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Terror, Krieg und Krise: Wie die USA ihr Antlitz verloren

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(c) REUTERS (JIM YOUNG)

Das 9/11-Trauma. Das Ansehen und das Selbstvertrauen der Supermacht sind angeknackst. Die Bush-Regierung hat militärisch, politisch und finanziell über die Stränge geschlagen. Darunter leidet das Land noch heute.

Washington. Wie in einem Gerichtsverfahren sind die Ausstellungsobjekte aneinandergereiht, ohne Zierrat, auf Tischen in einem mit grauen Laken verhängten Sonderraum des National Museum of American History an der Washingtoner Prachtmeile ausgebreitet, als handle es sich um eine Giftkammer der CIA. Es sind Dinge des Alltags, die als Relikte Zeugnis geben vom gravierendsten Terrorkomplott der Geschichte – Strandgut der 9/11-Attentate und nun historisches Anschauungsmaterial.
Da ist die abgewetzte schwarze Aktentasche der Lisa Lefler aus dem Büro im 103. Stock der Twin Towers aus New York, das Handy des Bürgermeisters Rudy Giuliani, die zerbeulte Tür eines Feuerwehrautos vom Ground Zero. Da ist das Namensschild des Marinearztes David Tarantino aus dem Pentagon, ein Hundehalsband und die Wanduhr, die zum Zeitpunkt des Einschlags um 9.37 Uhr eingefroren ist. Da ist das Logbuch der Stewardess Lorraine Bay aus dem United-Airlines-Flug 93, der Notrufknopf und ein metallenes Wrackteil jener Maschine, die – dank der Zivilcourage mehrerer Passagiere, die den Terroristen ins Handwerk pfuschten –, statt ins Weiße Haus oder ins Kapitol, in ein Feld in Shanksville in Pennsylvania stürzte. Und da sind schließlich die verzweifelten Suchposter nach den Vermissten David Simon und Jeffrey Wiener. Zwei der 2909 Opfer der Anschläge.


Angesichts der auf eine Woche beschränkten Schau und einer nur auf wenige Stunden limitierten Öffnungszeit zieht sich die Warteschlange durch die weitläufige Halle. Sarah und ihre beiden Freundinnen aus Maryland, ein wenig zu jung für persönliche Eindrücke vom japanischen Angriff auf Pearl Harbor vor bald 70 Jahren – dem davor letzten Anschlag auf US-Territorium –, sind eigens in die Hauptstadt gekommen, um ihre Erinnerungen an 9/11 aufzufrischen und sie einwirken zu lassen. „Wir mussten erkennen, wie fragil wir sind und wie verwundbar. Es war ein schallender Schlag ins Gesicht“, meint Sarah. „Es war der Tag, an dem wir unsere Sicherheit verloren.“

Passé sind Zuversicht und Einigkeit

Drinnen notieren die Besucher ihre Reminiszenz an jenen unwirklich strahlend blauen Septembermorgen vor zehn Jahren, der sich plötzlich in einer Wolke aus Asche, in Chaos und unheimlicher Stille auflöste.  „Ich blicke stolz zurück auf einen Moment der Hoffnung und Inspiration“, schrieb einer in einem typisch amerikanisch grundierten Optimismus, der selbst einer Katastrophe noch etwas Positives abgewinnt. Die Zuversicht und insbesondere das Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Amerikaner in den Stunden, Tagen und Wochen nach dem 11. September 2001 als eine Nation zusammengeschweißt hat, hat sich spätestens im Laufe des Irak-Kriegs verflüchtigt. Zehn Jahre danach sind die USA so tief gespalten wie im Herbst 2000, während der Kontroverse um die Wahl George W. Bushs.
Es sollte eine Ära werden, die sich ganz auf die Innenpolitik und die Wirtschaft konzentriert. So zumindest hatten es Bush und seine Masterminds konzipiert. Dass seine Amtszeit – ähnlich wie die seines Vaters – dann bestimmt war von Außenpolitik und gleich zwei Kriegen, ist eine perfide Volte der Geschichte. Der Isolationist avancierte zum Verfechter einer globalen, holzschnittartigen Demokratisierungsstrategie.
„Nichts Besonderes heute“, gab ein Berater dem Präsidenten noch mit auf dem Weg, als der sich am 11. September morgens um sechs Uhr früh auf seine routinemäßige Joggingrunde machte. In der Emma-Booker-Schule in Sarasota in Florida las er aus dem Kinderbuch „The Pet Goat“ und lauschte hernach den Lesekünsten der Schüler, als ihm sein Sicherheitsberater Andrew Card ins Ohr flüsterte: „Amerika wird angegriffen.“ Bush erstarrte, sein Gesicht versteinerte zur Maske. Sieben Minuten harrte er noch aus. Als er schließlich aufbrach, hielt Pressesprecher Ari Fleischer ein Schild hoch: „Sagen Sie jetzt nichts.“ Danach begann sein Irrflug durch die USA – und seine Odyssee in die Weltpolitik. Im Weißen Haus zerrte derweil ein Agent des Secret Service den Vizepräsidenten Dick Cheney in den unterirdischen Bunker – und hinterher, so ein geflügeltes Wort jener Tage, „war nichts mehr, wie es war“.

„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“

Drei Tage später begab sich der Präsident zum Ground Zero nach New York. In ein Megafon rief er: „Wir haben euch gehört.“ Nach einer Pause, als die Feuerwehrleute eine lautstarke Reaktion forderten, sagte er geistesgegenwärtig: „Und ihr werdet bald von uns hören.“ Fortan galt die Devise: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Drei Wochen später schlugen die ersten Bomben in Kabul ein, Washington lancierte den Krieg gegen die Taliban und die al-Qaida – und die westliche Welt zog aus Solidarität mit in den Feldzug, der zum längsten und kostspieligsten in der US-Geschichte ausarten sollte.
Als sich die USA eineinhalb Jahre danach anschickten, Iraks Diktator Saddam Hussein aus den Palästen Bagdads zu jagen, war es jedoch dahin mit der unverbrüchlichen Allianz. Innen- wie außenpolitisch brüskierte die Bush-Regierung mit unilateralen Aktionen die Verbündeten. Mit der Vortäuschung eines irakischen Massenvernichtungsarsenals und dem konstruierten Konnex zu vorgeblich aus dem Irak operierenden al-Qaida-Zellen als Casus belli verwirkten die USA die Sympathien.

Arroganz der Supermacht


Die Folterexzesse der US-Soldaten in Abu Ghraib, die heimlichen CIA-Gefangenentransporte und nicht zuletzt die Einrichtung des Lagers Guantánamo als Symbol für die Aufweichung des Rechtsstaats brachten das Image der USA als modellhafte Demokratie weltweit in Verruf. Es schlug die Arroganz einer Supermacht durch, die unter dem Schock und dem Trauma des Terrors zunehmend blindlings agierte. Oft willkürlich und ohne Haftbefehl inhaftierte Verdächtige, etwa eine Gruppe von Uiguren, die in ihren orangen Sträflingsklamotten der sengenden Sonne ausgesetzt waren, mutierten zu Kronzeugen für schreiendes Unrecht. Der eilends durchgepeitschte „Patriot Act“ lieferte der Regierung die Grundlage für Ad-hoc-Justiz, umfassende Abhörmaßnahmen und mitunter bizarre Sicherheitsschikanen im Flugverkehr und bei der Einreise in die USA. Das Gesetz verhöhnt einen Freiheitsbegriff, den das „Land of the Free“ stets wie einen Banner vor sich hertrug. Die Freiheitsstatue im Hafen von New York müsste sich eigentlich verschämt abwenden. Die umstrittenen Maßnahmen vereitelten indes bisher einen weiteren Terroranschlag.


Am Ende des Jahrzehnts, das Kritiker bereits als „verlorene Dekade“ bezeichnen, beschworen die US-Banken indessen eine Krise herauf, die womöglich noch schwerer wiegt als der Antiterrorkrieg und die Nation noch tiefer verunsichert. Die globale Finanzkrise nagt am Selbstbewusstsein der führenden Wirtschaftsmacht, die aufstrebenden Schwellenländer machen dem angeknacksten Leader Konkurrenz. Statt in Bildung, Innovation und Infrastruktur zu investieren, pulverte das Land Abermilliarden an Dollar in ihr Militär und die beiden Kriege im Irak und in Afghanistan. Das US-Defizit explodierte, ausgezehrt vom zehnjährigen Kampf gegen Osama bin Laden und seine „Gotteskrieger“ hinkt das Land internationalen Standards hinterher. Dies ist die Schlüsselthese, die „New York Times“-Kolumnist Thomas Friedman und sein Co-Autor Michael Mandelbaum in ihrem neuen Buch „That used to be us“ propagieren. Noch, so ihr Credo, ist Zeit für Umkehr.