"Wiener Blut" aufs hiesige TV-Niveau reduziert

Wiener Blut aufs hiesige
Wiener Blut aufs hiesige(c) APA/Dimo Dimov/VOLKSOPER (Dimo Dimov/VOLKSOPER)
  • Drucken

Die Volksoper spielt Johann Strauß mit Wolfgang Böck, aber beinah ganz ohne taugliche Sänger. "Wiener Blut", inszeniert von Thomas Enzinger, könnte so auch im Volkstheater stattfinden – mit den dortigen Kräften.

Sissi und der Kaiser, der Doktor Freud und was sonst das Wien um 1900 an Klischee-Zuckerln hergibt, alles ist versammelt, und keiner weiß, warum. Zwischendrin wird „Wiener Blut“ gespielt – und der vergoldete Johann Strauß besäuft sich. Das hat Methode, denn was die Sänger in dieser neuen Volksopern-Produktion von sich geben, ist nicht dazu angetan, dem Komponisten Freude zu bereiten.

Dabei steht endlich wieder einmal Alfred Eschwé am Dirigentenpult, und das Orchester des Hauses blüht förmlich auf, denn da stimmen die Tempi, die Musik federt, schwingt und klingt auch in den Farben fein abgestuft – bis hin zum Schlagwerk! Vokal aber – sehen wir einmal von der wirklich nobel phrasierenden Gabriele der Kristiane Kaiser ab – präsentiert sich die Volksoper als Notstandsgebiet. Eine solche Ansammlung an tenoralem Schon-in-der-Mittellage-Falsettieren und soubrettigem Zwitscher-Kreisch-statt-Gesang erinnere ich mich nicht, je in diesem Haus vernommen zu haben.

Als könnte man in „Wiener Blut“ sämtlichen Rollen im Kleinkunst-Ton gerecht werden, wie Carlo Hartmann dem Fürsten Ypsheim-Gindelbach: als sächselnder Minister-Karikatur steuert er in den Ensembles pflichtschuldig ordentliche Gesangstöne bei. Mehr wird von ihm stimmlich nicht wirklich verlangt.

Eine Figur wie den Josef, den Boris Eder zur akrobatischen Bewegungsstudie macht und dabei alle Pointen akkurat serviert, sollte man freilich wie ein guter Buffo (einst waren das Erich Kunz oder Walter Berry!) singen können. Von der Pepi Renée Schüttengrubers ganz zu schweigen, der beim Singen schon die Luft ausgeht, bevor sie zu tanzen beginnt.

So kommt man einer Operette nicht ernsthaft bei. „Wiener Blut“, inszeniert von Thomas Enzinger, könnte so auch im Volkstheater stattfinden – mit den dortigen Kräften. Heutzutage finden sich ja überdies offenbar kaum noch Darsteller, die sprachlicher Feinabstimmung vom Hutschenschleuderer-Jargon über bürgerliche Hochstapelei zum Schönbrunnerdeutsch mächtig sind.

Die Nivellierung von Gerhard Ernsts beeindruckenden Fiakerkutscher-Schimpfkanonaden und den besoffenen Tiraden von Wolfgang Böcks Kagler nimmt Letzterem jegliche dramaturgische Wahrhaftigkeit: Der Fiaker ist, was er ist: Mir san mir.Kagler aber – mir san wer – soll ja hoch hinaus, seit Jahrzehnten ein „verfluchter Kerl“ sein wollen. Ein Sisyphos sozialen Selbstbewusstseins, das war der Kagler einmal. Es ist schon länger her.

Diesmal ist der Ringelspielbesitzer vom Kutscher nicht zu unterscheiden, ganz im Sinne des heutigen TV-Unterhaltungsprogramms, von dem man sich nicht nur den Darsteller, sondern auch das eingeebnete Niveau der Couplet-Texte geborgt hat. Wer aber Pointen in „Wiener Blut“ nicht auch aus der Beletage holt, sondern nur auf dem Gehsteig aufliest, dem bleibt auf der Suche nach der nötigen Fallhöhe zur Auslotung tieferer Regionen nur noch der Sprung in den Kanal.

Exzellentes Theater. Das muss man vorausschicken, wenn man behauptet, was ich gleich tun werde, dass an diesem Abend in der Volksoper recht gut Theater gespielt wird, von Bohdana Szivacz mit originellen Einlagen der Tanzcompagnie unterstützt. Was von „Wiener Blut“ geblieben ist, der aufs Nötigste reduzierte Gang der Handlung, wird mit Tempo und rhythmischer Kraft erzählt. Zwar versucht Thomas Enzinger erst gar nicht, die genannten historischen Assoziationen irgendwie dramaturgisch zu begründen. Aber die alten Schmähs ziehen, die aberwitzigen Verknotungen der Komödie erreichen wie eh und je in der Konfrontation der beiden Damen ihren Höhepunkt: Diesfalls wird aus Kristiane Kaiser Sieglinde Feldhofer und umgekehrt.

Das wirkt so komisch wie beinah am ersten Tag (die Uraufführung war ja ein Fiasko). Wie gewohnt, steht Graf Balduin – Thomas Blondelle – rechtschaffen ratlos inmitten – wie ein Wiener Musikfreund, der nicht weiß, ob Operette in einem Haus, das einmal die Hochburg dieses Genres war, nicht doch auch etwas mit Gesang zu tun haben sollte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.