„Arabella“ muss man gehört haben, auch zur Unzeit

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Zum Saisonstart demonstriert man in Wien im falschen Ambiente, was Richard-Strauss-Kompetenz ist: Die Inszenierung Sven-Eric Bechtolfs ist und bleibt untauglich, aber die Philharmoniker musizieren herzerweichend.

Ich glaube nicht, dass es viele Opernhäuser auf der Welt gibt, die zum Saisonstart – mit ein, zwei kurzen Proben – eine Oper wie Richard Strauss' „Arabella“ ansetzen können. Genau genommen kann das wahrscheinlich nur die Wiener Staatsoper.

Unangenehmes vorweg: Nach der 26. Aufführung der Inszenierung Sven-Eric Bechtolfs darf man, bei aller Liebe, wohl endgültig behaupten, der Versuch, die „lyrische Komödie“ in ihre Entstehungszeit zu versetzen, sei – wie leider viele Produktionen jüngeren Datums – jämmerlich gescheitert.

„Arabella“ in den Dreißigerjahren, das lenkt, zugegeben, von einem der Grundprobleme des Stücks ab: Hofmannsthal fantasiert sich zurück in ein Nirgendwann. Wie in seinem „Schwierigen“, in dem er so tun lässt, als ob die Monarchie nie zu existieren aufgehört hätte, haben nachfolgende Generationen mehr und mehr Mühe, sich in jene nostalgische Melancholie zu versetzen, die nötig wäre, Grafen und Gräfinnen solcher Couleur – sie existierten wirklich nur in des Dichters Kopf – auf der Bühne zum Leben zu erwecken.

Dann lieber gleich die Dekadenz der Vor-Hitlerzeit auf die Bühne – sozusagen zur Strafe, dass Dichter und Komponist sich anno 1929 noch so weltfremd zeigen wollten? Ein wackerer Ansatz, doch „Arabella“ handelt nicht vom Unwillen zweier Genies, sich dem Zeitgeist unterzuordnen.

Überspannte junge Damen

„Arabella“ erzählt vielmehr die Geschichte nervöser, fragil-sensibler, ja, sagen wir ruhig: überspannter junger Damen – die es wahrscheinlich immer gibt – in den Konventionen und Umgangsformen der Zeit um 1860 – die 1933 halt nicht mehr gelten. Zeitversetzt funktioniert das Stück nicht.

Das muss man vorausschicken, wenn man den Besuch der zweiten Vorstellung am 8. September (dem 62. Todestag von Richard Strauss) trotzdem empfiehlt, weil dieser Wiener „Arabella“ wahrscheinlich keine „Arabella“ der Welt das Wasser reichen kann. Nachdem München freiwillig sein legendäres Strauss-Repertoire aufgelöst hat, hat Wien diesbezüglich ein Kompetenzmonopol.

Man nützt es. Was die Philharmoniker – man muss sie bei solchen Gelegenheiten auch in der Staatsoper so nennen – unter der souveränen Leitung Franz Welser-Mösts liefern, ist in seiner unbekümmerten Ignoranz der vielen teils aberwitzigen technischen Schwierigkeiten staunenerregend. Vor allem aber ist es beglückend in seinem musikantischen Schwung und der expressiven Unmittelbarkeit.

Die vielen Details, mit denen Strauss den Text illustriert – man hört, wie die Kartenlegerin die Karten legt, und wie die Bärin brummt, von der Mandryka erzählt – werden alle plastisch herausmodelliert, doch trotzdem stimmt die große Linie – in den Walzern, in den weit gespannten Melodien, etwa jener der Streicher im Nachspiel zum E-Dur-Duett im zweiten Akt.

Die Sänger halten mit; im Lyrischen, wenn Anne Schwanewilms und Genia Kühmeier ihre instrumental geführten Edelsoprane im Duett zauberisch harmonieren lassen. Oder im kleinteilig Deskriptiven, vokale Präsenz mit darstellerischer Komödiantik verschwisternd, wie Lars Woldt und Zoryana Kushpler als Grafenpaar, oder das Grafen-Trio Gergely Németi, Adam Plachteka und Sorin Coliban.

Michael Schades singulärer Matteo dazu, der aus einer berüchtigten „Wurzen“ eine Belcantopartie heraussingt, und die schwindelerregenden Koloratur-Abenteuer von Julia Novikovas Fiakermilli.

Tomasz Konieczny sucht seinem Alberich-Image wieder einmal zu entfliehen und gibt erstmals dem reichen Mann aus der Walachei genau jenes Profil, das Hofmannsthal ihm in den Mund legt: „Ich bin ein halber Bauer, bei mir geht alles langsam, aber stark.“

„Arabella“ 2011, ein musikalisches Ereignis. Irgendwann wird der Schlussakt vielleicht wieder in einer Gründerzeit-Hotelhalle spielen – wenn wir nur unsere Strauss-Tradition bis dahin retten können .

„Arabella“: 8.September (19.30)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2011)

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