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Nationalökonomie: Die Heimkehr der Österreicher

Nationaloekonomie Heimkehr oesterreicher
Hayek(c) APA (HOLZ-SCHWARTZ)
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Die ultraliberalen Ideen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie finden auch hierzulande wieder ihre Zuhörer. Nächste Woche veranstaltet das amerikanische Mises Institut ihr zu Ehren in Wien einen Kongress.

Ein Österreicher als Youtube-Star? Bisher 3,8 Mio. Mal wurden auf der Onlineplattform zwei Videos aufgerufen, die ein fiktives Rapduell zweier Ökonomen zeigen, deren Auseinandersetzungen in der Zwischenkriegszeit die Wirtschaftswissenschaften prägten.

Es ist ein ungleiches Duell: Auf der einen Seite steht John Maynard Keynes, der 1946 verstorbene britische Ökonom, dessen Gedanken bis in die Gegenwart die Wirtschaftspolitik in Mitteleuropa prägen. Auf der anderen Seite der Österreicher Friedrich August von Hayek. 1974 wurden seine Arbeiten zur Konjunkturtheorie mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Zu einer Zeit, zu der er als Ökonom beinahe schon in Vergessenheit geraten war, wie Hansjörg Klausinger feststellt – im Gegensatz zu den Ideen des damals schon verstorbenen Keynes.

Klausinger ist Ökonom an der WU und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte der Österreichischen Schule der Nationalökonomie – jener volkswirtschaftlichen Denkrichtung, zu dessen wichtigsten Vertretern Hayek gezählt wird.

Träume vom Ende des Staates.
Der Nobelpreis gab Hayek und der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ neuen Auftrieb. Die ultraliberalen Ideen dieser ökonomischen Strömung wurden wieder stärker verbreitet. Vor allem in den USA findet sich bis heute eine treue Anhängerschaft der österreichischen Thesen. Dabei sticht das Mises Institut in Alabama hervor. Diese Denkfabrik ist nach Ludwig von Mises benannt, einem Lehrer Hayeks, der als der radikalste unter den liberalen Österreichern gilt. Das Institut organisiert in den USA verschiedene Seminare und Kurse zur Österreichischen Schule. Dieses Jahr kehrt das Institut zu seinen Wurzeln zurück. Ab 19. September treffen sich die Freunde des Instituts und der Österreichischen Schule in Wien zu einem Kongress.

Douglas French, der Präsident des Instituts, sieht die österreichischen Ideen in den USA auf dem Vormarsch, freilich weniger an den Universitäten und mehr im Volk. Dort würden sich die liberalen Stimmen häufen. Er selbst träumt, so sagte er zur „Presse“, von einer „Marktwirtschaft, in der kein Staat in den Wirtschaftsprozess eingreift“. Mehr noch: „In meinen Träumen gibt es gar keinen Staat.“

Die Tea Party als Erbe.
Das Mises Institut ist in den USA stark repräsentiert. Es unterhält zahlreiche Kontakte zu Republikanern und in die Wirtschaft. Mit dem Kongressabgeordneten Ron Paul sitzt ein bekennender „Austrian“ im US-Kongress. Der 76-jährige Republikaner kandidierte 2008 als US-Präsident (für 2012 hat er das ebenfalls angekündigt) und gilt als intellektueller Vater der „Tea-Party“-Bewegung. Allerdings kann man nicht behaupten, dass sich die Anhänger der Tea Party selbst auch als „Österreicher“ sehen.

Dass die Österreichische Schule gerade in den USA gut aufgestellt ist, ist darauf zurückzuführen, dass die großen Denker, die allesamt in Wien gelebt hatten, mit dem aufkeimenden Antisemitismus in Österreich in den 1930er-Jahren des letzten Jahrhunderts in die USA emigrierten.

In Österreich hingegen hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg keine politische Partei der liberalen Gedanken angenommen. Zuvor waren diese bei den deutschnationalen Parteien angesiedelt gewesen, erklärt Hansjörg Klausinger.Das akademische Niveau litt in dieser Zeit unter dem intellektuellen Aderlass: Alle großen Denker der Sozialwissenschaften hatten vor dem Krieg das Land verlassen. Ihre Stellen an den Universitäten besetzten zuerst Regimetreue, die dann im Zuge der Entnazifizierung selbst ausgetauscht wurden.

An den Universitäten machten sich vor allem mittelklassige Wissenschaftler breit, die größtenteils der englischen Sprache nicht mächtig waren, erzählt Klausinger. Diese hätten wenig Interesse an Forschung und Lehre auf Spitzenniveau gehabt, viel mehr aber am Verkauf ihrer selbstverfassten Lehrbücher.


Die Theorie zur Krise.
Erst in den letzten Jahren kommen die Ideen der Österreicher auch in ihrer Heimat wieder ins Gespräch. Barbara Kolm, die Generalsekretärin des Hayek-Instituts in Wien, kämpft seit zehn Jahren dafür. Erfolgreich, wie sie sagt: „Hayek ist wieder in aller Munde.“ Die Wirtschaftskrise sei dafür ein wichtiger Grund. Denn mithilfe der österreichischen Konjunkturtheorie habe man die Krise vorhergesagt, die seit 2008 die Welt in Atem hält.

Den „Österreichern“ zufolge seien aufgrund der Politik des billigen Geldes der letzten Jahrzehnte Investitionen getätigt worden, die ohne Eingreifen der Notenbanken nicht getätigt worden wären.Die Rezession habe aufgezeigt, wo Investitionsfehler begangen worden sind. Die Unternehmer seien damit gezwungen worden, die falsch eingesetzten Ressourcen zu liquidieren oder anderwärtig einzusetzten.Die Österreicher seien auch die Einzigen gewesen, die die Große Depression von 1929 als unvermeidliches Resultat monetärer und kreditwirtschaftlicher Exzesse vorhersagen konnten, behauptet Klausinger: „Doch ihre Rezepte stießen damals auf Unverständnis, was der Schule als Ganzes schadete.“

Der Hayekianer-Vorschlag hätte für die Politiker bedeutet, nichts zu tun: nämlich die Wirtschaft nicht über die Notenpresse zu stimulieren und keine Konjunkturprogramme zu finanzieren. Doch damit lassen sich keine Wahlen gewinnen. Mit dem alternativen Vorschlag aus Keynes' Feder schon eher: Der Staat soll es richten und den ausfallenden Konsum ausgleichen.

In den 1970er-Jahren gestand freilich Hayek ein, dass man zumindest soweit hätte Geld drucken müssen, dass die Geldmenge, die sich tatsächlich im Umlauf befindet, nicht zurückgeht (sonst kommt es zur wirtschaftsschädlichen Deflation). Die Notenbank muss dabei die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe ausgleichen. Und rechtzeitig wieder Geld abziehen, bevor die Kreditvergabe wieder zunimmt – keine leichte Aufgabe.

Barbara Kolm geht in ihren Forderungen nicht so weit wie das Mises Institut. Sie legt Wert darauf, dass ihre Politikempfehlungen nur so weit gehen, dass sie auch tatsächlich Chance auf Umsetzung haben. Sie verbucht es beispielsweise als Erfolg, wenn Finanzministerin Maria Fekter offen über Einsparungen des Staates oder eine Schuldenbremse nachdenkt – Forderungen, die vom Hayek-Institut seit Jahren gestellt werden. Generell kann sie sich aber eine Wirtschaft ohne Staat nicht vorstellen. Dieser müsse immer für einen rechtlichen Ordnungsrahmen sorgen, in dem der Marktprozess stattfinden kann.

Einfluss unterschätzt. Hansjörg Klausinger findet, dass der Einfluss der Österreichischen Schule unterschätzt werde, wenn man nur die Wissenschaftler abzählt, die sich selbst als „Austrians“ bezeichnen. Hayek selbst sagte einst, dass der größte Erfolg einer ökonomischen Schule darin bestünde, dass sie aufhört, als solche zu existieren, weil ihre Lehren Teil des wissenschaftlichen Mainstreams geworden sind. Und einige Erkenntnisse der „Österreicher“ haben es tatsächlich in den Mainstream der Volkswirtschaftslehre geschafft.

Ein bedeutendes Beispiel dafür ist die Erkenntnis der Österreicher, dass planwirtschaftlicher Sozialismus nicht funktionieren kann. Laut Klausinger würden 90 Prozent der Ökonomen hier ursprünglich österreichische Argumente verwenden. Dabei geht es um fehlende Anreize für Innovationen oder darum, dass nur ein Marktpreis jene Informationen über Angebot und Nachfrage abbildet, die ein zentraler Planer niemals wissen kann.

Kolm hofft, dass die Ideen der Österreicher auch in Mitteleuropa weiter an Einfluss gewinnen: „Über kurz oder lang wird man gezwungen sein, die Staatsausgaben zu senken.“ In den neuen EU-Staaten sei das jetzt schon spürbar. Vielleicht wird Friedrich August von Hayek ja am Ende auch in Österreich ein Star.

INFO

1871 veröffentlichte Carl Menger mit nur 31 Jahren sein Werk „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“. Aus historischer Sicht bedeutet die Veröffentlichung des Buches gleichzeitig die Geburt der Österreichischen Schule. Nur zwei Jahre später wurde er zum Professor an die Universität Wien berufen. Seine Schüler Eugen von Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser führten seine Arbeiten fort.

1919 wird Joseph Schumpeter (der sich später von den Lehren der Österreichischen Schule abwandte) für sieben Monate Finanzminister Österreichs. Als einziges Kabinettsmitglied ist er gegen den Anschluss an Deutschland.

1927 gründen Ludwig von Mises und sein Schüler Friedrich August von Hayek das Österreichische Institut für Konjunkturforschung (das heutige Wifo).

1931 wird Hayek im 32. Lebensjahr als Professor an die London School of Economics berufen. Später geht er wie alle anderen „Austrians“ in die USA.

1974 erhält Hayek den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten in der Geld- und Konjunkturtheorie. Der Nobelpreis stärkte die öffentliche Wahrnehmung der Österreichischen Schule.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)