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Lieberman: "Erdoğan wird den Preis dafür zahlen"

(c) REUTERS (BAZ RATNER)
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Israel - Türkei: Der israelische Außenminister Lieberman gießt im Konflikt mit Ankara neues Öl ins Feuer. Der türkische Premier drohte zuvor mit Kriegsschiffen.

Jerusalem. Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan und Israels Außenminister Avigdor Lieberman leisten sich immer forschere Wortgefechte. Die nächste Gaza-Hilfsflotte werde von türkischen Kriegsschiffen begleitet werden, droht Erdoğan, während Lieberman die Losung verfolgt: Der Feind meines Feindes ist mein Freund und sich entsprechend neue Verbündete unter Armeniern und Kurden sucht.

Der Streit zwischen Ankara und Jerusalem um die israelische Erstürmung des türkischen Hilfsschiffes Mavi Marmara vor einem Jahr ist vergangene Woche mit der Veröffentlichung des UN-Untersuchungsberichts zu dem Vorfall neu aufgeflammt. Die Mavi Marmara und andere Schiffe hatten versucht, die Blockade des palästinensischen Gazastreifens durch Israel zu durchbrechen.

Erst Anfang der Woche musste Israels Botschafter in der Türkei seine Koffer packen. Er war in Ankara nicht mehr erwünscht. Der türkische Regierungschef reduzierte die diplomatischen Beziehungen auf ein Minimum und kappte sogar die einst für beide Staaten so fruchtbaren militärischen Handelsbeziehungen. Erdoğan schwimmt auf einer Welle antiisraelischer Vorurteile weltweit und speziell unter den Arabern. Sein Besuch in Ägyptens Hauptstadt Kairo dürfte ihm Gelegenheit bieten, die Interimsregierung gegen den „zionistischen Nachbarn“ weiter aufzuhetzen. In Kairo herrscht nach dem Tod von fünf Grenzpolizisten noch immer großer Unmut gegen Israel.

Der zunächst geplante Besuch im Gazastreifen wird vermutlich doch nicht stattfinden. Erdoğan wäre gern zur Hamas gereist. Die islamistischen Palästinenser stehen ihm ideologisch deutlich näher als die Fatah im Westjordanland. Eine der türkischen Forderungen an Israel war neben der offiziellen Entschuldigung für den Tod der neun türkischen Aktivisten bei der Erstürmung der Mavi Marmara und Wiedergutmachungszahlungen an ihre Hinterbliebenen auch die Aufhebung der Seeblockade.

Israel hatte infolge des internationalen Drucks im vergangenen Sommer die Landblockade für den Import von Gütern in den Gazastreifen weitgehend aufgehoben. Der Export bleibt den Palästinensern weiter verwehrt. Eine Lockerung der Seeblockade steht in Jerusalem aus Sorge vor der Lieferung von Waffen an die Hamas nicht zur Debatte. Damit ist das Auslaufen der nächsten Gaza-Flottille nur eine Frage der Zeit – und dieses Mal vielleicht tatsächlich eskortiert von türkischen Kriegsschiffen, wie zumindest Premier Erdoğan gedroht hat.

 

„Schweigen ist beste Reaktion“

Israels Außenminister Lieberman schoss nun verbal zurück: „Wir werden Erdoğan einen Preis abverlangen, der ihm zeigt, dass es sich nicht lohnt, Israel zu erzürnen.“ Die Türkei soll Israel „mit Respekt und dem üblichen Anstand behandeln“. Der streitbare Außenminister lässt sich leichter provozieren als Dan Meridor, Minister für Geheimdienste, der an seine Kollegen appelliert hat, jetzt kühlen Kopf zu bewahren. „Schweigen ist die beste Reaktion.“

Auch Israels Verteidigungsminister Ehud Barak, der erneut sein Bedauern über den Tod der türkischen Aktivisten aussprach, versuchte die Wogen zu glätten: „Die Türkei wird nicht zu unserem Feind werden und wir haben nicht das geringste Interesse, sie zu unserem Feind zu machen.“ Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Krise vorübergehen werde.

 

Angst vor Isolation Israels

Die Eiszeit zwischen den beiden Staaten, die lange vor dem Flottilla-Zwischenfall begonnen hatte, hätte – so weit ist man sich in Jerusalem einig – mit einer Entschuldigung ohnehin nicht beendet werden können. Allerdings wäre die akute Konfrontation zu verhindern gewesen, aber „auch dafür ist es jetzt zu spät“, fürchtet Alon Liel, einst israelischer Botschafter in Ankara. Liel ist überzeugt, dass die Krise bilateral nicht beigelegt werden kann und zeigt sich besorgt über die zunehmende Isolation Israels. „Vor zehn Jahren gab es hier neun Vertretungen muslimischer Staaten, heute sind es nur noch drei: Türkei, Ägypten, Jordanien.“

Auf einen Blick

Der Konflikt zwischen Israel und der Türkei wegen der Erstürmung des türkischen Gaza-Hilfsschiffes Mavi Marmara 2010 eskaliert weiter. Der türkische Premier Erdoğan drohte jetzt, Hilfsschiffe in Hinkunft von der türkischen Marine eskortieren zu lassen. Israels Außenminister Lieberman warnte Erdoğan, er werde einen „Preis“ für Israels Erzürnung zahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2011)