Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Sberbank-Chef: "Europa liegt uns näher als China"

SberbankChef Europa liegt naeher
German Gref(c) REUTERS (DENIS SINYAKOV)
  • Drucken

Mit dem Kauf der Volksbank International startete die russische Sberbank ihre Europa-Expansion. Sberbank-Chef German Gref spricht mit der "Presse" über Europa und das Schuldenmachen.

Die Presse: Bevor wir zur Wirtschaft kommen, kurz zur Politik: Eines der Hauptszenarien für das Wahljahr 2012 ist, dass Wladimir Putin wieder Präsident wird und daher ein liberales Aushängeschild als Premier braucht. Als Kandidat kolportiert werden auch Sie.

German Gref: Ich denke, dass es dafür nicht die geringste Grundlage gibt – weder was die Lage im Land noch was meine Pläne betrifft. Ich habe als Riesenaufgabe die Umgestaltung der größten russischen Bank, die ich nicht im Stich lassen könnte, auch wenn die Frage des Premiers auftauchte. Zweitens scheint mir, der neue Präsident hat genug würdige Kandidaten.


Die Ungewissheit, wer nach 2012 das Land führen wird, bremst die Investitionsaktivität der Unternehmer. Wie sehr spürt das auch die Sberbank?

Die größten Chancen auf das Präsidentenamt haben entweder der jetzige Präsident oder der jetzige Premier. Aber natürlich herrscht das Gefühl eines politischen Intervalls zwischen zwei Ereignissen. Wir als Sberbank spüren es nicht.


Russland als BRIC-Staat enttäuscht mit seinem bescheidenen Wachstum von vier Prozent. Der Finanzminister spricht von der Grenze zur Stagnation. Ist diese schon eingetreten?


Nein. Zugegeben, das Wachstum ist für Russland klein. Aber im Quartals- und Monatsvergleich findet es statt. Doch die Investitionen sind gering, der Kapitalabfluss groß, auch die Binnennachfrage generiert keine hohen Wachstumsraten. Es braucht ernsthafte Reformen, um ein attraktiveres Investitionsklima zu schaffen.



Europa ist mit dem Schuldenabbau beschäftigt. Russland will die Staatsverschuldung binnen drei Jahren von elf auf 17 Prozent des BIP hochschnellen lassen. Ist das nicht fahrlässig?

Nein. Ein Schuldenniveau von 20 bis 25 Prozent ist nicht nur ungefährlich, sondern sogar nützlich. Entscheidend ist, wofür das Geld ausgegeben wird. Schulden für Sozialausgaben und laufenden Konsum wären gefährlich. Schulden für Investitions- oder Infrastrukturprojekte sind unbedenklich. Das bringt Wachstum, womit sich die Schulden in den Folgejahren verringern.


Die EU diskutiert schon seit Längerem über eine einheitliche Wirtschafts- und Finanzpolitik. . .

Ihr habt keine Alternative. Aber ihr habt einmal Maastricht unterschrieben, die Sache aus der Hand gegeben und glaubt, dass sich jemand jahrelang davon leiten lässt. Die Psychologie der Leute sagt: Dieses Jahr sehen wir darüber hinweg, nächstes Jahr halten wir uns wieder daran. Dann wiederholt sich die Situation und in fünf Jahren ist es zu spät, weil der Punkt zur möglichen Umkehr überschritten ist. Selbst wenn es gelänge, das Problem mit gemeinsamer Anstrengung zu lösen, woran ich schwer glauben kann, braucht es eine ständige Kontrolle und Maßnahmen, wenn die Situation vom vorgegebenen Trend abzuweichen beginnt.



Viele russische Firmen expandieren nach China. Gazprom will dort Fuß fassen, Rusal ging dort an die Börse. Warum geht die Sberbank nach Europa?

Nun, wir sind nicht Gazprom und bieten individuelle Dienste an. Wir sind selber Europäer, und die Europäer sind uns weitaus näher. Wir wissen, wie man hier arbeitet.



Große Expansionspläne einer russischen Staatsbank machen hellhörig. . .


Mir gefällt das Wort „Expansion“ nicht. Wir gehen auf einen Markt, sanft und sukzessive. Sehen Sie, welche Banken wir kaufen! Diese Banken erfordern detaillierte Arbeit und viel Zeit, um in einen normalen technologischen Zustand gebracht zu werden. Bis wir hier einen bedeutenden Marktanteil haben werden, vergehen Jahre.


Trotz gegenteiliger Beteuerungen scheint Ihnen der Deal mit der ÖVAG nicht schwer gefallen zu sein. Die VBI wurde immer billiger, und Konkurrenten hatten Sie auch nicht.

Letzteres stimmt. Aber es wurden keine Verhandlungen hinausgezögert, um den Preis zu senken. Natürlich haben wir viel über ihn diskutiert, aber das Wichtigste war, die vollständige Due Diligence aller Banken durchzuführen. Neun Monate bis zum Kauf sind eine angemessene Zeit. Und es traf sich eben, dass in dieser Zeit der Markt nach unten ging. Ich denke, der Preis ist für beide Seiten optimal.



Die Rumänien-Tochter wurde vom Deal ausgenommen. Auch, weil die rumänische Zentralbank Bedenken gegen eine Übernahme durch eine russische Staatsbank hatte?


Nein. Wir haben uns die Risiken im Bankportfolio angesehen. Die rumänische VBI-Bank ist ziemlich groß und auf ein solches Risikovolumen wollten wir uns nicht einlassen. Das ist der Hauptgrund.


Ist die VBI Plattform für weitere Expansionen oder nur Testgelände zum Studium des europäischen Marktes?


Zuerst muss sie in die Sberbank integriert werden. Dann dient sie als Plattform für Investitionen und Zukäufe in den gegebenen Ländern. Auf der Grundlage der VBI müssen wir ein Headoffice für alle unsere europäischen Aktiva errichten.


Bleibt es in Wien?

Mittelfristig ja. Unsere Analyse zeigt, dass Wien ein angenehmer Platz für uns ist.



Die geplante Teilprivatisierung der Sberbank wurde soeben verschoben. Wird 2011 noch privatisiert werden?


Ich weiß es nicht. Zur Zeit ist die Frage verfrüht. Alles hängt von der Marktsituation ab.


Ist es möglich, dass in der russischen Elite wieder jene Leute Oberhand gewinnen, die gegen Privatisierung sind?


Ich kenne keinen, der gegen die Privatisierung der Sberbank wäre.


Präsident Dmitrij Medwedjew hat die Regierung gerügt, weil sie mit den Privatisierungen kaum vorankommt.


Das betrifft nicht die Sberbank. In manchen anderen Staatsbetrieben aber sträubt sich das Management.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2011)