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Kairo: Sturm auf Israels Botschaft

Kairo Demonstranten stuermen israelische
Kairo: Demonstranten stürmen israelische Botschaft(c) EPA (Mohamed Omar)
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Der Angriff auf Israels Vertretung in Kairo lässt die Beziehungen zwischen den Nachbarstaaten auf einen neuen Tiefpunkt sinken. Aversionen gegen Israel sind in der ägyptischen Bevölkerung weit verbreitet.

Sie warfen Molotow-Cocktails und Steine und brachen Türen auf. Der Mob, der in der Nacht auf Samstag die israelische Botschaft in Kairo stürmte, löste damit die schwersten Spannungen zwischen Israel und Ägypten seit mehr als 30 Jahren aus. Denn seit die beiden Nachbarstaaten 1979 den Friedensvertrag von Camp David unterzeichnet hatten, herrschte zwischen ihnen weitgehend Friede. Israels Premier Benjamin Netanjahu nannte die nächtliche Gewaltorgie im Stadtteil Dokki, bei der drei Menschen starben und mehr als tausend verwundet wurden, eine „gravierende Verletzung in dem Gewebe des Friedens mit Israel“.

In Kairo trat die Übergangsregierung von Ministerpräsident Essam Sharaf am Samstag zu einer Krisensitzung zusammen und traf sich anschließend mit dem obersten Militärrat. Der Militärrat lehnte am Nachmittag zunächst ein Rücktrittsangebot der Regierung ab. Der Innenminister versetzte die Polizei in höchste Alarmbereitschaft und verhängte eine generelle Urlaubssperre für alle Beamten.

Botschafter flüchtet aus Kairo. Israels Botschafter in Kairo, Yitzhak Levanon, seine Familie und rund 80 weitere israelische Staatsbürger waren noch in der Nacht zum Flughafen von Kairo geflüchtet, von wo sie mit einer israelischen Militärmaschine ausgeflogen wurden. Nur der stellvertretende Botschafter blieb zurück, um Kontakt zum regierenden Militärrat zu halten.

Zunächst hatte die randalierende Menge am Freitagabend mit Vorschlaghämmern und herausgerissenen Laternenmasten die drei Meter hohe Sperrmauer aus Beton demoliert, die die Behörden erst vor einer Woche zum Schutz der israelischen Botschaft hatten errichten lassen. Die israelische Mission ist in mehreren Etagen eines Bürohochhauses am Nilufer untergebracht, das direkt neben einer stark befahrenen Brücke liegt. Drei Stunden lang griffen die Sicherheitskräfte nicht ein und ließen die Menge gewähren.

Kurz vor Mitternacht gelang es dann mehreren Dutzend Randalierern, in das Gebäude einzudringen. Sie rissen die israelische Flagge herunter, verwüsteten Räume des Konsulats und warfen unter dem Gejohle der Menge Akten aus den Fenstern. Sechs israelische Sicherheitsbeamte, die sich hinter einer Panzertür verbarrikadieren konnten, mussten von einem ägyptischen Spezialkommando in Sicherheit gebracht werden. Die anschließenden Straßenschlachten rund um das Gebäude dauerten bis in die Morgenstunden, dabei wurde auch eine nahe gelegene Polizeistation attackiert.

Wut über den Tod von Grenzsoldaten. International wurden die Angriffe auf die israelische Mission einhellig verurteilt. US-Präsident Barack Obama äußerte sich sehr besorgt und appellierte an Ägypten, seine internationalen Verpflichtungen zu erfüllen. Ähnlich äußerte sich auch Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle.

Aversionen gegen Israel sind in der ägyptischen Bevölkerung weit verbreitet, obwohl es seit 1979 einen Friedensvertrag zwischen beiden Ländern gibt. Stark angefacht wurden die antiisraelischen Aggressionen zuletzt durch den Tod von fünf Grenzpolizisten auf dem Sinai vor gut drei Wochen. Damals hatten israelische Einheiten nach einem Terrorüberfall nahe dem Badeort Eilat, bei dem acht Menschen ermordet wurden, teilweise auch auf ägyptischem Territorium operiert. Die ägyptische Bevölkerung verlangt eine offizielle Entschuldigung Israels für den blutigen Zwischenfall.

Unmut erzeugt aber auch der 2005 unter Hosni Mubarak geschlossene israelisch-ägyptische Gasvertrag, der Lieferungen deutlich unterhalb des Weltmarktpreises vorsieht. Das Energieabkommen ist auch einer der Anklagepunkte gegen den gestürzten Autokraten, dem in Kairo der Prozess gemacht wird. Der drastische Einbruch im Verhältnis zu Ägypten kommt für Israel zu einem Zeitpunkt, zu dem auch die Beziehungen zu seinem langjährigen Verbündeten Türkei auf einem Tiefpunkt angekommen sind. Die Regierung in Ankara verlangt von Israel eine offizielle Entschuldigung für seine Kommandoaktion gegen die Gazahilfsflotte im Mai 2010, bei der neun türkische Aktivisten getötet wurden. Zudem will die palästinensische Führung in der UN-Generalversammlung eine Abstimmung über einen palästinensischen Staat durchsetzen. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)