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Wo alle Schüler an Allah glauben

(c) Teresa Z�

In Fünfhaus steht das einzige staatlich anerkannte islamische Gymnasium Österreichs. Das Kopftuch ist Standard, Wurstsemmeln sind tabu. Dafür wird gebetet.

Am Schulhof stecken junge Mädchen mit Kopftuch die Köpfe zusammen, neben dem Basketballkorb unterhält sich eine Gruppe Burschen auf Türkisch, von der Wand leuchtet ein Graffiti in knalligen Farben - mit einer Sure des Koran. Hier, in einem unscheinbaren Gebäude in Wien-Fünfhaus, glauben alle Schüler an Allah. Die Schule ist das einzige staatlich anerkannte islamische Privatgymnasium in Österreich.

Schulen, die sich an Minderheiten richten - oder gar eine islamische Ausrichtung haben? Das Thema sorgt derzeit in Tirol für Aufregung - nachdem türkische Unternehmer in der Gemeinde Rum ein Privatgymnasium planen (siehe unten). Und es wirft einmal mehr die Frage auf, die in der Diskussion oft misstrauisch gestellt wird: Was verbirgt sich hinter den Toren einer solchen Schule?

Am islamischen Realgymnasium ist man derartige Fragen gewöhnt. Rund 270 Muslime gehen hier, unweit der Meidlinger Hauptstraße, zur Schule, die meisten von ihnen stammen aus der Türkei, viele auch aus dem arabischen Raum, manche aus Bosnien. Nur vier der 34 Lehrer teilen ihren Glauben. Sie unterrichten auf Deutsch, nach österreichischem Lehrplan. In Biologie wird Darwins Evolutionstheorie gelehrt, islamischen Religionsunterricht gibt es nur zwei Stunden pro Woche. Für Türkisch, am Pausenhof die Verkehrssprache, ist nur nachmittags Zeit: als Freifach, ebenso wie Arabisch.

Schuldirektor Ludwig Sommer, ein pragmatischer, weißhaariger Mann, sieht keinen großen Unterschied zu anderen Schulen. Warum Eltern, mehrheitlich Arbeiter, manche arbeitslos, dann bereit sind, monatlich 120 Euro Schulgeld zu zahlen? Sie wollen, dass ihre Kinder in einem islamischen Umfeld aufwachsen. An der Schule werden alle muslimischen Speise- und Gebetsvorschriften eingehalten. Am Buffet gibt es keine Wurstsemmeln, denn Schweinefleisch ist tabu. Das Freitagsgebet ist verpflichtend, an islamische Feiertagen ist schulfrei.
„Unsere Schüler sollen sich natürlich zu Österreich bekennen, aber sie sollen ihre Identität ohne Angst ausleben", sagt Kenan Ergün. Der türkischstämmige Religionslehrer hat die Schule im Jahr 1999 gegründet. Nicht aus Gründen der Abschottung, sagt er. Im Gegenteil: „Wir können unsere Kinder auf diese Art besser integrieren." Während Muslime anderswo oft mit Vorurteilen und Benachteiligung zu kämpfen hätten, hätten sie an der Schule die Chance, Matura zu machen - und ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Als intellektuelle Menschen - und als Moslems. „Integriert, aber nicht assimiliert", sagt Kenan.

Das Kopftuch ist die Regel

Auch mit Kopftuch. Das ist an der Schule zwar nicht Pflicht, aber Standard: 80 Prozent der Schülerinnen tragen es. Die meisten farblich abgestimmt mit dem Kleid über engen Jeans, manche passend geschminkt. Viele von ihnen sind wegen des Kopftuchs beleidigt worden. „In anderen Schulen wird man beschimpft", erzählt die Schülerin Mariam, die ein knallrosa Tuch um den Kopf drapiert hat. „Hier wird man akzeptiert."

Das könne aber auch ins Gegenteil abgleiten, sagt Schulleiter Sommer. Zuweilen seien Mädchen ohne Kopftuch gemobbt worden. „Und wehe eine trägt Lippenstift. Dann heißt es schon einmal: du Hure", erzählt er. Andere Mädchen weigern sich, alle Turnübungen mitzumachen, weil sie um ihr intaktes Jungfernhäutchen fürchten. Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern sei nicht immer einfach. Töchter aus streng religiösen Familien dürfen häufig nicht bei Wandertagen oder Landschulwoche mitfahren.
Das Problem der Abschottung sieht er wohl. „Die meisten Kontakte mit Österreichern haben unsere Schüler im Kindergarten und in der Volksschule." Zumal kein einziger nicht-muslimischer Schüler an der Schule ist - obwohl es theoretisch möglich ist, hat bisher noch niemand sein Kind angemeldet.

Türkische Privatschule möglich

 

Nachdem in Tirol eine türkische Schule geplant wird: Wäre ein derartiges Projekt ein Vorbild für Wien? Bürgermeister Michael Häupl: „Wenn sich Unternehmer finden, die eine vergleichbare Privatschule in Wien machen wollen, werden wir nicht im Weg stehen."
Die Konfrontation mit dieser Frage ist für Häupl nicht neu. Nachdem der türkische Botschafter in der Vergangenheit erklärt hat, er wünsche sich eine türkische Schule in Wien, hat Häupl erklärt, dass Wien keine Vorbehalte habe: Immerhin gebe es bereits Schulen mit einem Sprachschwerpunkt, beispielsweise das Lycée Francais oder die tschechisch-slowakische Komensky-Schule, so Häupl.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2011)