Bruckner unter Thielemann: Ein Konzert fürs Leben

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Staatskapelle Dresden hat mit ihrem neuen Chefdirigenten den Jolly Joker gezogen: Ovationen im Musikverein. Was Thielemann mit seinem Orchester demonstrierte, war so etwas wie die Summe romantischer Spielkultur.

„Ich mit meinen 81“, sagte Karl Löbl mir nach dem Konzert, „ich hab's leicht. Ich gehe einfach nicht mehr in die Achte Bruckner.“ Tatsächlich hatte die Aufführung dieser Symphonie aller Symphonien, die wir eben erlebt hatten, etwas Endgültiges. Besser als die Staatskapelle Dresden unter Thielemann kann man das Stück nicht spielen. (Anders vielleicht . . . )
Was Thielemann mit seinem neuen Orchester demonstrierte, war so etwas wie die Summe romantischer Spielkultur. Das Fließenlassen, das subtile Entwickeln melodischer Linien, die behutsame Abstimmung farblicher und harmonischer Schattierungen – bei gleichzeitiger Beachtung der architektonischen Verstrebungen eines symphonischen Riesenbaus. Es waren – nicht zuletzt bei Bruckners Achter – immer die Sternstunden im Goldenen Saal, wenn diese Elemente zur Vereinigung kamen.

Wenn die Musik einfach stehen bleibt

Wer analysieren wollte, könnte mit dem nahtlosen Auseinander-Herauswachsen der Themen des ersten Satzes beginnen, könnte anmerken, wie wenig man die berüchtigte, von Bruckner „Todesverkündigung“ getaufte Stelle am Ende des Stirnsatzes forcieren muss: Es genügt, wenn die Musik einfach stehen bleibt, der Todesrhythmus der Blechbläser in der Luft hängen bleibt, um die existenzielle Kraft der Musik in ihrer ganzen Radikalität begreiflich zu machen.
Man könnte auch von den traumverlorenen Klängen im Trio des Scherzos schwärmen, wo den Harfen jede Zeit der Welt gegeben ist, ihre Zweiunddreißigstel-Girlanden bis zur Neige auszukosten, ohne dass die musikalischen Bögen an Spannung einbüßten. Man würde nicht fertig mit dem Schwärmen und hätte doch nur Stückwerk beizutragen, das die Gesamtheit des akustischen und emotionalen Erlebnisses nicht in Ansätzen begreiflich machen würde.
Kein Versuch also, nur die schlichte Mitteilung, dass Karl Löbls Entscheidung im Grunde wohl richtig ist. Auch wenn der Musikfreund natürlich hofft, doch noch öfter solch vollendete Bruckner-Aufführungen hören zu dürfen. Es bedarf dazu jedenfalls eines Meisterorchesters, das unter der Führung eines bedeutenden Dirigenten sein ganzes künstlerisches Vermögen bündelt.
Wer die Geschichte der Staatskapelle verfolgt hat, freut sich, dass ein wirklich bedeutendes Ensemble seine Spitzenposition in unglaublicher Geschwindigkeit wieder erringen kann, selbst wenn es zuletzt über Jahrzehnte kaum von Dirigenten geführt wurde, die sich seines historischen Rangs als würdig hätten erweisen können. Da wartet im Verborgenen – auch über Jahrzehnte der Diktatur – offenbar eine Saat auf ihre Zeit. Sie geht sogleich wieder auf, wenn die Sonne scheint. Dergleichen berechtigt, da lassen wir jetzt ruhig ein wenig Lokalpatriotismus aufkommen, zu Hoffnungen auf kommende Salzburger Osterfreuden. Auch dort gilt es ja, etwas wiederzugewinnen . . .

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