks Vorgänger Mariss Jansons mit ungleich mehr Farben und Sensibilität aufwarteten, vermisste man zudem jenes Maß an Flexibilität, das Übergänge selbstverständlich erscheinen lässt. Dies zeigte sich schon beim Einleitungsstück. Nachdem sie tags zuvor Anne-Sophie Mutter bei Mendelssohn und Rihm assistierten, baten die Gäste aus Pittsburgh für Beethovens Viertes Klavierkonzert die Pianistin Hélène Grimaud aufs Podium.
Eine wegen ihrer Vorliebe für abrupte Temporückungen und Akzente schwierig zu begleitende Interpretin, die sich noch dazu nicht in bester Verfassung präsentierte. Manches, was sie sonst mit spielerischer Leichtigkeit bewältigt, wirkte dieses Mal angestrengt. Und dass sie und der Dirigent offensichtlich höchst unterschiedliche Vorstellungen von diesem lyrischsten aller Beethoven-Konzerte haben, ließ sich spätestens im Andante con moto nicht mehr verheimlichen, wo zu kantige Orchesterschläge und Grimauds ungleich verbindlichere Artikulation einem diskursiven Dialog vorweg im Wege standen, was sich im etwas lockerer formulierten Finalsatz fortsetzte.
Übertragung des philharmonischen Konzerts in Radio NÖ: 9. Oktober (20.04 Uhr).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2011)