Fieberhaft werden Alternativen zum Franken gesucht. Norwegen und Schweden zittern vor starken Aufwertungen. Experten warnen vor einem Währungskrieg.
Wien. Es war eine der stärksten Kursbewegungen auf den Devisenmärkten der vergangenen Zeit: Am Dienstag um 10 Uhr schoss der Euro zum Franken innerhalb weniger Minuten um mehr als neun Rappen nach oben. Die Nationalbank in Zürich hatte erklärt, keinen Franken-Kurs unter 1,20 je Euro mehr zu tolerieren. Das stoppte zwar den Höhenflug der eidgenössischen Währung, nicht aber die Nervosität der Anleger. Sie trauen dem Euro in der Schuldenkrise nach wie vor nicht über den Weg und suchen einen „sicheren Hafen“, in dem sie zumindest einen Teil ihres Geldes anlegen können.
Fündig werden sie jetzt im hohen Norden. Besonders gefragt sind derzeit Norwegische und Schwedische Kronen. Seit der Koppelung des Franken an den Euro hat die Norwegische Krone um bis zu 2,3 Prozent gegenüber dem Euro an Wert gewonnen. Damit ist sie so stark wie seit acht Jahren nicht mehr. Auch die schwedische Krone hat binnen einer Woche um mehr als zwei Prozent zum Euro aufgewertet.
Den Daumen an der Zinsschraube
Die Investoren locken vor allem die geringen Staatsschulden und soliden Haushalte der beiden Länder. Norwegen erzielte letztes Jahr einen Budgetüberschuss von 10,5 Prozent. Auch die großen Ölvorkommen des Königreichs versprechen eine starke Währung. „Es gibt nur wenige Länder, die in puncto Stabilität mit Norwegen und Schweden mithalten können“, sagt Michael Rottmann, Leiter der Devisenanalyse bei der UniCredit.
Die Deutsche Bank sieht den Aufwärtstrend der Währungen noch lange nicht am Ende. Noch seien sie, im Gegensatz zum Franken, nicht überbewertet. Und solange die Unsicherheit in der Eurozone anhält, werden Fluchtwährungen gefragt bleiben. Daneben bieten die Länder aufgrund der höheren Leitzinsen einen Zinsvorteil gegenüber dem Euroraum.
Genau darin sieht Rottmann aber auch den Unterschied zwischen Norwegen und der Schweiz. Während die Leitzinsen in der Alpenrepublik schon seit Jahren nahe bei null liegen, könnten die Norweger ihren Leitzins von derzeit 2,25 Prozent jederzeit senken.
Erste Hinweise darauf hat Notenbankchef Öystein Olsen bereits gegeben: „Eine zu starke Krone kann auf Dauer zu einer zu niedrigen Inflation und einem zu geringen Wirtschaftswachstum führen“, erklärte er am Donnerstag vor Studenten in Oslo. „In diesem Fall werden finanzpolitische Maßnahmen ergriffen.“
Dass die skandinavischen Währungen den Franken dauerhaft als Zufluchtsort ablösen werden, glauben die meisten Experten jedoch nicht. Dafür sei Norwegen zu stark vom Ölpreis abhängig, sagt Marcus Hettinger, Leiter der Währungsanalyse bei der Credit Suisse. Außerdem gelten die dortigen Märkte schlicht als zu klein.
Angst vor neuem Währungskrieg
Spätestens wenn sich die Skandinavier gegen die Aufwertung ihrer Währungen zur Wehr setzen, könnten andere traditionelle Hartwährungen wie der Australische und der Kanadische Dollar in das Blickfeld der Märkte rücken. Beide Länder verfügen ebenso wie Norwegen über große Rohstoffvorkommen. Auch der japanische Yen wertet trotz immenser Staatsschulden und schwachem Wirtschaftswachstum stetig auf.
Experten rechnen nun mit einer neuen, globalen Abwertungsrunde. Der brasilianische Finanzminister Guido Mantega hat im vergangenen Jahr in einer ähnlichen Situation bereits von einem „Währungskrieg“ gesprochen.
Die dortige Notenbank hat ihren Leitzins Ende August überraschend um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Auch die US-Notenbank zielt mit ihrer aktuellen Geldpolitik nicht gerade auf eine Stärkung des Dollar ab. Der Euro befindet sich seit Tagen in einem rasanten Abwärtstrend. Am Freitag schickte der Rücktritt von Jürgen Stark als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank die Gemeinschaftswährung auf Talfahrt.
Schon am Donnerstag hatte sie nach der Zinsentscheidung der EZB gegenüber dem Dollar stark nachgegeben, obwohl der Verbleib des Leitzinses bei 1,5 Prozent von allen Seiten erwartet worden war. Analyst Rottmann macht sich seinen Reim darauf: „Die Nervosität ist einfach extrem groß.“