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9/11: Die Journalistenfalle

Journalistenfalle
(c) REUTERS (LUCAS JACKSON)
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Hat 9/11 den Journalismus verändert? Ja, weil seither in Kriegsgebieten viele Journalisten starben, sagt der frühere "Spiegel"-Chef Stefan Aust zur "Presse am Sonntag".

Stefan Aust ist ein Geschichtenerzähler. Früher hat er das als „Spiegel“-Chefredakteur sowohl im gedruckten als auch im gleichnamigen TV-Magazin gemacht und nebenher immer wieder in Büchern.

Die Geschichte des 11.September wollte der 65-jährige Journalist und Miteigentümer des Nachrichtensenders N24 aber nicht noch einmal erzählen. Das haben schon so viele andere übernommen, „mal besser, mal schlechter“, sagt er. Auch er hat als interessierter und in diesem Thema ziemlich versierter Mensch in den vergangenen Tagen den Überblick verloren über die vielen Spezialsendungen, Dokumentationen und Diskussionen, wie er sagt. Am Donnerstag saß er selbst als Gast im Hangar 7, dem pompösen Studio von Servus TV; der österreichische Privatsender hatte davor die Dokumentation „Die Falle 9/11“ von Stefan Aust und seinen Ko-Autoren Thomas Ammann und Detlev Konnerth gezeigt. Die drei vertreten darin die These, die Amerikaner seien dem al-Qaida-Chef Osama bin Laden in die Falle gegangen, er habe sie in Afghanistan, im Irak, im Jemen in einen Krieg ziehen wollen, den sie nicht gewinnen würden. Einen Krieg, der immer noch andauert und bei dem bis heute 250.000 Menschen ums Leben gekommen sind, wie u. a. der britische Journalist Jason Burke in seinem Buch „Die 9/11-Kriege“ vorrechnet.

Aust wollte die Geschichte in seiner jüngsten Doku also erst dort beginnen, wo fast alle anderen aufgehört haben, wie er glaubt: bei dem, was nach dem 11. September kam – den Kriegen. Beim „Spiegel“ habe man sich auch nicht gescheut, auf die Folgen von 9/11 zu schauen. „In dem Jahr, in dem darüber diskutiert wurde, ob die Amerikaner im Irak einmarschieren sollen oder nicht, haben wir 14 oder 15 Titelgeschichten zum Thema gemacht. Und die haben sich gut verkauft, weil es uns gelungen ist, dem Leser zu vermitteln, dass dieses Thema wichtig ist.“

Die Deutschen im Krieg. Der absurdeste Aspekt an dem Anschlag und seinen Folgen ist für Aust die Rolle Deutschlands. Dass das Land als Nato-Partner an dem Krieg in Afghanistan beteiligt war, „das ging nicht anders, weil die Amerikaner den Bündnisfall erklärt hatten und die Deutschen ihnen zu Hilfe kommen mussten“. Aus dem Ruder gelaufen ist der Einsatz für Deutschland aber vor Ort, weil die Truppen zunächst in einem friedlichen Gebiet eingesetzt waren. Das Land wollte den Einsatz daher immer als friedliche Mission darstellen und hat zu spät bemerkt, dass die Taliban plötzlich gezielt Jagd auf deutsche Soldaten gemacht haben. „Die Soldaten wurden dort allein gelassen, sie waren nicht genügend ausgerüstet, bekamen zu wenig Verstärkung. Das hat zu einer ganzen Reihe von Todesfällen geführt, die eigentlich nicht notwendig gewesen wären. Aber alles andere hätte nach Krieg ausgesehen.“

Auch wenn Aust nicht glaubt, dass das Ereignis den Journalismus per se verändert hat, weiß er, dass es schwerwiegende Folgen für die Berufsgruppe der Reporter hatte: „Durch den Anschlag wurden zwei große Kriege ausgelöst und deswegen sind viele Journalisten in diesen Kriegsgebieten unterwegs. Seither sind viele Journalisten zu Tode gekommen.“

Ähnliche Schlüsse zogen am Freitag auch die Diskutanten bei der vom Medienhaus Wien, OSZE und Presseclub Concordia organisierten Konferenz „Nine Eleven & Europe“. Die Medienfreiheit sei durch die in den meisten europäischen Staaten nach dem 11.September erlassenen Antiterrorgesetze und die von der EU beschlossene Vorratsdatenspeicherung stark beeinträchtigt, glaubt etwa Rechtsexperte Yaman Akdeniz von der Bilgi Universität in Istanbul. Durch die restriktiveren Bestimmungen würden seither Journalisten in ihrer Arbeit eingeschränkt oder sogar verhaftet. Die Antiterrorgesetze verteidigt dagegen Ian Kelly, US-Botschafter bei der OSZE. „Der 11.September hat uns gezeigt, dass unsere Verletzbarkeit in unserer Offenheit liegt“, sagte er am Freitag.

Eine ganze Berufsgruppe ist seit Nine-Eleven gewachsen, wenn nicht gar erst geboren worden: die der sogenannten „Terrorexperten“ in Regierungskabinetten und Redaktionen. Stefan Aust wundert das nicht: „Wenn es Terror gibt, gibt es auch Terrorexperten.“ Manche würden zu Recht, manche eher zu Unrecht so genannt. Dass solche Experten gelegentlich zu früh – und auch falsche – Schlüsse ziehen, wie etwa beim Anschlag in Oslo im Juli (einige von ihnen glaubten zunächst, es handle sich um einen Terroranschlag von Islamisten), verurteilt Aust. „Das kommt daher, dass sich die Welt so schnell dreht, wir immer sofort antworten müssen.“ Er rät daher, nicht zu eilig mit einem Urteil zu sein. „Man darf sich nicht von der technischen Übertragungsgeschwindigkeit unter Druck setzen lassen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)