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Ein Spiel sagt mehr als tausend Worte

Die von Deutschland geschenkten Tore sollten nicht kommentiert werden, sondern die stillschweigende Einsicht fördern, dass der ÖFB in dieser Form untragbar geworden ist.

Wir haben uns mit den Österreichern nur am Rande beschäftigt.“ Der deutsche Teamchef Joachim Löw plaudert mit einem ORF-Reporter nach dem 6:2 im EM-Qualifikationsspiel. Wie redet man über ein 6:2? Löw bemühte sich ehrlich, nicht überheblich zu wirken. Wirkte er nur ein Gramm weniger authentisch, es wäre ihm missglückt. Doch irgendwie schaffte es Löw, die österreichischen Kicker leben zu lassen. Die Frage ist bloß, ob sie selber noch daran glauben.

Nein, es geht schon lange nicht mehr um die Frage, ob sie sich für die Euro 2012 in Polen und der Ukraine qualifizieren könnten. Von sieben Länderspielen hat das ÖFB-Team heuer ein einziges gewonnen, und am Dienstag kommen die Türken. Die sind Zweiter in der EM-Qualifikationsgruppe und müssen den Vorsprung auf die Belgier absichern. Denn der Dritte fliegt aus dem Bewerb und der Zweite kommt in die Relegation gegen andere Zweite. Das heißt, die Türken brauchen einen Sieg über Österreich, da brauchen wir gar nicht darum herumreden. Denn das nächste Match gastieren die Deutschen in Istanbul, und die sehen derzeit nicht so aus, als ließen sie mit sich reden.

„Im Stadion ist es still geworden. Weil seit einer Viertelstunde kein Tor mehr gefallen ist. Das wird schon wieder.“ Es ist die erste Halbzeit. Der ZDF-Reporter redet über das Ländermatch, als wären die Deutschen naschsüchtig und die Österreicher Kekse. So kann man das ausdrücken. Sogar der trockene Oliver Kahn replizierte auf die Frage nach der Genese eines Tores beinahe witzig. Der ehemalige Torhüter sagt: Das war durch die Mitte gespielt, das geht bei den Österreichern leicht.“

In der Österreicher Mitte pfuschen Pogatetz, Schiemer und auch Baumgartlinger herum. Aber was hilft es, sie charmant als Anti-Kicker zu benennen, deren Stärke darin besteht, den Gegner zu rempeln, am Arm zu halten, am Leibchen zu zerren und herum zu schreien. Einen Euro für jeden Fehlpass der Drei und die Anstoßfinanzierung für eine Jungkicker-Akademie wäre im Trockenen. Die in den Medien wuchernden pseudo-taktischen Analysen? Bestenfalls zum Lachen.


Wie verbalisiert man ein Spiel, in dem nach wenigen Sekunden die Ballkünstler Klein, Baumgartlinger, Schiemer und Pogatetz derart in Hilflosigkeit verfielen, dass sie die Wuchtel nur noch ins Out retten konnten? Hilft das Gejammere, hier oder anderswo? Wird sich nach dem symbolischen Opfer des Teamchefs Dietmar Constantini der ÖFB in ein Kompetenzzentrum verwandeln?

Nein. ÖFB-Präsident Leo Windtner, Generaldirektor Alfred Ludwig, die Landesverbandspräsidenten und die Ex-Internationalen, die als Trainer verkleidet im Kicker-Amt vor sich hin dösen werden sich vor Veränderungen ebenso hüten wie Didi Mateschitz vor der Vermögenssteuer. Der ÖFB ist eine der österreichischen Institutionen, die das ihr anvertraute Gut vergraben, statt damit zu wuchern. Es bleibt bald nur mehr ein Ausweg: zerschlagt den ÖFB, um den Fußball zu retten.

Christian Fuchs heulte fast, als er an das Match erinnert wurde. Einer von zweieinhalb ÖFB-Kickern – neben Martin Harnik und dem unerklärlichen bis unerträglichen Marko Arnautovic –, der so etwas wie Fußball betreibt. Von den Kollegen allein gelassen, ging er unter. Wahrscheinlich weiß niemand besser als er, dass sie zwar helfen wollten, aber nicht wussten, wie.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2011)