Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Vinterberg: „Ich war glücklich in der Kommune“

(c) Teresa Z�
  • Drucken

Vinterberg spricht über sein neues Stück, das am Samstag im Akademietheater uraufgeführt wird und auf eigenen Erfahrungen beruht. Hollywoods heftige Gewinnsucht ändert sich nun, hofft der dänische Regisseur.

Die Presse: Sie sind in einer Kommune aufgewachsen. Bei uns ist der Begriff vor allem mit der Mühl-Kommune verbunden, deren Gründer wegen Kindesmissbrauchs sieben Jahre im Gefängnis saß. Wie haben denn Sie das Kommunenwesen erlebt?

Thomas Vinterberg: Ich weiß, dass es in der Mühl-Kommune Kindesmissbrauch gab, aber sonst weiß ich nicht viel darüber. Das Thema Kindesmissbrauch habe ich in „Das Fest“ ausführlich behandelt. Mein neues Stück „Die Kommune“ hat nichts damit zu tun. Es zeigt einen naiven, wunderbaren Traum. Er wurde ausgelebt und starb. In gewisser Weise feiere ich hier die Zeit, als ich noch naiv war.

Sie waren gern in der Kommune?

Ja. Vielleicht ist meine Erinnerung selektiv oder romantisch, aber sie fühlt sich golden und warm an. Trotzdem gab es natürlich auch viel Kampf und Traurigkeit und vor allem einen großen Mangel an Klarheit. In den Beziehungen herrschte ein großes Durcheinander, das war das Problem.

Es wurde viel gestritten?

Eher zu wenig. Die Streitigkeiten wurden oft nicht wirklich ausgetragen. Es gab aber eine starke Spannung. Das erzeugte Verwirrung in meinem Kopf, die ich als Kind nicht leiden konnte.

Gibt es auch eine übergeordnete politische Aussage? Die Kommune ist ja auch ein Gesellschaftsmodell.

Wir lebten im Norden Kopenhagens in einer bürgerlichen reichen Gegend, wo es viele Diplomaten-Villen gab. Durch die Ölkrise wurden Häuser verkauft, 14 Hippies kauften eine der Villen. Genauer gesagt waren es keine Hippies, sondern linke Akademiker mit langen Haaren, die behaupteten Hippies zu sein. Sie rauchten selten einen Joint, eher tranken sie Bier und sprachen auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau über Themen, die in linken Zeitungen behandelt wurden. Diese Leute waren fein raus, hatten gute Jobs.

Aber mit der Zeit gingen sie einander auf die Nerven.

Als ich 1975 mit meinen Eltern in die Kommune zog, war das ein Haufen freigeistiger, generöser, oft betrunkener Menschen. Sie stritten sich, spielten auf der Gitarre und luden von Donnerstag bis Sonntag Leute zu Partys ein. Es gab viele Kinder, es wurde gelacht und erzählt. Es gab viel Liebe. 1985 waren nur mehr drei Familien übrig, zwischen denen ein stiller Krieg herrschte – und Putzfrauen hielten das Haus sauber. Keiner bewegte sich, außer in den hübschen Garten. Aber auch die Zeit hatte sich vollkommen verändert.

Diese „Kommune“ ist ein Abbild der Zeitgeschichte. Die Solidarität der 1960er, 1970er Jahre ist weg. Egoismus ist erlaubt, erwünscht – wie man auch in der EU sieht, wo z. B. einzelne Staaten wieder Grenzkontrollen einführen und andere in die Pleite schlittern, ohne sich um den Euro oder das Finanzgefüge insgesamt zu kümmern.

Das ist eine Simplifizierung, aber sie stimmt. Ab den 1980ern war es erlaubt, selbstsüchtig, egoistisch und frei von Moral zu sein. In einer gewissen Weise war das eine gewaltige Befreiung für viele Leute. Aber wir haben auch etwas verloren: Gemeinschaftssinn. Im kulturellen Leben hie und da kommt dieser Gemeinschaftssinn jetzt wieder, in Dänemark erscheint Literatur darüber und in Filmen, etwa von Sofia Coppola, klingt er an. Das ist nicht nur Nostalgie. Es gibt einen ernsten Wunsch, etwas aus der Zeit der 1970er wieder einzuführen. Als ich in der Kommune lebte, gab es einen Mann, der erklärte, jeder zahle in diesem Haus an Miete so viel, wie seinem Einkommen entspricht. Das hieß, dass dieser Mann am meisten zahlte, weil er dreimal soviel wie die anderen verdiente. Das wäre heute undenkbar. Auf mich als Kind wirkte das damals großartig.

Wie lange lebten Sie in der Kommune?

12 Jahre, bis ich 16 oder 17 war. Meine Eltern ließen sich scheiden und zogen aus, sie wollten, dass ich mit ihnen komme. Ich blieb – und die Kommunarden sagten, ok, er muss nichts zahlen, er ist auch unser Sohn. Also gingen meine Eltern ohne mich ihrer Wege.

In Ihrem Stück verlässt ein Mann seine Lebensgefährtin, weil er sich in eine jüngere Frau verliebt hat. Die junge Frau zieht in die Kommune ein. Eine dramatische Situation. Fast eine Soap.

Das ist keine Soap, das ist das Leben. Sie finden die größten Dramen im gewöhnlichen Dasein. Wenn eine Geschichte zu ungewöhnlich oder originell wird, ist es gar nicht gut. Dann fragen wir uns, was soll das jetzt sein? Die Hälfte des Textes habe ich entwickelt, die Darsteller improvisieren, und diese Improvisationen werden zu Szenen, Schnappschüssen aus dem Leben dieser Gemeinschaft.

Wird „Die Kommune“ auch ein Film?

Ja, die Idee ist für einen Film gedacht. Dann habe ich mit Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann darüber gesprochen und wir haben beschlossen, das Stück im Akademietheater zu machen. Wann der Film kommt, weiß ich noch nicht. Beim „Fest“ war es umgekehrt, zuerst war der Film da, dann kam das Theaterstück.

Fühlen Sie sich wohl am Theater?

Ich mag das Burgtheater. Es hat die besten Schauspieler, unglaublich gut ausgebildet, großzügig, kooperativ und berührend. Ich finde, dass Hartmann ein sehr mutiger Mann ist. Er spricht mit allen und überredet sie, künstlerische Risken einzugehen, was auf mich sehr belebend wirkt und ein großer Unterschied ist zu den Erfahrungen, die ich anderweitig gemacht habe.

Was wurde aus der Gruppe Dogma95, deren Ziel „Film pur“ ohne Beiwerk war, z. B. ohne künstliche Beleuchtung, alles schlicht und authentisch? Hollywood marschiert in die Gegenrichtung. Es setzt auf Maschinen-Theater, Computer-Simulation, Special Effects, fette Werbe-Budgets, Blockbuster, ein weltweites Publikum.

Ich mag die Ehrlichkeit der Kommerzialisierung. Es gab diesen markanten Moment, als Hollywood die Budgetzahlen für die Filme auf die Plakate setzte. Kommerzialisierung ist ok. Viele der besten Filme kommen aus diesem System, die meisten stammen aus den 1970iger Jahren: Stanley Kubrick, Steven Spielberg, Martin Scorsese. Francis Ford Coppolas „Godfather“ ist ein Produkt dieses Hollywood-Systems.

Viele beklagen, dass heute nur mehr Shareholders Value zähle – und daher zu wenig Raum für guten Independent-Film und Experimente bleibe.

Das Klima in der US-Filmindustrie ist im Moment sehr kalt. Banker entscheiden, welcher Film gemacht wird und welcher nicht. Für viele Künstler ist das total uninteressant. Aber mein Agent sagt mir, dass sich dieses System jetzt aufweiche und öffne. Es werden wieder Entscheidungen nur aus künstlerischen Gründen getroffen und Risken eingegangen.

Was machen Sie als nächstes?

Ich mache einen dänischen Film, ein nautisches Drama. Es geht um den Virus Betrug, um eine Lüge, die wahr wird, um eine Jagdgesellschaft und um Weihnachten. Wir wollten den Film heuer machen, aber es ging sich nicht aus, denn es kam die Schneeschmelze. Also drehen wir im November. Dadurch hatte ich auch Zeit für die Arbeit am Burgtheater.

Mit „Das Fest“ hatten Sie einen Riesenerfolg. „Dogma“ wurde weltweit bekannt, nicht nur bei Cineasten.

Ja, ich habe fünf Jahre gebraucht, um mich zu erholen. Dogma war ein Aufstand, eine Revolte gegen die Konventionen der Filmproduktion. Dogma hatte einen Riesenerfolg, aber es wurde auch zur Mode, was bedeutete, dass es nicht länger ein riskantes Experiment war. Dogma starb eines natürlichen Todes. Obwohl ich nicht sicher bin, ob es ganz tot ist. Ich glaube, einmal werden die Ideen, die dahinter stehen, wieder erweckt werden. Für mich war „Das Fest“ der ultimative Film, der zu Dogma passte. „Das Fest“ war alles, was ich in meinem beruflichen Leben erreichen wollte. Das kam aber alles viel zu schnell. Ich fiel in ein Loch.

Aber jeder Künstler will doch berühmt werden – wie ein Popstar.

Ja, man will ein Popstar werden, bis es passiert. Lassen Sie es mich so erklären: Als Künstler richtest du dein Auge auf die Welt, du beobachtest und suchst. Aber wenn du ein Popstar bist, richten sich die Kameras ganz plötzlich auf dich, du wirst zum Performer. Das ist nicht kreativ. Das kreative Feuer, die Flamme, entschwindet.

Auf einen Blick

Thomas Vinterberg, 1969 in Kopenhagen geboren, etablierte mit Lars von Trier „Dogma95“: eine Art filmisches Reinheitsgebot, keine Effekte, alles original, z. B. die Beleuchtung. Vinterbergs größter Erfolg war der Film „Das Fest“; das Drama wurde im Theater in der Josefstadt gezeigt, eine Fortsetzung („Das Begräbnis“) im Burgtheater. „Die Kommune“ von Mogens Rukov und Vinterberg wird am 10. 9. im Akademietheater uraufgeführt: mit Regina Fritsch und Joachim Meyerhoff,

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2011)