Warum Cash is King trotz realer Negativverzinsung eine brauchbare Devise und der Goldpreis noch nicht am Plafond angelangt ist. Im Aktienbereich gibt es derzeit für Mittelfristanleger wenig zu holen.
Die abgelaufene Woche hat für Aktien-Anleger nichts Neues gebracht: Die Kurse schwankten, wie seit einem Monat üblich, relativ stark in Seitwärts-Trendkanälen. Der ATX geht im Kurzfrist-Trend relativ stabil seitwärts, der Dax tendiert leicht nach unten, die US-Indizes leicht nach oben. Das alles bei sehr hoher Volatilität. Womit sich an der schon in den vergangenen Wochen getätigten Einschätzung nichts ändert: Ein Paradies für Kurzfrist-Trader, eine No-go-Zone für mittelfristig orientierte Anleger. Denn die übergeordneten Trends zeigen weltweit weiter steil nach unten.
Aktien sind also nicht „günstig“, sondern immer noch deutlich zu teuer. Das gilt besonders für Anteilspapiere von Banken. Denn die Branche steuert auf die nächste enorme Krise zu. Und das wird in den ohnehin schon sehr stark gefallenen Kursen noch weitere unschöne Spuren hinterlassen. Anleger, die sich zutrauen, „short“ zu gehen, können in diesem Sektor mit Sicherheit noch sehr schöne Gewinne bei fallenden Kursen erzielen. Etwa mit Hebelzertifikaten, Optionsscheinen oder CFDs.
Tipps für konkrete Papiere gibt es hier freilich nicht, denn Spekulationen auf fallende Kurse sollten sich ungeübte Anleger eher verkneifen. Die Statistik zeigt nämlich, dass Short-Spekulationen sehr viel öfter daneben gehen als solche auf steigende Kurse. Selbst Hedgefonds-Profis verlieren beim „shorten“ signifikant öfter Geld.
Es hat also schon seinen Grund, dass auch viele Profi-Anleger derzeit nach der Devise „Cash is king“ an der Seitenlinie warten – und auf ihren „Geldparkplätzen“ reale Negativverzinsungen in Kauf nehmen. Damit sind nicht nur mit minus einem Prozent verzinste Schweizer Kurzfristanleihen gemeint: Auch Festgeldkonten rentieren ja längst unter der Inflationsrate und die Rendite von sicheren Staatsanleihen beginnt langsam, Sparbüchel-Niveau zu unterschreiten. Die deutsche Sekundärmarktrendite etwa ist in der vergangenen Woche auf 1,8 Prozent abgerutscht, weil der Kurs des deutschen Bund Futures über 137 gestiegen ist. Das muss man sich einmal vorstellen: Man kauft auf dem Sekundärmarkt de facto einen Hunderter (denn am Ende der Laufzeit wird ja zum Nominalwert getilgt) um 137 Euro und hofft nach dem Greater-Fool-Prinzip, dass man jemanden findet, der einem noch mehr für dieses Papier bietet. Und die Rechnung könnte aufgehen: Analysten gehen davon aus, dass der Bund Future bald über 140 steigen wird.
Beherrschendes Thema diese Woche war wohl auch die Festsetzung eines Mindestkurses im Verhältnis Schweizer Franken-Euro durch die Schweizerische Nationalbank. Der Umstand, dass sich der Franken jetzt sozusagen an die Euro-Titanic angeleint hat, hätte eigentlich nach dem Motto „ein sicherer Hafen weniger“ dem Goldpreis nutzen müssen.
Der zeigt aber interessanterweise ein extrem volatiles Verhalten: Auf ein Rekordhoch jenseits der 1900er Marke folgte binnen weniger Stunden ein Absturz auf unter 1800. Danach pendelte der Preis unter sehr starken Schwankungen zwischen 1800 und 1870. Ein Zeichen dafür, dass erstens die Orientierungslosigkeit der Anleger groß ist und zweitens jetzt wohl auch Großanleger (auch Notenbanken) kräftig mitmischen – und bei hohen Preisen Gewinne realisieren.
Wie geht es hier weiter? Der Goldpreis zeigt klare Anzeichen von Überhitzung, es wird in nächster Zeit also noch zu einigen Rücksetzern kommen. Allerdings sorgt das makroökonomische Umfeld dafür, dass die „Fluchtwährung“ Gold Potenzial nach oben hat. Rücksetzer können also durchaus noch für Käufe genutzt werden.
Im Aktienbereich gibt es derzeit für Mittelfristanleger wie gesagt wenig zu holen. Aufhorchen hat diese Woche die Aktie des deutschen Pharmariesen Bayer(ISIN DE000BAY0017) lassen. Das Papier hat (trotz Unsicherheiten über die Zulassung eines Schlaganfall-Medikaments in den USA) neulich ein paar Kaufempfehlungen mit Kurszielen zwischen 50 und 60 Euro bekommen. Das wäre eine Kurschance von bis zu 50 Prozent.
Allerdings: Einem weiteren Börsenabsturz wird sich auch Bayer nicht entziehen können. Die Aktie gehört derzeit deshalb nicht ins Depot – aber dringend auf die „Watchlist“ für die Zeit nach der Kurswende, die ja irgendwann kommen wird. Denn ob die Aktie derzeit wirklich so günstig ist, wie sie aussieht, wird man erst nach der nächsten Anpassung der Gewinnschätzungen wissen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)