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Fußball-EM-Quali: Von einem ganz zentralen Problem

EMQualifikation einem ganz zentralen
Scharner(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Christian Ort)
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Österreichs Nationalmannschaft versucht sich für das Duell mit der Türkei neu zu sammeln. Diese mühte sich zuletzt zu einem 2:1 Sieg gegen Kasachstan. Paul Scharner soll mit seiner Routine für Halt sorgen.

Wien. Er ist einer, der mit seinen Möglichkeiten so ziemlich das Maximum erreicht hat. Obendrein ist er auch ein Querkopf, der sich schön öfters kein Blatt vor den Mund genommen hat. Diesmal aber schweigt er lieber. Im Interesse des österreichischen Fußballs. Er denkt an die Mannschaft und an die Teamchef-Diskussion. Das Debakel von Gelsenkirchen hat Paul Scharner von der Tribüne aus gesehen, die Sperre ist abgesessen, am Dienstag gegen die Türkei (20.30 Uhr ORF eins) steht er wieder zur Verfügung. Und verzichtet auf die Rolle des Oberlehrers. „Wir sitzen doch alle im gleichen Boot.“

Scharner, der einst den Weg über Norwegen in die englische Premier League geschafft hat, wird sich schon seine Gedanken über die Leistung seiner Mannschaftskollegen gemacht haben. Nur eine Sache spricht der gebürtige Niederösterreicher an. „Wir müssen im Block einfach besser stehen, dürfen dem Gegner nicht so viel Raum geben.“ Die Formationen ergaben keine Einheit, gegen Deutschland hatte das freilich fatale Folgen.

Ausgerechnet dort, wo viele Spiele entschieden werden, dort schwächelte Österreich am meisten. Mitten im Zentrum mutierte man zu einem Durchhaus, die Beteiligten waren allesamt grenzenlos überfordert. Möglich, dass Teamchef Didi Constantini den West-Bromwich-Legionär ins defensive Mittelfeld beordert, auf dass er dort die Löcher stopft. In den vergangenen Monaten war der Cheftrainer allerdings eher der Meinung, ein Scharner ist am besten in der Innenverteidigung aufgehoben. Dort hat sich Franz Schiemer versucht. Ohne Erfolg.

Österreichs Fußball ist so weit gekommen, dass auf einmal sogar ein Stefan Kulovits abgeht. Denn David Alaba kann zwar überall herumlaufen, auf der Außenposition aber scheint er sich etwas wohler zu fühlen.

Über Positionen spricht Paul Scharner nicht, dazu wurde er in seiner Karriere bereits selbst zu oft herumgereicht. Jeder Spieler sei aber aufgerufen, seine Leistung zu analysieren. „Die Selbstkritik“, sagt der 31-Jährige, „ist im Fußball generell nicht sehr hoch.“ Die Kritikunfähigkeit bzw. Dünnhäutigkeit ist hingegen sehr verbreitet. „Aber ich weiß auch nicht, ob es gut ist, wenn immer gleich die Fetzen fliegen.“

 

Ruttensteiner statt Zsak

Die Fetzen sind nach dem 2:6 in Gelsenkirchen auch nicht geflogen, dass der Teamchef gereizt ist, das ist menschlich verständlich. Gestern am Nachmittag wurde hinter verschlossenen Türen trainiert, der Presse stellt sich Didi Constantini am heutigen Montag wieder. Unterstützt wird der Tiroler von Wilhelm Ruttensteiner, dem ÖFB-Sportdirektor. Denn Assistent Manfred Zsak musste wegen Durchblutungsstörungen in der Wirbelsäule in einem Krankenhaus stationär aufgenommen werden. Dieses gesundheitliche Problem war bereits einmal in der Vorwoche aufgetaucht.

Ruttensteiner, ein Intimus von ÖFB-Präsident Leo Windtner, hat sich erst am Freitag ein letztes Bild über den Gegner Türkei gemacht, der Oberösterreicher hat den mühevollen 2:1-Sieg in Istanbul gegen Kasachstan live gesehen.

Nach dem Zittersieg setzte es in der Türkei scharfe Kritik, Teamchef Guus Hiddink bekommt oft genug sein Fett ab. Der Niederländer, so der Vorwurf, sei zu selten im Lande, beschäftige sich zu wenig mit dem türkischen Fußball. Aber Hiddink hat es im Moment nicht leicht. Der Auftakt der Meisterschaft wurde nach dem Manipulationsskandal verschoben, viele Profis haben nur Testspiele in den Beinen.

Mit Nuri Sahin, Hamit Altintop und Emre Belözoglu fehlen bei der türkischen Auswahl drei Stützen, Selcuk Inan ist nach seinem Ausschluss gegen Kasachstan gesperrt. Österreichs Ekrem Dag misst dem kaum Bedeutung bei. „Der Kader der Türken ist groß und gut genug.“

Auf einen Blick

Teamchef Dietmar Constantini wird die Mannschaft nach der 2:6-Schlappe in Deutschland an einigen Positionen verändern. England-Legionär Paul Scharner hat seine Sperre abgesessen, steht wieder zur Verfügung. Was den Angriff betrifft, so wartet alles auf die Genesung von Marc Janko, auch Stefan Maierhofer steht parat. Über einen Tormannwechsel könnte man auch einmal nachdenken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2011)