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Norwegen: Das Mädchen mit dem Turban

(c) EPA (HANNIBAL HANSCHKE)

Prableen Kaur hat das Attentat von Anders Breivik auf der Insel Utøya überlebt. Jetzt kämpft die sozialdemokratische Gymnasiastin bei den Kommunalwahlen am 12. September um einen Platz im Rathaus von Oslo.

Kopenhagen/Oslo. Vom 23. Platz der Wahlliste ins Rathaus einzuziehen, in dem die eigene Partei nur 18 Sitze hat, ist für politische Vollprofis schwierig und für eine 18-jährige Novizin eigentlich unmöglich. Doch für Prableen Kaur gelten andere Gesetze. So wird die Gymnasiastin aus Oslo nach den Kommunalwahlen am kommenden Montag ihre Zeit wohl zwischen der Abiturklasse der Kathedralschule und der Bürgerversammlung der Hauptstadt teilen müssen.

Kein anderer sozialdemokratischer Kandidat hat auf der Facebook-Seite der Partei so viele „Mag ich“-Häkchen wie die Tochter eines aus dem indischen Punjab eingewanderten Taxifahrers. Niemand wurde im Wahlkampf so oft angesprochen wie das Mädchen mit dem markanten Turban, mit dem sie ihre Zugehörigkeit zur Sikh-Gemeinde demonstriert.

Am Wahltag sind es sieben Wochen und drei Tage her, dass sich Prableens Leben für immer verändert hat, „seit ich aus dem Fenster sprang, um mein Leben rannte, mich versteckte, hätte getötet werden können, viele meiner Freunde verlor, schwamm, was ich konnte, glaubte, ich würde ertrinken, aber überlebte“, wie sie es auf ihrem Blog beschreibt. Sie war eine aus der sozialdemokratischen Jugend, die ihre Sommer auf Utøya verbrachte, eine von denen, die der Massenmörder Anders Breivik vernichten wollte. Millionen in aller Welt haben gelesen, was sie anschließend aufschrieb: „Ich dachte, jetzt ist es vorbei. Er erschießt mich. Ich werde sterben... Ich stellte mich tot, ich lag da, mindestens eine Stunde... Ich hatte auf einem toten Körper gelegen, zwei Leichen lagen auf mir, überall Blut... Ich schwamm und schwamm und schwamm, ich schrie und weinte, ich dachte, dass ich ertrinken würde, aber ich schwamm weiter.“

Niemals, sagte sie später, habe sie nach all diesem Gräuel daran gedacht, ihr politisches Engagement aufzugeben, im Gegenteil. Ihr Slogan, für eine Gesellschaft kämpfen zu wollen, in der „ungleiche Menschen gleiche Chancen haben“, ist jetzt aktueller denn je.

Schon vor dem Utøya-Massaker war Prableen Kaur ein Name, den Norwegens Sozialdemokraten kannten. Ihr Appell am Parteikongress, als sie – vergeblich – eine Resolution für ein Verbot religiöser Kopfbedeckungen im öffentlichen Dienst bekämpfte, hat auch Andersdenkende beeindruckt.

Sie war das beste Beispiel dafür, dass man „nicht den Kopf verliert, weil man ein Kopftuch trägt“, wie sie es formulierte. Die junge Frau, die akzentfrei Norwegisch spricht, aber auch zum Punjabi-Unterricht geht und sagt, dass sie „das Beste aus der norwegischen und indischen Kultur vereinen“ wolle, ist ein Muster an Integration. „Wir sind alle Norweger“, sagt sie, „jeder auf seine Art.“

 

Ihr Juso-Chef ist tot

Als sie 15 war, erkrankte ihre Mutter an Krebs, überlebte aber. Jetzt will die Tochter dafür kämpfen, dass psychisch Kranke die Hilfe bekommen, die sie brauchen, und für eine Schule, die die Bedürfnisse aller Schüler sieht.

Seit einem Jahr ist sie zweite Vorsitzende von Oslos Jungsozialisten. Der erste, Håvard Vederhus, stand als Kandidat Nummer 24 direkt unter ihr auf der Parteiliste für die Kommunalwahlen. Doch er ist tot – erschossen auf Utøya.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2011)