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Stegers Waterloo – Abschied von den Liberalen

(c) AP (RUDI BLAHA)
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Der Innsbrucker Parteitag. Vor 25 Jahren begann der Siegeszug Jörg Haiders mit dem Triumph über Norbert Steger. Der Ablauf erinnert stark an den „Knittelfelder Putsch“ des Jahres 2002. Der Weg führte in den Rechtspopulismus.

Der Traum des Wiener Anwalts Norbert Steger von einer liberalen FPÖ war am 13. September 1986 kurz vor Mitternacht ausgeträumt. Eine bittere Sache: Mit 42 Jahren bereits aus der großen Politik hinausgeschubst zu werden. Nach einer Rede- und Nervenschlacht in der Innsbrucker Kongresshalle hatte der Bundesparteitag der FPÖ vor 25 Jahren seinem Rivalen Jörg Haider den Zuschlag gegeben. Haider (35) war neuer Parteichef der bürgerlichen Minigruppierung, Vizekanzler Steger hatte alles verloren.
Zu ebener Erd' machte er es für uns Journalisten kurz und möglichst schmerzlos: „Zehn Jahre habe ich gearbeitet, und jetzt wird dieses politische Konzept abgewählt. Ich nehme das mit der gebotenen Fairness zur Kenntnis . . .“
Dann gingen wir durch düstere Kellergänge zum Ausgang, wo die Dienstlimousine des Vizekanzlers, der Chauffeur und der Agenturfotograf Bernhard Holzner warteten. „Sie werden sehen, der macht daraus eine Führerpartei“, murmelte Steger bitter. Seine junge Frau, die er erst vor Kurzem geehelicht hatte, stand schon beim Wagen, die Autotüren klappten zu. Der Vorhang war gefallen.
Was sich in den vorangegangenen 14 Stunden des 13. September 1986 in Innsbruck abgespielt hatte, spottete jeder Beschreibung. Bereits am Vorabend brachten sich die miteinander verfeindeten Fraktionen in den diversen Wirtshäusern in Stimmung. Eine Mehrheit der Delegierten war sich einig: Die liberale Regierungsmannschaft der Freiheitlichen führe die Partei geradewegs in den Abgrund – Ähnliches hat man später, 2002, in Knittelfeld erlebt. Es müsse ein neuer, ein charismatischer Parteiführer her, der sich der drohenden Niederlage erfolgreich entgegenstemmen könne. Und für viele war das der Wahlkärntner aus Bad Goisern, der Landesrat Jörg Haider.

Wird Vranitzky tatenlos zuschauen?


Die Fronten waren schon zu Beginn des ordentlichen Parteitags klar abzulesen: vorn im Saal die Wiener, Niederösterreicher, Burgenländer, die zum liberalen Steger-Lager zu rechnen waren, die am Weiterbestand der Regierungskoalition mit der SPÖ interessiert waren; hinten die geballte Macht der Westösterreicher unter Führung des gewaltigen Delegiertensektors der Kärntner. Sie wollten ihren Mann an der Spitze sehen und verrannten sich in dem Irrglauben, SPÖ-Chef und Bundeskanzler Franz Vranitzky werde sich das so einfach bieten lassen. Er hatte die kleine Koalition mit den Blauen von Fred Sinowatz geerbt, und auch der tat dies wider besseres Wissen. Die Chose war ihm 1983 von Bruno Kreisky eingebrockt worden, dem jedes Mittel recht war, die Volkspartei von der Macht fernzuhalten. Für den sozialistischen Machterhalt bekam der blaue Koalitionspartner erstaunlich viele Posten: den Handelsminister (Vizekanzler Steger), den Justizminister (Harald Ofner), den Verteidigungsminister (zunächst Friedhelm Frischenschlager, dann ersetzt durch Helmut Krünes), dazu drei Staatssekretäre. Ein Pfund, mit dem man hätte wuchern können. Allein: Die Koalition baute stetig ab.

Purer Kampf ums Überleben

Innsbruck, Kongresshalle: Jörg Haider hält sich im Halbdunkel der letzten Sitzreihen auf, dort wo die Galerie Schatten wirft.
Auf der Bühne kämpfen Klubchef Friedrich Peter, dann die Regierungsmitglieder, schließlich Steger selbst um die Einheit der Partei. In den zweieinhalb Jahren der Regierungsbeteiligung ist die FPÖ in allen Umfragen unter das politische Existenzminimum gesunken. Panik herrscht an der Basis. Mit einer fulminanten Rede könnte der Parteiobmann das Steuer vielleicht noch herumreißen.
Doch Stegers Rede gerät merkwürdig farb- und konturlos. Er hat in den nächtelangen Sitzungen viel Substanz verloren. Pfiffe, Trampeln, Schreie begleiten die Geste, mit der er seinen Kopf retten will: „Wenn Doktor Haider bereit ist, seinen mörderischen Kampf gegen die Partei einzustellen, werde auch ich nicht kandidieren. Ich schlage Helmut Krünes als einzigen Kandidaten vor. Ansonsten kandidiere ich aber und empfehle Krünes als Spitzenkandidaten für die nächste Wahl.“

Helmut Krünes als Kompromiss

Baffes Erstaunen. Solche Volten gehörten schon immer zu Stegers Verhandlungstricks. Auch diesmal glaubt er, noch einmal die Mehrheit zu sich herüberziehen zu können: „Es geht nicht um meine Person, sondern um die Partei. Jörg! Ergreife diese Hand und schlage sie nicht zurück!“
Steger streckt pathetisch die Hand aus, doch Haider rührt sich nicht aus dem Dunkel. Stattdessen kommt Verteidigungsminister Helmut Krünes aufs Podium, und Steger/Krünes präsentieren sich als künftiges Siegerteam.
Haider erkennt die Gefahr. Einen Kärntner Delegierten nach dem anderen jagt er zum Rednerpult, um Stimmung für sich zu machen. Dann kommt er selbst.

Haider gegen „die da oben“


Ohrenbetäubender Jubel der Anhänger. „Was sich hier abspielt“, behauptet der junge Mann im Jägerleinen, „ist der Aufbruch der Parteibasis, die sich nicht mehr von oben regieren lassen will.“ Die Haider-Fans befinden sich am Rand der Ekstase. „Wir dürfen nicht zur vierten Kraft absinken. Es ist dies eine ernste Stunde! Die heutige Dramatik zeigt, dass diese Partei wieder eine Führungspersönlichkeit braucht!  Und:  Ich werde mich daher der Wahl stellen!“ Während das Präsidium rund um Steger die Köpfe hängen lässt, setzt Haider noch eins drauf: „Und wenn ich das Vertrauen der Delegierten bekomme, werde ich beweisen, dass ich nicht zu jenen gehöre, die in Regierungsämter hinaufkatapultiert werden wollen. Dann wird der Vizekanzler Doktor Helmut Krünes heißen!“ Jubelrufe, Pfiffe. Haider blufft: „Wir sind uns soeben mit Handschlag über diese Lösung einig geworden!“
Hat der Verteidigungsminister falsch gespielt, sich schon beim kommenden Mann abgesichert? Der Saal gleicht einem Hexenkessel, bis ein Delegierter endlich die Unterbrechung des Kongresses beantragt. Vor dem Saaleingang ein Menschenknäuel. Krünes murmelt etwas von „Missverständnis“. Es wird auch später nicht aufgeklärt.

Gugerbauers Dolchstoß


Doch der Kongress geht weiter. In einer bestechenden Rede weist der Abg. Norbert Gugerbauer, Advokat aus Oberösterreich, alle Argumente zurück, die für Steger ins Treffen geführt werden. Er hat von seinem Turnbruder Haider bereits die fixe Zusage als künftiger FP-Generalsekretär. Damit bringt er den starken Sektor der Oberösterreicher ins Haider-Lager. Und er plaudert interne Telefonate Stegers aus, der Vermittlungsversuche brüsk mit den Worten abgebrochen haben soll: „Also gut, wenn das so ist, werde ich auch den Haider mit ins Grab nehmen!“


Noch 25 Redner mühen sich, Stimmung für ihren Kandidaten zu machen. Dann ist's Zeit für die Kampfwahl. Kurz vor der Geisterstunde wird das Ergebnis bekannt: „Es entfielen auf Dr. Jörg Haider 263 Stimmen oder 57,7 Prozent . . .“ Ohrenbetäubender Jubel im Saal, die westlichen Sektoren erheben sich wie ein Mann. Nicht einmal 58 Prozent. Von einem sensationellen Triumph, wie später oft behauptet wurde, also gar keine Rede. Im Gegenteil: Der junge Mann polarisiert vom ersten Augenblick an. Die eigene Partei zunächst, dann die Gesellschaft. Noch ahnen wir nicht in der Halle, dass ein neues Kapitel österreichischer Zeitgeschichte aufgeschlagen wird.

Herzinfarkt des Generalsekretärs

Steger befindet sich nicht mehr im Saal. Mit den engsten Getreuen, mit Frau und Sekretären hat er sich eingeschlossen, als der Generalsekretär Walther Grabher-Mayer bewusstlos zusammensackt. Staatssekretär Ferrari-Brunnenfeld, ein Arzt, wird geholt, der fordert die Rettung an. Grabher errappelt sich kurz aus der Bewusstlosigkeit, kündigt seinen Rücktritt an, bricht wieder zusammen. Herzinfarkt.


Im Saal feiern die Delegierten ihren Jörg. Der Bundesgeschäftsführer Mario Erschen, Liberaler vom Scheitel bis zur Sohle, ist auch schon gekündigt. Er lässt seinerseits mitteilen, dass er mit sofortiger Wirkung aus der FPÖ austritt.
Und so sitzt der künftige starke Mann plötzlich ganz allein im gleißenden Licht der Bühne. Niemand rahmt ihn da oben auf der Tribüne mehr ein. Keiner befindet sich auf Augenhöhe.

(Fast) alle Bewunderer wandten sich ab


Alle sind sie nur Fußvolk, die unten im Saal erschöpft und betäubt den Tag Revue passieren lassen. Noch ahnen wir Journalisten nicht, wie viele dieser prominenten Delegierten sich im Laufe der nächsten Jahre von ihrem Idol abkehren – oder verstoßen werden sollten: Friedrich Peter und Norbert Gugerbauer, Gustav Zeillinger und Willfried Gredler, Karl Sevelda und Johanna Pattera, Heide Schmidt und Siegfried Dillersberger, Susanne Riess-Passer und Friedhelm Frischenschlager, Alexander Götz und Gerulf Stix, Gerulf Murer und Horst Schender, Erwin Hirnschall und Erich Reiter, Hilmar Kabas und Harald Ofner, Holger Bauer und Helmut Krünes, Hansjörg Tengg und Kriemhild Trattnig, Alois Huber und Mario Ferarri-Brunnenfeld.
Bis zum Jahr 2008 ist dieses Spiel gespielt worden. Dann schlug der Tod zu. Die Dienstlimousine hieß „Phaeton“.