Altbauvillen: Lieber gestern als heute

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Ob Jugendstilhäuser oder Villen aus der Gründerzeit – der Charme von einst ist heute rar und hat seinen Preis. Trotzdem zieht es viele in Residenzen von gestern.

Etwas völlig Neues schaffen, sich von alten Epochen und Kunstrichtungen verabschieden und gleichzeitig das Kunsthandwerk zelebrieren – das waren die Bestrebungen jener, die sich Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts dem Jugendstil zugewandt hatten. Davon profitierte auch die Architektur, im öffentlichen wie im privaten Bereich. Villen in dieser Bauweise zählen heute zu den Raritäten auf dem Immobilienmarkt. „Der Charme der klassischen Altbauvillen, etwa aus der Gründerzeit, dem Jugendstil oder im englischen Landhausstil in den Cottagevierteln der Wiener Bezirke Währing, Döbling und auch Hietzing, ist begehrt. Diese Architektur und Stilelemente werden so heute nicht mehr gebaut – aus Kostengründen“, sagt Harald Urban, Gesellschafter der Immo-Company. Und wohl auch weil der Zeitgeist nach neuen Formen verlangt.

Von Wien über Graz...

Einst seien die Villen, um dem Kaiserhaus möglichst nahe zu sein, hauptsächlich im Einzugsgebiet von Wien gebaut worden. „Doch die damals günstigen Vorortlagen sind heute beinahe unbezahlbar und kommen nur höchst selten auf den Markt.“

In der Steiermark etwa findet man noch einige in unterschiedlichem Zustand. Doch der hält Begeisterte nicht davon ab, sich so ein architektonisches Juwel zu kaufen. „Vor allem in Graz gibt es vereinzelt Villen im Gründerzeit- und Jugendstil. Wer aufs Land will, muss schon länger suchen – und findet dabei Häuser im Sommerfrische-Stil“, erzählt Edith Strohmaier vom gleichnamigen Immobilienbüro. Chancenreiche Gegenden: die Südstrecke, die Region um den Semmering und die Rax, aber auch der Wienerwald oder das Salzkammergut. „Bevorzugt in den Grazer Bezirken Geidorf und St. Leonhard stehen gelegentlich Altbauvillen zum Verkauf“, präzisiert Albert Hödl, Geschäftsführer von Hödl Immobilien. Und so kann eine feudale Villa in dieser Region mit 600 Quadratmeter Wohnfläche auf 3200 Quadratmeter Grundstücksfläche, einer Garage für vier Fahrzeuge oder einem Wasserfall, der über vier Etagen fließt, schon einmal eineinhalb Millionen Euro kosten.

Wie auch Objekte in der Nähe der Bundeshauptstadt, erläutert Harald Urban: „Das Angebot startet bei etwa 350.000 Euro für eine Stilvilla bei der Rax. Um 700.000 gibt's eine schöne Villa in Perchtoldsdorf. In Bad Ischl vermarkten wir gerade eine Villa um 2,2 Millionen Euro und bei Graz eine um 2,5Millionen Euro. In Wien beginnt es etwa ab 1,5 Millionen.“ Je nach Zustand und Ausstattung könne auch die Zehn-Millionen-Grenze überschritten werden. Für die Steiermark allein umreißt Edith Strohmaier die Preissituation etwas allgemeiner und rechnet mit „Kosten zwischen 2000 und 4000 Euro pro Quadratmeter“. Der Preis hängt sehr vom Zustand der Villa ab. Wichtig sei, dass das Haus nicht totsaniert wurde.

Neben den Jugendstilvillen sind auch Landhäuser aus der Gründerzeit gefragt – und ebenfalls schwer erhältlich und mit noch mehr historischer Bedeutung als ihre Nachfolger. Ihr Stil: reich dekorierte Fassaden sowie eine Mischung aus Neugotik, -renaissance und -barock. Im Inneren lebte man geräumig, was auch dem Bedürfnis nach viel Platz entgegenkommt: „Die Merkmale dieser Villen sind Sternparkettböden, Raumhöhen zwischen 3,6 bis vier Meter, hohe Fenster mit den bekannten Wiener- oder Grazerstöcken und große Doppelflügeltüren. Manchmal sind auch noch prächtige handgefertigte Kachelöfen zu finden, die meist noch funktionstüchtig sind“, erläutert Hödl. Auch Stuckdecken würden dazugehören, ergänzt Strohmaier.

Zudem legt der Villenkäufer heute Wert auf einen gewissen modernen Lebensstandard – vor allem bezüglich Heizung, Fensterisolierung und erneuerter Wasser- und Elektroleitungen. Auch Wohnraumerweiterungen sollten zumindest angedacht werden können.

...in der Stadt oder auf dem Land

Doch was wirklich zählt, ist der sogenannte „Tripple L“-Faktor: Lage, Lage, Lage. Und dabei scheiden sich in der Nachfrage die Geister: „Die einen wollen ausschließlich im städtischen Bereich wohnen. Die anderen zieht es aufs Land, weil sie einen Garten haben wollen“, sagt Strohmaier. Oder in der Nähe eines Skigebiets sein möchten. Eine uneinsehbare Jahrhundertwende-Villa mit Anschluss an die Wintersportregion Semmering-Hirschenkogel samt Biotop etwa ist derzeit um den Preis von 1,15 Millionen Euro auf dem Markt. Und in Bad Aussee kostet eine Villa im typischen „Ausseer Stil“ aus dem Jahr 1870 mit großem Garten, acht Zimmern auf drei Ebenen sowie zwei Balkonen und einer Veranda 1,5 Millionen Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2011)

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