Der Spätsommer lässt uns die fantastischsten Dinge erträumen. Er möge nie, nie, nie enden!
Unlängst habe ich mit dem Gedanken gespielt, Opernkomponist zu werden. Der Umstand, dass ich nicht Noten lesen kann und sich die Zahl meiner Opernbesuche an zwei Händen abzählen lässt, sollte dem tonsetzerischen Elan nicht im Weg stehen, denn ich war aus spätsommerlichem Schlaf mit einer fantastischen Melodie und einem schmissigen Refrain erwacht: „An den weißen Klippen von Varaždin“ (die letzten drei Noten des Leitmotivs erst zart bukolisch von den Holz-, dann heroisch ehern von den Blechbläser zu spielen). Wieso Varaždin, und wieso weiße Klippen, wo doch dort bekanntlich die Rosen bliiiiieh'n, weiß ich nicht, aber so viel Freiheit muss man der Kunst schon lassen, zumal ja auch Shakespeare im „Wintermärchen“ Böhmen ans Meer verlegt hat. („Bohemia. A desert country near the sea.“)
Überhaupt: Was man sich so alles zusammenspinnt am Ende des Sommers! Am Tag nach der kompositorischen Eingebung träumte mir, ich sei ein großer Industriekapitän, der in seiner Freizeit, wenn er seinen Industriedampfer und seine private Jolle nicht durch die Untiefen der Vermögenssteuer und des karibischen Stiftungsrechts navigieren muss, handgewobene balinesische Mundtücher sammelt. Potzteufel, dachte ich mir in meinem Traum, diese Mundtücher darf man der Welt nicht vorenthalten! Und so spannte ich die Firmen meines Konzerns dazu ein, mir eine hübsche kleine Ausstellung zu spendieren. (Meine Aktionäre würden dem schon zustimmen. Soviel Corporate Special Responsibility muss einfach sein.)
Die Ausstellung trug den Titel „Bali.Balli.Dalli“ und wurde im Hafen von Varaždin veranstaltet, unweit der weißen Klippen, dort, wo die Rosen bliiiiieh'n.
Und noch manch anderes Gewächs.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2011)