Zehnjährige deutsche Staatsanleihen rentierten am Montag mit 1,71 Prozent und waren damit so teuer wie noch nie. Hintergrund dürfte auch die Erwartung einer Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank sein.
Wien/Bloomberg/B.l. An den Märkten geht es dieser Tage turbulent zu. Die Angst vor den Folgen einer Griechenland-Pleite ließ die Börsen in den Keller rasseln und trieb die Rendite für zweijährige griechische Staatsanleihen auf 60 Prozent hoch. So viel erwarten Käufer jetzt von griechischen Bonds als Preis für das Ausfallrisiko. Einen entsprechend niedrigen Preis erhält man, wenn man griechische Anleihen verkaufen will.
In einem derartigen Szenario flüchten die Anleger normalerweise in sichere Werte: Gold und deutsche Bundesanleihen. Der Goldpreis leidet derzeit aber unter zwei Faktoren: Erstens haben die Inflationssorgen zuletzt deutlich abgenommen, zweitens haben die starken Schwankungen des Goldpreises im vergangenen Monat die Anleger beunruhigt. Bleiben deutsche Bundesanleihen: Zehnjährige Papiere erhielt man am Montag zeitweise mit einer Rendite von 1,71 Prozent. Das bedeutet die niedrigste Verzinsung und der höchste Preis seit der Euroeinführung.
In Erwartung sinkender Zinsen
„Die Renditen werden von den bereits niedrigen Niveaus weiter fallen”, sagt Charles Berry, Händler für festverzinsliche Anlagen bei der Landesbank Baden-Württemberg in Stuttgart. Auch die Rendite zehnjähriger US-Treasuries sank auf ein Rekordtief von 1,89 Prozent. Die Ursache dürfte nicht nur im starken Sicherheitsbedürfnis der Anleger liegen, sondern auch in der Erwartung sinkender Zinsen.
Bis vor Kurzem rechnete die Mehrheit der Ökonomen noch mit steigenden Zinsen in der Eurozone. In einem solchen Szenario zahlen Inhaber niedrig verzinster Staatsanleihen mit langer Laufzeit drauf: Wollen sie ihre Papiere vorzeitig auf den Markt werfen, müssen sie einen geringeren Preis akzeptieren. Sinken dagegen die Zinsen, gewinnen die alten Anleihen an Attraktivität und verzeichnen Kursgewinne. Seit einem Jahr haben sich deutsche Bundesanleihen um mehr als 13 Prozent verteuert.
Unter Ökonomen und Marktteilnehmern setzt sich zunehmend die Meinung durch, dass die Europäische Zentralbank (EZB) noch heuer die Zinsen senken dürfte. Volkswirte der Deutschen Bank glauben, dass die Leitzinsen im Dezember von derzeit 1,5 auf ein Prozent gesenkt werden. Damit wären sie wieder auf dem Niveau, das sie während der Krise hatten.
Händler gehen im Schnitt davon aus, dass die Zinsen in den nächsten zwölf Monaten um 0,34 Prozentpunkte sinken werden, wie aus einem Index der Credit Suisse hervorgeht. Noch im August hatten sie mit einer Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte gerechnet. Die US-Notenbank Fed hat bereits deutlich gemacht, dass sie die Zinsen nicht vor 2013 anheben wird. In den USA liegt der Leitzinssatz zwischen null und 0,25 Prozent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2011)