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Sonnige Gipfel, Schneelöcher und Kältepole

(c) ORF
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Alpines Mostviertel: Der unterschätzte Dürrenstein bietet Bergwanderern mehr als nur ein Gipfelerlebnis. von walter kaminski

Niederösterreich zeichne sich zwar durch allerlei schöne Landschaften aus, aber richtige Berge gäbe es da keine, meinen manche. Blödsinn: Mehr als ein Drittel des größten österreichischen Bundeslandes zählt zu den Alpen, mit Mittelgebirgen wie dem Wienerwald oder den Gutensteiner Voralpen, aber auch mit Hochgebirge. Speziell das Mostviertel ist reich an dicht bewaldeten Bergrücken, die mitunter, wie der Ötscher mit seinen 1893 Metern, schon über die Baumgrenze vorstoßen.

Dem Ötscher um lediglich 15 Höhenmeter, aber ansonsten in keinerlei Hinsicht nach steht der 1878 Meter hohe Dürrenstein, der sich hinter einem breiten Waldgürtel und diversen Vorgipfeln hinter Lunz am See regelrecht versteckt. Formal Teil der Ybbstaler Alpen, ist er im Grunde ein eigener Gebirgsstock: zwei verkarstete Hochplateaus, die durch das Gipfelmassiv miteinander verbunden sind und sich über das sie umgebende Mittelgebirge erheben, mit einem lebhaften Relief aus Hochwäldern, Almen, Krummholz und Felskanzeln. Für eine Wanderung zum Gipfel und zurück ins Tal sollte man zehn Stunden reine Gehzeit veranschlagen, man tut also gut daran, die Tour in zwei Tagesetappen aufzuteilen. Übernachtet wird in der vom Alpenverein geführten Ybbstaler Hütte, der einzigen im ganzen Dürrensteinmassiv.

 

Vom idyllischen Lunzer See ...

Ausgangs- und Endpunkt ist Lunz mit seinem idyllischen See. Vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert beherrschte die Eisenindustrie den Ort und das ganze Ybbstal, das Einzugsgebiet der steirischen Eisenwurzen. Vom Wohlstand der Hammerherren zeugt heute noch das Amon-Haus mit seinen Renaissance-Sgraffito-Fresken. Ein paar Schritte entfernt liegt der Bahnhof – leider nur noch für Nostalgiefahrten eines privaten Eisenbahnliebhabervereins genutzt. Zurzeit ihrer Erbauung im 19. Jahrhundert galt die Ybbstahlbahn als technische Meisterleistung, die durch ein schlecht erschlossenes Tal zu einem wahren Schneeloch führte: Anderthalb Meter Neuschnee in kürzester Zeit wie im Winter 2009 sind in Lunz keine Seltenheit.

Einen Promenadenweg am Seebach entlang marschiert man zum westlichen Seeufer. Hier gabelt sich der Weg: Am Nordufer liegen das Strandbad und die sensationelle Seebühne der „Lunzer Wellenklänge“, am Südufer führt ein schöner Waldpfad zum Schloss Seehof am Ostende des Sees, nach seinen Vorbesitzern, der Kartause Gaming und den Grafen Festetics, heute im Besitz der Familie Kupelwieser.

Hier beginnt der klassische Aufstieg zum Dürrenstein durch das Seental. Seen in der Mehrzahl, denn der Lunzer See ist nicht der einzige. Über eine Forststraße kommt man zum 150 Meter höher gelegenen Mittersee und dann nochmals 350 Meter höher über einen Waldweg am Ludwigsfall und am „Brüllenden Stier“, einem unterirdischen Wasserfall, vorbei zum Obersee, in dessen Wasserfläche sich der Dürrenstein in seiner ganzen Pracht spiegelt.

Noch einmal 300 Meter höher ist man aus dem Wald heraus, auf dem Aussichtspunkt Lehardi-Kreuz, das dem Viehpatron St. Leonhard geweiht ist. Hier geht es auf dem Sattel mäßig steil bergauf zum Hochplateau; man kann aber auch 50 Meter zur Herrenalmhütte absteigen, wo es einen Trinkwasserbrunnen gibt. Wer auf einer Alm auf frische Milch hofft, irrt: „Wir hobn do kane Kiah (die Herrenalm ist eine Stierweide, Anm.), wir trinken liaba Bier!“, sagt der Hüttenwirt. Das lässt man aber besser bleiben, denn bis zum Gipfel sind es es noch fast 500 Höhenmeter. Ab jetzt ist die Landschaft quellenarmes Karstgebiet, übersät mit Dolinen, Trichtern und Schächten – Wanderer müssen den ganzen Trinkwasservorrat mitschleppen. Am Ausgang einer Latschengasse steht man vor einer felsigen Mulde, mitten drin das kreisrunde „Große Schneeloch“, eine 20 Meter tiefe Schachtdoline, in der sich der Schnee bis in den Spätsommer hält.

 

... zum Gipfelkreuz ...

Jetzt geht's steil bergauf bis zum Gipfelkreuz: 1878 Meter Seehöhe und ein herrlicher Ausblick zum Ötscher, zum Hochschwab, ins Gesäuse, zur Kräuterin und in den Steinbachkessel. Nach Süden fällt der Dürrenstein steil ab, an seinen Flanken liegt ein in Mitteleuropa einzigartiger, viereinhalb Quadratkilometer großer Fichten-Tannen-Buchen-Urwald, der seit der Eiszeit völlig unberührt geblieben ist und noch nie Axt oder Motorsäge gesehen hat. Entsprechend mannigfaltig ist der Artenreichtum der Tier- und Pflanzenwelt, streng von der Naturschutzbehörde behütet. Dieses Wildnisschutzgebiet Dürrenstein vulgo Rothwald liegt in einem schwer zugänglichen Kessel, der keine Holztriften erlaubt hat – das erklärt, warum in einem Gebiet, das einst 25 Prozent des europäischen Eisenbedarfs deckte und einen enormen Bedarf an Brennholz hatte, ein Urwald erhalten geblieben ist.

 

... zu Österreichs Kältepol

Als im 19. Jahrhundert die technischen Voraussetzungen zur Erschließung gegeben gewesen wären, erwarb Albert von Rothschild, Industrieller und Naturschützer in Personalunion, 1875 weite Areale im alpinen Mostviertel und verbot jede Schlägerung im Urwald. Nur die Natur selbst wirft hier Bäume um, das Totholz ist Lebensraum für viele Kleintiere, niedere Pflanzen und Pilze.

Es ist ein prächtiger Tag, auf der Gipfelhöhe ist es sonnig und warm, ein Dutzend weiterer Wanderer hat sich eingefunden. Gut die Hälfte davon sind Tschechen: „Die Tiroler Berge sind weit, aber die niederösterreichischen Alpen sind von Brno aus schnell zu erreichen“, sagt eine junge Frau in böhmakelndem Deutsch. „Die Tschechen sind von den Ausländern die stärkste Nation, dann kommen die Ungarn“, bestätigt Walpurga Forstner, Hüttenwirtin auf der Ybbstaler Hütte auf 1343 Metern, die sie mit ihrem Mann Josef seit 1991 führt. Die Forstners sind für ihre hervorragende und reichhaltige Küche bekannt, und wer hier übernachtet, kann in klaren Nächten einen herrlichen, durch keinerlei Lichtverschmutzung getrübten Sternenhimmel genießen, oft in Gesellschaft des Hüttenkaters Lupi, der nächtens ums Haus streicht.

Beim Abstieg am anderen Morgen findet man bald wieder dichten Wald, erstes Etappenziel ist das Grünloch, eine breite Karstmulde. Das Grünloch ist Österreichs Kältepol: Minus 50 Grad nach klaren Winternächten kommen immer wieder vor. Im Februar 1932 wurde mit minus 52,6 Grad die tiefste Temperatur Österreichs aller Zeiten gemessen.

Über reichlich steile Fels- und Geröllwege geht es den Kessel des Lechnergrabens talwärts. Ehe man sich's versieht, steht man am Ufer der Ybbs und hält dem Flusslauf folgend auf Lunz zu. Dort kann man sich im besten Restaurant von Lunz, der „Seeterrasse“, die auf dem Berg verbrannten Kalorien wieder zurückholen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2011)