Thomas Enzinger spielt Theater und Film, schreibt Drehbücher und Texte fürs Kabarett und findet als Regisseur das Unterhaltungstheater so spannend wie Shakespeare. Für die Volksoper inszeniert er „Wiener Blut“.
Geschichtenerzähler. So würde seine Berufsbezeichnung lauten, wenn es nach ihm ginge. Auf seiner Homepage liest sich das komplizierter. Was ist schon ein Geschichtenerzähler? Autor, Schauspieler, Regisseur, Festspielintendant – Thomas Enzinger ist all das in Personalunion. Ein Geschichtenerzähler halt. Er nimmt seine Profession aus allen Perspektiven wahr.
Im vergangenen Juni hat er mit dem Ensemble der Wiener Volksoper „Wiener Blut“ von Johann Strauß erarbeitet. Der Produktion gab er in den vergangenen Tagen den letzten Schliff. Ab 7. September (Voraufführung) steht sie auf dem Spielplan.
„Wiener Blut“ kennt man dort bestens. Das Publikum. Aber auch die Sänger. „Das kann“, bemerkt Thomas Enzinger im Gespräch, „eine große Gefahr sein. Lästig jedenfalls, wenn dauernd einer sagt: Das haben wir immer ganz anders gemacht.“ Kommt in der Volksoper aber derzeit nicht vor. Jedenfalls nicht, wenn Enzinger Regie führt. „Alles sind total bei der Sache“, freut er sich, „ich glaube, die Sänger mögen das, wie ich es mag, wenn man versucht, Grenzen auszuloten. Ich will ja als Regisseur von den Darstellern auch gefordert werden. Und ich spüre, dass das umgekehrt genauso ist. Als Regisseur muss man die Fäden ziehen. Aber das hat nichts mit Machtausübung zu tun. Es funktioniert ja nur, wenn alles mitmachen. Es geht darum, die größtmögliche Chance zu schaffen, dass etwas Kreatives passiert.“
Ein „perfektes Lustspiel“, das genügt . . .
Also „Wiener Blut“ nicht so, wie „Wiener Blut“ schon immer ausgeschaut hat. Aber irgendwie doch. Enzinger hält nicht viel davon, Stücke völlig neu zu deuten oder gar umzuschreiben. „Natürlich“, sagt er, „modelliert man die Dialoge, macht etwas Neues daraus, aber nur aus dem Stück heraus.“
Aufzupfropfen braucht man dem Kunstprodukt „Wiener Blut“ ja nichts. Das Stück trägt ohnehin schwer an der historischen Last; es sei gar nicht von Johann Strauß komponiert, sondern in Wahrheit lediglich ein Arrangement von älteren Strauß-Kompositionen auf einen neuen Lustspieltext. Das stimmt zwar, aber Enzinger mag es auch nicht, wenn man die Klischees von der „leichten Muse“ bemüht: „Natürlich ist das eine Komödie, die man zu Strauß-Musik arrangiert hat. Aber was für eine Komödie! Ein Stück Volkstheater, die perfekte Vorlage für gute Darsteller.“
An der Volksoper spielt diesmal eine Mischung aus „alten Hasen“ und „Wiener- Blut“-Debütanten, die sich einlassen auf einen „Reigen der Liebe“. Wie der Regisseur es nennt: „Ein allzeit aktuelles Thema. Die Dinge haben ich ja nicht geändert. Dass ein Partner erst wieder interessant wird, wenn er fremdgeht“, das sei kein Biedermeier-Phänomen . . .
Josef Meinrad als Lebens-Katalysator
Enzinger gerät ins Schwärmen. Dem Theater, vor allem dem Unterhaltungstheater, gilt seine Leidenschaft. „Ich liebe das in allen Facetten“, sagt er, „auch in der Oper. Ich inszeniere gerne Stücke wie Rossinis ,Italiana in Algeri‘ oder Prokofieffs ,Liebe zu den drei Orangen‘. Natürlich inszeniere ich genauso gern ernstere Stücke. Aber das ist fünfmal leichter als eine Komödie!“
Dass er Regisseur werden wollte, stand für ihn früh fest, „eigentlich schon mit 16 oder 17, als ich am Theater an der Wien statiert habe und jede Aufführung in den Kulissen stand, als Josef Meinrad den Mann von La Mancha gespielt hat – und zwar Abend für Abend mit derselben Leidenschaft, demselben Engagement“. So etwas prägt.
Enzinger stand dann selbst bald auf der Bühne, in der Josefstadt; er stand vor der Kamera, nicht zuletzt für manche ORF–Produktion. Und heute inszeniert er, bis zu sechs Produktionen pro Jahr. „Fürs Spielen bleibt da keine Zeit mehr“, sagt er, der sich als Intendant ja auch um sein Festival in Schönebeck an der Elbe kümmern muss, wo es ihm „gelungen ist, das klassische Operettenpublikum zu gewinnen, aber auch neue Schichten dazu“.
Das Rezept: „Man darf nicht mit dem Verständnis drangehen: Schon wieder so ein seichtes Stückl. Klar hat eine Operette wie ,Wiener Blut‘ auch Schwächen. Aber, ehrlich gesagt, wer will, kann auch in jedem Shakespeare-Stück Stellen aufzeigen, die nicht ganz so perfekt gelungen sind.“
„Wiener Blut“: Premiere am 9. September