"Waves Vienna" startet Ende September mit Osteuropa-Schwerpunkt. Es will Wien von seinem Klassikimage befreien und international neu positionieren.
Wien braucht ein internationales Popfestival. Diese Forderung gibt es beinahe schon so lange, wie das letzte über die Landesgrenzen hinaus renommierte Wiener Popfestival Geschichte ist: Das „Phonotaktik“ präsentierte 1995, 1999 und auch 2001 elektronische Musik aus Österreich auf Augenhöhe mit der internationalen Genre-Speerspitze. Seitdem ist es ziemlich ruhig in der „Musikstadt“ Wien geworden – bis im Vorjahr das „Popfest Wien“ auf dem Karlsplatz dem aktuellen Boom an heimischem Qualitätspop Rechnung trug. Nun, das war gut und wichtig. Trotzdem fehlt dem Popfest die internationale Ausrichtung und Strahlkraft. Zudem hat es bisweilen den Charakter einer freundlichen, aber unverbindlichen (Gratis-)Freiluftveranstaltung, bei der die Musik ein Faktor von vielen ist.
Internationaler Austausch
Das soll sich jetzt ändern. Ende September findet in Wien erstmals das „Waves Vienna“-Festival statt, auf dem 80 Bands und Künstler aus dem In- und Ausland in konzentrierter Form aufspielen werden: in den Clubs rund um den zweiten Bezirk (Flex, Fluc, Badeschiff, Pratersauna) sowie diversen Off-Locations. Wichtig war den Betreibern von Beginn an der internationale Anspruch: „Wir wollten in Wien eine Plattform für den Austausch der Musikbranche schaffen – mit Fokus auf eine Verbindung zwischen Ost- und Westeuropa“, erklärt Thomas Heher, Festivaldirektor und Herausgeber des Pop-Magazins „TBA“.
Das Musikprogramm wird daher von einer Konferenz für Fachpublikum begleitet. Mit dem erhofften Nebeneffekt, dass internationale Booker, Labelbetreiber und Journalisten, die nach Wien kommen, auf heimische Acts aufmerksam werden, wie Heher betont.
Acts der Stunde
Konzipiert ist das „Waves Vienna“ als Showcase-Festival, also eine Art Schaufenster für neue und aufstrebende Acts. Für den Headliner des Festivals, die englische Post- Punk-Band Gang Of Four, gilt das zwar nicht. Es ist aber immerhin ihr erstes Wien-Konzert seit ihrer Wiedervereinigung.
Andere – in der Popszene zu Recht – hoch gehandelte Acts kommen mit dem Waves-Festival erstmals nach Österreich: Allen voran Zola Jesus und EMA, zwei ausgezeichnete US-Künstlerinnen mit Musik im Zeichen von Weltschmerz und Entfremdung. Zola Jesus – eigentlich Nika Roza Danilova – gelang mit Arbeiten wie „Strindulum II“ ein zeitgemäßes Update von Gothic- Pop in der Tradition von Genre-Göttin Siouxsie and the Banshees.
Nach Wien kommt sie mit ihrem neuen Album „Conatus“, das am 30. September erscheint. Erika M. Anderson aka EMA aus South Dakota sang und spielte dafür Gitarre in diversen kalifornischen Underground-Bands, bevor sie im Mai ihr Solodebüt lieferte: mit Songs über Verlust und Verzweiflung, die genauso unter die Haut gehen, wie sie sich am Gitarrenlärm von Sonic Youth oder dem fragilen Folk-Pop von Cat Power schulen.
Mit dem britischen Post-Dubstep-Produzent Jamie Woon hätte ein weiterer Act der Stunden (nach einem Nachmittagsauftritt beim Frequency-Festival) beim Waves sein hiesiges Club-Debüt geben sollen. Er musste aber krankheitsbedingt absagen.
Osteuropaschwerpunkt
Veranstaltet wird „Waves Vienna“ von Monopol-Medien („The Gap“, „TBA“) in Kooperation mit der Wiener Musikagentur „ink Music“ und dem Musikinformationszentrum Mica. Von anderen europäischen Showcase-Festivals wie dem Hamburger Reeperbahn-Festival oder dem Eurosonic im niederländischen Gröningen will man sich mit einem programmatischen Osteuropaschwerpunkt abheben.
15 Live-Acts und diverse DJs aus Tschechien, Polen, Russland, Lettland und anderen osteuropäischen Staaten bieten die Chance, hierzulande völlig Unbekanntes entdecken: etwa Instrumenti, eine schrille Elektropop-Formation aus Riga, die gern in Pandabär-Kostümen auftritt. Kyst aus Polen mit gleichfalls experimentellem Free Folk. Oder Tempelhof, den tschechischen Beitrag zum Düster-Genre Witch House. Um den Netzwerkgedanken – das Motto der begleitenden Konferenz lautet „East Meets West“ – zu stärken, ging man Partnerschaften mit Festivals wie dem Exit in Novi Sad oder dem Wilsonic in Bratislava ein. So möchte man das heimische Publikum „vielleicht auch auf den Geschmack bringen, sich ein Konzert in Bratislava oder Budapest anzusehen“.
Heimischer Qualitätspop
Neben ausgeprägten Dänemark- und Island-Achsen mit Acts wie den live atemberaubenden Dance-Rockern Who Made Who, den avancierten Elektropoppern When Saints Go Machine, den Figurines oder Sin Fang steht eine Vielzahl heimischer Acts auf dem Programm. Killed By 9 Volt Batteries werden ihr neues Album live präsentieren, Peterlicker einen raren Auftritt absolvieren.
Weiters im Programm: Clara Luzia, Disco-Aficionado Wolfram, die House-Rabauken Ogris Debris, M185, Aber
das Leben Lebt, Saedi, Cherry Sunkist oder Soap & Skin, die mit Ensemble das seit Wochen ausverkaufte Eröffnungskonzert bestreiten wird. Sie und unzählige mehr tragen längst ihren Teil zu dem bei, was das „Waves Vienna“ laut Heher im Idealfall für Wien leisten kann: „Vielleicht das Image der Stadt, die international hauptsächlich für klassische Musik bekannt ist, ein wenig zu entstauben.“