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Von „Hascherln“ und „Damen“: Gleichstellung als Kulturproblem

Der Vorschlag der Gewerkschaft, Frauenlöhne extra zu verhandeln, mag skurril klingen. Aber gegen sanktionslose Appelle sind Österreicher leider immun.

 

Außertourliche Lohnrunden, nur für Frauen: Mit diesem unorthodoxen Vorschlag sorgt die Gewerkschaft der Privatangestellten dieser Tage für Gesprächsstoff. Dass der Chef der Wirtschaftskammer damit nicht viel anfangen kann – wenig verwunderlich. Aber seine Reaktion hätte er trotzdem mit etwas mehr Bedacht wählen können. Denn sie illustriert ein interessantes Frauenbild: Es sei ein für die Frauen „entwürdigender“ Vorschlag zu sagen, „jetzt brauchen wir für euch Hascherln noch eine Extrarunde“. Und wenn jedes zweite Mädchen Friseurin oder Verkäuferin werden wolle, so Christoph Leitl sinngemäß, müsse man den „jungen Damen“ schon sagen, dass sie tolle Chancen liegen lassen.

Mit seiner Wortwahl hat Leitl sogar die Frauen aus seinen eigenen Reihen erzürnt. Er dürfte aber auch auf breite Unterstützung zählen können. Man erinnere sich nur an den Aufruf des Kapitalmarktbeauftragten Richard Schenz, „endlich mit der Quotengeschichte“ aufzuhören. Frauen in Aufsichtsräten technischer Unternehmen? Da brauche es doch technisches Know-how, so Schenz im März. Vorschläge für verpflichtende Gleichstellungsmaßnahmen werden hierzulande immer mit den gleichen Argumenten quittiert: Sie setzten die Leistung von Frauen herab; es gebe nicht genug qualifizierte Frauen – oder sie seien eben selber schuld, dass sie weniger verdienen und so selten in der Führungsetage anzutreffen sind. Nun mag sich ein guter Teil der Einkommensschere erklären lassen. Unter dem Strich bleiben aber immer noch – je nach Berechnung und Branche – mehr als zehn Prozent Lohnunterschied, an denen nicht zu rütteln ist und die sich hartnäckig halten.

Trotzdem setzt man in Österreich in Sachen Gleichstellung konsequent auf Freiwilligkeit. Der Einkommensbericht, zu dem Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek Firmen verdonnert hat, verkommt ohne Sanktionen zur Fleißaufgabe. Die mögen ja einige Betriebe brav erfüllen. Wie gründlich, das bleibt aber geheim, weil Zahlen nicht veröffentlicht und Mitarbeiter, die darüber reden, bestraft werden. Ähnlich steht es um die Quotenregelung für staatsnahe Unternehmen: Auch hier bleiben Unternehmen im Fall der Nichterfüllung ungestraft. An den Privaten geht sie ohnehin vorbei. Dass auf Freiwilligkeit basierende Appelle hierzulande auf taube Ohren stoßen, zeigt ebenfalls der Aufruf von EU-Justizkommissarin Viviane Reding: Im März forderte sie auch die österreichischen Unternehmen medienwirksam dazu auf, sich selbst einen höheren Frauenanteil zu verordnen. Er verhallte im alpenländischen Nichts. Und während deutsche Firmen von sich aus auf Frauensuche gehen, verweist die heimische Wirtschaft gerne auf die Politik, die „geeignete Rahmenbedingungen“ schaffen müsse.

An sanktionsfreien Appellen lässt es sich leicht vorbeilavieren. Aber im Nahkampf mit den Gewerkschaften, das zeigen die jährlichen Lohnrunden, geht es ums Eingemachte. Mit einer speziellen Lohnrunde für Frauen würden Unternehmen gezwungen, sich die Vorwürfe, mit denen Kritiker den Gehaltsunterschied erklären, genauer anzusehen. Wie zum Beispiel, dass Frauen in der Karenz auf der Gehaltsleiter stehen bleiben. Oder, dass sie von Haus aus zu niedrig eingestuft werden. Gleiches Geld für gleiche Leistung – welche Firma würde von sich aus zugeben, dass sie diesen Grundsatz nicht erfüllt? In Vorbereitung auf die Gewerkschafter würde er dem Realitäts-Check unterzogen.

In Österreich krankt es auf dem Weg zur Gleichstellung an der Kultur. Die Tatsache, dass es sogar an Stammtischen verpönt ist, über Einkommen zu reden, ist ein Teil davon. Dass sich Unterschiede in Funktion und Gehältern in naher Zukunft von selbst abschleifen, ist unwahrscheinlich. Und per Gesetz, das zeigen internationale Beispiele, geht es auch einfach schneller.

Der Vorschlag der Gewerkschaft, Frauenlöhne zusätzlich zu den Lohnrunden noch einmal zu verhandeln, mag skurril klingen. Aber zumindest liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, auch wenn er derzeit noch weit entfernt ist von seiner Verwirklichung. Wer will, kann jetzt handeln und dafür sorgen, dass es zu solchen Maßnahmen nicht kommen muss. Oder er muss nehmen, was kommt.

 

E-Mails an: jeannine.hierlaender@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2011)