Ölschiefer: Das Hoffen auf den "brennenden Stein"

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Symbolbild Öl(c) AP (MATT SLOCUM)

Die US-Ölindustrie steht kurz vor einem neuen Boom. Grund dafür ist Ölschiefer, der erstmals wirtschaftlich abgebaut werden kann. Gelingt das Unterfangen, werden die USA zum Land mit den weltweit größten Ölreserven.

Es ist eine Nachricht, die fast schon zu schön klingt, um wahr zu sein. So liegt inmitten der USA – in den Bundesstaaten Colorado, Utah und Wyoming -, auf staatlichem Grund ein Erdölvorkommen, das selbst bei konservativer Schätzung 800 Milliarden Fass Öl enthält. Eine Menge, mehr als dreimal so groß wie die gesamten gesicherten Reserven von Saudiarabien.

Kein Wunder also, dass es zur Zeit keine Rede der republikanischen Präsidentschaftskandidatin Michele Bachmann gibt, in der nicht Bezug auf die sogenannte Green River Formation genommen wird. „Die USA sind das Land mit den weltweit größten Energieressourcen“, versuchte Bachmann jüngst ihren energiehungrigen Mitbürgern die Angst vor einer Verknappung des Schwarzen Goldes zu nehmen.

Doch auch abseits des aufkommenden Wahlkampfes sind Green River und andere ölhaltige Gesteinsformationen ein großes Thema. Denn obwohl die Vorkommen schon seit Jahrzehnten bekannt sind, gelingt es erst seit Kurzem, das Öl wirtschaftlich zu fördern. Es handelt sich dabei nämlich um keine Ölfelder im klassischen Sinn, sondern um sogenanntes „unkonventionelles Öl“ in Form von Ölschiefer.

Bei Ölschiefer sind die wertvollen Kohlenwasserstoffe im Gestein gebunden. Bekannt ist das Material bereits seit Jahrhunderten als „brennender Stein“. Eine wirtschaftliche Nutzung, um daraus Erdöl zu gewinnen, scheiterte bislang aber an der fehlenden Technik und den zu hohen Kosten.

Seitdem der Ölpreis jedoch konsequent auf über 80 Dollar je Fass verweilt, werden viele bislang unwirtschaftliche Fördermethoden plötzlich lukrativ. So wird etwa in Kanada der Abbau von Ölsand seit einigen Jahren stetig ausgebaut. Noch entscheidender für die Förderung von Ölschiefer sind aber die Techniken, die in den vergangenen zehn Jahren bei der Gewinnung von Schiefergas entwickelt wurden.

Wie Ölschiefer war auch Schiefergas den Geologen seit langem bekannt, galt jedoch als wirtschaftlich nicht förderbar. Denn anders als bei herkömmlichem Erdgas, das in porösem Gestein gefangen ist, reichte es bei Schiefergas nicht, die Vorkommen einfach vertikal anzubohren. Vielmehr mussten viele kleine – im unterirdischen Vorkommen horizontal verstreute – Gasblasen einzeln „angestochen“ werden.

Möglich wurde das durch zwei technische Neuerungen in der Fördertechnik – dem horizontalen Bohren und dem sogenannten „Fracking“. So ermöglichen es Steuersysteme inzwischen, dass Bohrköpfe mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche seitlich abgeleitet werden und die Bohrung dann zentimetergenau horizontal weiterläuft. Einer der weltweit wichtigsten Hersteller solcher Systeme ist die heimische Schoeller-Bleckmann Oilfield.

Aus dem Schiefer gelöst wird das Gas dann durch Fracking: Dabei werden Wasser, Sand und eine Reihe von Chemikalien unter hohem Druck in das Gestein gespritzt. Die Mischung reißt künstliche Spalten in den Schiefer, durch die das Gas zum Bohrstrang und dann an die Oberfläche wandern kann.


Gas-Revolution. Diese beiden Innovationen lösten vor rund zehn Jahren in Kombination mit einem gestiegenen Gaspreis in den USA eine wahre Gas-Revolution aus. Hatte Schiefergas im Jahr 2000 am US-Gasmarkt noch kaum eine Relevanz, wird damit derzeit bereits ein Zehntel des gesamten Verbrauchs bestritten. Laut Schätzungen soll Schiefergas bis zum Ende dieses Jahrzehnts zumindest 20 Prozent des US-Verbrauchs an Gas decken.

Viele Experten erwarten nun, dass sich diese Entwicklung beim Ölschiefer wiederholt. Energiekonzerne schwenken bereits von Gas auf Öl um. Laut Zahlen der Bohrfirma Baker-Hughes haben sich die Gasbohrungen auf knapp 900 nahezu halbiert, während sich die Ölbohrungen innerhalb von zwei Jahren auf 1000 verfünffachten.

Erste Erfolge kann die Branche dabei vor allem bei der Bakken-Formation in North Dakota vorweisen. Noch vor fünf Jahren war der Prärie-Staat an der kanadischen Grenze mit einer Produktion von 3000 Fass pro Tag im Ölgeschäft de facto nicht präsent. Inzwischen hat sich die Produktion auf rund 300.000 Fass pro Tag verhundertfacht. North Dakota produziert somit bereits mehr als halb so viel wie das Opec-Mitglied Ecuador und ist drauf und dran, Alaska als zweitwichtigsten Ölstaat der USA (nach Texas) zu überholen. Denn laut Schätzungen von ortsansässigen Ölfirmen könnte die Produktion bis zum Ende dieses Jahrzehnts auf eine Million Fass pro Tag steigen.

Grund für den rasanten Zuwachs sind die hohe Qualität und die verhältnismäßig niedrigen Kosten, die in der Region für die Förderung von Öl aus Ölschiefer anfallen. Mit rund 40 Dollar je Fass ist das Öl zwar deutlich teurer als etwa konventionelles Öl im Nahen Osten, kann aber mit Tiefseeöl bereits mithalten und ist angesichts eines Ölpreises von über 100 Dollar bereits profitabel. Die neuen Vorkommen machen sich auch in der Produktionsstatistik der gesamten USA bemerkbar. War die US-Ölproduktion ab 1970 stetig im Fallen, legt der mit 7,5 Millionen Fass Öl pro Tag nach Russland und Saudiarabien drittgrößte Ölförderer der Welt seit 2007 wieder laufend zu.

Doch wie Schiefergas könnte auch Ölschiefer nicht nur in den USA zu einem Thema werden. So verfügen beispielsweise Russland, Italien, Estland, China und Brasilien ebenfalls über große Vorkommen an Ölschiefer. Unser südlicher Nachbar Italien hat beispielsweise gleich viel Öl in Form von Ölschiefer wie die gesicherten konventionellen Ölreserven von Libyen und Nigeria zusammen betragen. Die gesamte Menge an Ölschiefer in den USA beträgt sogar fast das Dreifache der weltweit gesicherten konventionellen Ölreserven.

Allerdings gibt es nicht nur Freude über die Ausbeutung der Gas- und Ölvorkommen im Schiefergestein. Vor allem das Fracking sorgt bei Umweltaktivisten und Anrainern für Kritik. Sie befürchten, dass die in der Wasserlösung verwendeten Chemikalien aus den tiefliegenden Schieferschichten wieder nach oben wandern und das Grundwasser vergiften könnten. Pro Bohrloch werden beim Fracking zwischen fünf und 20 Millionen Liter Wasser in das Gestein gepresst.


Vergiftete Brunnen. Bei einer Bohrung im US-Bundesstaat Pennsylvania ist diese Angst bereits zur Realität geworden. 14 Hausbrunnen wurden verseucht. Aber auch in vielen anderen Orten wo Schiefergas oder Ölschiefer gefördert wird, berichten Anrainer von Kopfschmerzen und anderen Beschwerden, die auf vergiftetes Wasser hindeuten könnten. Die US-Umweltschutzbehörde EPA hat deshalb mit einer großangelegten Studie zu dem Thema begonnen, deren Ergebnisse 2012 vorliegen sollen.

Aber auch abseits der Umweltschutzbedenken gibt es Kritiker, die meinen, dass die Erwartungen an die neuen Energiequellen übertrieben seien. Schon Ende der 1970er gab es in den USA ein Programm, um Ölschiefer wirtschaftlich förderbar zu machen. Doch außer Milliardensubventionen für Energiekonzerne ist davon nichts übrig geblieben. Befeuert wurde diese Kritik jüngst von einem Bericht der „New York Times“, der hunderte brancheninterne Emails vorliegen, aus denen hervorgeht, dass Unternehmen bei Schiefergas mitunter geschönte Zahlen über die Ausbeute einzelner Vorkommen an die Öffentlichkeit melden.

Ob Ölschiefer zu einer Veränderung der energiepolitischen Weltkarte führt und das Ende des Ölzeitalters hinausschiebt, wird sich also noch zeigen. Eines ist aber auf jeden Fall klar: Wenn sämtliche Öl- und Ölschiefervorkommen gefördert und verbrannt werden, können die Klimaziele keinesfalls eingehalten werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)