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„Magic Afternoon“: Achtundsechziger im Altersheim

(c) 3raum-anatomietheater
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Hubsi Kramar hat Wolfgang Bauers berühmtestes Stück nicht „aktualisiert“ – nein, er lässt die Personen so alt sein, wie sie heute wären: über 60. Und genauso orientierungslos wie einst. Eine gute Idee.

Geschrieben 1967, uraufgeführt 1968 – und doch kein Stück der Revolte, keines der Liebe, sondern ein Theater der Sinnlosigkeit, ein Endspiel: Wolfgang Bauers „Magic Afternoon“ hat mehr mit Samuel Becketts kargen Exerzitien zu tun als mit noch so neurotischen Gesellschaftskomödien à la „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Die in Ennui versinkenden Charly und Birgit ähneln verblüffend den Alten Nagg und Nell in Becketts „Endspiel“; sie stecken nicht in Mistkübeln, aber in ihrer zugemüllten Wohnung. Und auch sie wissen, wie es Jim Morrison sagte: „No-one here gets out alive.“

Es ist ein Verdienst von Hubsi Kramar, das in seiner Inszenierung offensichtlich zu machen. Ihm wurde wohl schnell klar, dass man „Magic Afternoon“ – wie die meisten Bauer-Stücke – nicht aktualisieren, nicht in die Gegenwart verpflanzen kann: Zu deutlich stehen die Jahreszahlen drauf, '67, '68. Man könnte das Stück bestenfalls streng historistisch spielen, das bedürfte aber eines emsigen Requisiteurs. Kramars kluger Ausweg: Er ließ die Protagonisten altern. Sie sind über 60, sie fristen ihr Dasein in einer Art offenem Seniorenheim, locker überwacht von Krankenschwester und Pfleger (sympathisch: Erich Joham, Lieblingscoiffeur der U4-Generation), beschallt von einem DJ, der ihnen auflegt, was sie seit Jahrzehnten hören wollen: von „Won't Get Fooled Again“ (eine fein zynische Wahl!) über „Cosmic Dancer“ („I danced myself into the tomb“) bis „Born to Be Wild“. Die Playlist hat Kramar deutlich geändert: In Bauers Regieanweisungen war z.B. „Back Street Girl“ von den Stones vorgeschrieben, um den Song ist es ein bisserl schade. Wilson Pickett immerhin durfte bleiben.

 

Konrad Bayer ist noch immer tot

Verblüffend, wie textgetreu Kramar arbeiten konnte! Sätze, die ganz alt, ganz lebensmüde klingen, sind nicht dazu erfunden, sondern stehen im Original. Die lakonische Ortsbeschreibung etwa: „Du fahrst bis zum Friedhof, den kennst ja...“ Auch die Lektürevorschläge, die Charly seiner Birgit macht, sind unverändert: Bellow, Ionesco, Bayer. Dieser ist heute so tot wie damals und muss dulden, dass ihm Charly Grüße gen Himmel schickt.

 

Rührend: Dolores Schmidinger

Den gibt Kramar selbst. Hinfällig geworden, tröstet er sich mit düsterer Selbstironie; sein Hang zur Gewalt entspringt der Verzweiflung über seine Unzulänglichkeit, die sich nicht auf Potenzschwäche beschränkt. Als seine Partnerin brilliert Dolores Schmidinger. Ihre Birgit ist ein armes Weiblein, das nur zu gut weiß, dass der Sex-Appeal, auf den sie einst vertrauen konnte, erloschen ist, dass die Männer ihr nicht mehr erliegen. Das erst durch den finalen Totschlag wieder Herrin der Handlung wird.

Zu kabarettistisch legt Karl Ferdinand Kratzl den Joe an: Er verblödelt die Tragik dieser Figur; neben seinen Faxen kommt Lilly Prohaskas subtile Darstellung der in ihrer Koketterie gefangenen Monika kaum zur Geltung. Dass sie Ballons am Busen trägt, die Joe aufsticht, ist ein etwas zu derber Gag. Dass Joe ein paar Zeilen seines Pendants aus „Gespenster“ („Saluti, saluti, drei Weiber, sechs Tutti“) sagen darf, geht okay. Doch die Szene, in der Charly und Joe einander ihre tiefe Sympathie bekennen – die einzige Liebesszene des Stücks – wird zur Kasperliade. Was sie natürlich auch sein soll, aber eben nicht nur. Hier merkt man den Nachteil der Personalunion Kramars als Schauspieler und Regisseur: Von außen hätte er wohl gesehen, wie hier Klamauk jede aufkommende Rührung killt. Dass die beiden übrigens Pillen einwerfen, statt Haschisch zu rauchen, erlaubt zwar Anspielungen auf geriatrische Medikation, aber der Schwall an Assoziationen, in den Joe und Charly verfallen, ist eben typisch für einen Cannabisrausch.

Aber was soll's, am Schluss sind alle wieder am Leben und hüpfen und stolpern zu „Revolution“: gespenstisch komisches Schlussbild einer komisch gespenstischen, sehenswerten Inszenierung.

Termine: 7., 9., 14.-17., 22.-25.9.; Wien 3, Beatrixgasse 11

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2011)